Kommentar geschrieben am 23.4.2012
Eigentlich ist die Diskussion hier ja nicht mehr aktuell, aber einen Punkt finde ich wichtig genug, um ihn trotzdem anzusprechen:
Es scheint Unklarheit über die Bedeutung von Gender Mainstreaming zu geben. Dazu:
Ja, es geht um politisch-rechtliche Gleichberechtigung von Männern und Frauen - wenigstens bei Gender Mainstreaming als politisches Ziel/Maßnhame in Deutschland.
Darüber hinaus aber geht es in der aktuellen wissenschaftlichen Forschungen zum Thema, in den Gender Studies, tatsächlich darum, dass Geschlecht als Kategorie irrelevant sei und Geschlecht generell ein Konstrukt, ergo in keinerlei Form als "Gegebenes" existent. Gender Mainstreaming bedeutet in diesem Zusammenhang tatsächlich die Gleichmacherei, im Grunde sogar Abschaffung von Geschlechtern - wenigstens dichotomen, präziser soll es wohl darum gehen, dass es mehr als zwei Geschlechter gebe und man sein Geschlecht frei wählen darf, es aber als rechtliche Kategorie z. B. auf dem Personalausweis irrelevant werden soll.
Das Missverständnis zum Begriff hat, vermute ich, auch damit zu tun, dass sich die Bedeutung des Wortes "Gender" selbst änderte: Anfänglich ging es dabei nur um den sozial konstruierten im Unterschied zum biologischen Teil einer Identität als Mann oder Frau. Inzwischen ist der Begriffsgebrauch oftmals schwammig; in der Gender-Bewegung meint er keine mit (biologisch) gegebenen Merkmalen verknüpfbare und dichotome soziale Identitätskategorie mehr, sondern Geschlecht als gänzlich konstruiertes und somit vollständig frei wähl- und veränderbares Identitätselement.
Auf dijg.de z. B.finden sich einige Infos dazu, die ich als glaubwürdig einstufe und daher aufschlussreich finde: Es werden unter anderem Vertreter der Bewegung bzw. aus deren Werken zitiert, die die "Gleichmacher-Variante" belegen, etwa aus einem Einführungsband zu Gender für Studis. Besonders schockiert haben mich persönlich Ausführungen zu der Handhabung des Themas in der UN: http://www.dijg.de/gender-mainstreaming/dale-o-leary-agenda-konzept-hintergrund/
Auch in meinem Studium, Ethnologie, kommt man um das Thema kaum rum: In einem Seminar haben wir einen Text von Judith Butler gelesen, die ein Idol der Gender-Bewegungen ist. Sie behauptete darin, dass auch das "biologische Geschlecht" eine Illusion sei. Eine Kommilitonin, die auf dem Gebiet sehr engagiert ist, sagte vor ein paar Monaten in einem anderen Kurs: "Die aktuelle Frage, die man sich in den Gender Studies stellt, ist: Gibt es Geschlechter, und wenn ja, wie viele?" Die Existenz dieser Auffassung(en) ist also kein Mythos.
Die dennoch berechtigte Frage, wer "so was" denn mache, sprich: Welche gesellschaftliche Alltagspraxis denn diese Auffassung belege, ist in Teilen hier beantwortet worden: z. B. einzelne Projekte zu "geschlechtsloser Erziehung" an Kindergärten. Davon abgesehen, sehe ich die Ursache in einem vielleicht banalen, aber üblichen Phänomen: Der Tasache, dass die ganze Chose derzeit noch mehr im wissenschaftlichen Diskurs als in der gesellschaftlichen Realität beheimatet ist. Es ist meiner Einschätzung nach eine Frage der Zeit, bis das so im gesellschaftlichen Alltag präsent(er) wird. Das ist ja bei vielen Begriffen, Ideen etc. der Fall.
Wie gesagt, die "Gleichberechtigungs-Variante" von Gender Mainstreaming gibt es - die "Gleichmacher-Variante" aber auch, das ist keineswegs falsch.