Kommentar geschrieben am 16.8.2010
Hey Raven, ich darf nochmal kurz zusammenfassen, was ich von dir verstanden habe:
Du sagst, dass niemand alle Stellen der Bibel wörtlich nimmt (Bsp. Offenbarung). Du sagst weiterhin, dass die Diskussion zwischen „wortgemäß“ und „sinngemäß“ von außen an die Christen herangetragen ist. Danach gehst du in media res und sagst, dass Homosexualität und Sex vor der Ehe als ethische Fragen nicht relativiert werden dürfen.
Meine Gedanken dazu sind folgende: Ich habe den Eindruck, dass gerade in letzter Zeit viele Menschen die Bibel in ALLEN Stellen wortgemäß nehmen möchten – auch die Offenbarung. Also das es sie gar nicht gibt, das lasse ich dir nicht durchgehen (wenn ich es auch begrüßen würde). ;-) Wie viele es aber sind, das kann ich dir nicht beziffern.
Auch dass die Diskussion von außen kommt empfinde ich anders. Mitnichten kommt die Diskussion von außen, denn wir führen die Diskussion hier drinnen und uns allen geht es darum, den Glauben möglichst gut zu leben. Und gerade hast du gesagt, dass NIEMAND die Bibel 100% wörtlich nimmt – also wo ist bei dir die Grenze? Paulus willst du wörtlich nehmen, aber ein ganzes Buch (Offbg) dann gar nicht mehr. Ich darf mal vermuten, dass du auch aus dem AT viel streichen wirst. Und schon sind wir in der Diskussion, die du von außen aufgedrückt siehst – aber beteiligt sind nur wir hier drinnen. ;-)
Und jetzt kommen wir zu den „ethischen Fragen“. Weil ja beide Bereiche aus dem Bereich der Sexualität kommen, können wir hier mal die Gebote des AT zur Sexualität aufführen:
• Geschlechtsverkehr während der Woche nach dem Einsetzen der Menstruation wird mit dem Tod bestraft (Lev. 18,19; 15,19-24)
• Ehebrecher wurden gesteinigt (Dtn 22,22), allerdings konnte eine Frau nur die eigene, der Mann nur die Ehe eines anderen “brechen”. Eine Braut, die vor der Hochzeit ihre Jungfräulichkeit verloren hatte, wurde auch gesteinigt.
• Nacktheit war ein strenges Tabu (Gen 9,20ff, 2.Sam 6,20; 10,4; Jes 20,2-4; 47,3)
• Polygamie und Konkubinat dagegen kommen wiederholt vor und werden nicht kritisiert, im Judentum noch in nachneutestamentlicher Zeit
• Die Leviratsehe ist Brauch im AT wird auch von Jesus ohne negative Wertung erwähnt
• Wie das Hohelied andeutet, sind im Judentum einvernehmliche sexuelle Beziehungen unter Unverheiratetenin Einzelfällen möglich, so lange sie den Brautpreis nicht schmälern (s.o.).
• In manchen ländlichen Gegenden erfolgte auch unter Christen die Eheschließung erst dann, wenn die Braut schwanger war. Kinderlosigkeit konnte man sich nicht leisten.
• Sperma und Menstruationsblut verunreinigten nach dem jüdischen Gesetz einen Menschen für einen Tag bzw. eine Woche – Christen kümmert das heute in der Regel gar nicht mehr.
• Regelungen zu Ehebruch, Inzest, Vergewaltigung, Prostitution drehen sich meistens um die Frage, wie hier männliche Besitzverhältnisse in einer patriarchalischen Gesellschaft berührt werden. In manchen jüdischen Texten ist zwar die Prostituierte eine Sünderin, nicht aber der Mann, der zu ihr geht. Heute verstehen wir das anders, weil wir von einer gleichberechtigten Partnerschaft mit Liebe, Treue und gegenseitiger Achtung ausgehen.
• Die Mischehe mit Angehörigen anderer Völker ist im Alten Testament in der Regel verboten
• Das mosaische Gesetz erlaubt die Scheidung, Jesus verbietet sie, die meisten Christen haben sich mit der Realität von Scheidungen inzwischen irgendwie arrangiert.
• Ehelosigkeit wird im Alten Testament als abnormal empfunden, ihre generelle Forderung in 1Tim 4,1ff als Häresie bezeichnet, Paulus empfiehlt sie als Charisma und Jesus lebt sie vor.
• Sklaverei wird in Teilen der Bibel akzeptiert und der “Gebrauch” von Sklavinnen als Konkubinen gehörte da auch dazu.
(Quelle: http://www.elia-gemeinschaft.de/wordpress/2010/08/12/theologie/homosexualitat-wink-ohne-zaunpfahl - übrigens auch ein evangelikaler Bruder, der den Blog schreibt)
Bei der Homosexualität bringst du als einziges Argument, nicht dem Zeitgeist nachzulaufen. Das geht etwas an der eigentlichen Diskussion vorbei, ob es Gott eigentlich tatsächlich gebietet, dass monogame, auf Lebzeiten angelegte homosexuelle Partnerschaften geführt werden (weil, wir wollen mal gleiches mit gleichem vergleichen: wer hier nochmal von homosexuellem Sex schreibt, der muss dem den heterosexuellen Sex in gleicher Manier gegenübersetzen – also One Night Stand zu One Night Stand, Affäre zu Affäre, langjährige Partnerschaft zu langjähriger Partnerschaft).
Beim Sex vor der Ehe führst du als Argument die Versorgung der Hinterbliebenen an. Zum einen ist das schon lustig, weil du religiöse Gebote mit zivilrechtlichen Regelungen begründest, die in den 170 Ländern der Erde überall etwas anders geregelt werden. Aber auch in der Sache selbst gehst du fehl – welche Ansprüche hat denn die Witwe nach 2 Jahren Ehe? Ohne Testament erbt sie die Hälfte des Vermögens des Mannes – das dürfte in unserem Alter nicht bedeutend sein. Mit Testament gibt es keinen Unterschied zu Nicht-Verheirateten. Eine Witwenrente ist in dem Alter noch nicht erarbeitet und wird auch in dem Alter nicht ausgezahlt. Also wo soll ein Richter aktiv werden? Es gibt also nach der Zeit keinen Unterschied zwischen Partnerschaft und Ehe. Ich sehe dein Argument für tatsächlich langjährige Beziehungen, aber wie wir uns um Bedürftige kümmern, das überlegt sich die Gesellschaft ja öfter mal neu (AT durch die Familie, heute durch den anonymen Staat).
Danach sagst du, dass man ja früh heiraten kann. Na klar, gebe ich dir völlig recht. Aber wir sehen ja auch in den USA (Vorreiter von allem) ;-) was daraus folgt: es gibt nirgends so viele Scheidungen im Alter unter 30 wie im Bible Belt. Das sind nämlich die Leute, die früh heiraten und dann merken, dass sie doch nicht reif dafür sind. Kenne ich auch aus eigenen Bekannten vom Highschool-Jahr drüben… schon blauäugig gewesen…