Zweisamkeit zu zwanzigst
Warum gibt es eigentlich keinen Ehe-Führerschein? Würden plötzlich alle Verkehrsteilnehmer auf ihre Ausbildung verzichten und sich stattdessen ohne Kfz-Führerschein in den Straßenverkehr stürzen, gäbe es bestimmt ein großes Durcheinander. Entschließen sich zwei Menschen jedoch, ihr ganzes Leben miteinander zu verbringen "bis, dass der Tod uns scheidet", gibt es zunächst keine Regeln. Schließlich liebt man sich - und wenn nicht, dann trennt man sich irgendwann wieder. Die steigenden Scheidungszahlen verdeutlichen das allzu gut. Um junge Paare davor zu bewahren und ihnen zu helfen, gut vorbereitet in die Ehe zu starten, bieten verschiedene Organisationen Ehevorbereitungsseminare an, wie zum Beispiel "TEAM.F - Neues Leben für Familien".
Für manche mag es eine furchtbare Vorstellung sein: In jeder Ecke händchenhaltende Pärchen, Stühle in Zweiergruppen und romantisch-daherplätschernde Klaviermusik aus Lautsprechern: Zeit für Gruppenarbeit! Es ist aber gar nicht so schlimm, wie es sich anhört. Vielleicht klingt der Begriff „Ehevorbereitungsseminar“ nicht gerade einladend, doch was sich dahinter verbirgt, ist alles andere als langweilig. Auch wenn man das nicht auf Anhieb in den Gesichtern aller männlicher Teilnehmer erkennen kann. Dass die richtige Vorbereitung auf die Ehe Frauen ein größeres Anliegen ist, ist wohl kein Geheimnis. Es gehört zu den Standardaussagen jedes Ehebuches: Frauen sind beziehungsorientiert, Männer sachorientiert.
Ärger vorprogrammiert
Das „Wochenende für Verlobte und Jungverheiratete“ wird von drei Ehepaaren geleitet, die die 14 verlobten und wenigen frisch verheirateten Paare begleiten. Alle drei Paare arbeiten ehrenamtlich für Team.F und sind auf eigene Kosten angereist. Nach einer Vorstellungsrunde wird das Buch „Fünf Sprachen der Liebe“ von Gary Chapman vorgestellt: Lob und Anerkennung, Geschenke, Hilfsbereitschaft, Zärtlichkeit und Zweisamkeit sind die „Sprachen“, in denen sich jeder Mensch Liebe wünscht. Wenn zwei Menschen nicht die gleiche „Liebessprache“ sprechen, ist Ärger vorprogrammiert: „Du liebst mich nicht mehr, weil du so viel arbeitest!“ „Aber ich arbeite doch nur so viel, damit wir ein bequemes Leben haben!“ ist nur eine Form der Fehlkommunikation.
... bis ich meine Freundin kennenlernte
„Ich habe Flugzeuge immer kategorisch abgelehnt und wollte nie in ein solches Umweltverschmutzungs-Ungetüm einsteigen. Dann lernte ich Nicole kennen“, erzählt Referent Erwin. Anpassung war das Thema am zweiten Seminartag. Das Großfamilien-Landei Erwin und das verwöhnte Einzelkind aus der Stadt Nicole mussten sich in vielen Punkten aneinander anpassen. „Ich bin der Kommunikative, und sie ist mehr die Schweigsame. Sind wir mit vielen Leuten zusammen, buttere ich sie dann natürlich schnell unter.“ Um Erwin dezent darauf aufmerksam zu machen, hat sich Nicole etwas einfallen lassen: „Bei der Zeichentrickserie ‚Die Daltons' gab es einen, der oft darauf hingewiesen wurde, dass er zuviel spricht. Dann hieß es ‚Halt den Rand, Averell' und da ‚Averell' dezenter ist als ‚Halt den Rand', haben wir uns diesen ‚Geheimcode' ausgesucht. Wenn er zu viel redet, sage ich jetzt nur ‚Averell', und er weiß sofort, was los ist.“ Übrigens: Erwin fliegt inzwischen auch.
Frau: „Liebst du mich noch?“ Mann: „Klar, wenn sich was daran ändert, sag ich Bescheid.“
Kommunikation in der Ehe ist das A und O. Männer kommunizieren, um Informationen auszutauschen. Frauen hingegen sprechen eher, um Beziehungen aufzubauen - was zwangsläufig dazu führt, dass Frauen viel mehr reden als Männer: Klischee bestätigt. Das führt dazu, dass sich meist eher der Mann dazu bewegen muss, seine Gefühle und Gedanken mitzuteilen. Alfons und Ulli präsentieren Hilfen für eine gute Kommunikation: Zeit, echtes Interesse und realistische Erwartungen an den Partner, den anderen nicht anklagen oder Schuld zuweisen, in Kontakt mit den Gefühlen kommen und das gemeinsame Gebet pflegen - das sind Grundpfeiler einer guten Kommunikation in der Ehe. Sie empfehlen jedem Paar, sich mindestens einen Abend/Tag pro Woche freizunehmen, um ihn nur zweit zu verbringen.
Was sich liebt, das zofft sich
Ewigwährende Harmonie gibt es nicht. Tun sich zwei verschiedene Charaktere zusammen, sind Unstimmigkeiten zu erwarten. Doch faires Streiten will gelernt sein: Wenn wir dem anderen nicht richtig zuhören oder ihn nicht ausreden lassen, können Missverständnisse entstehen. Dem Gegenüber dürfen keine Vorwürfe gemacht werden, sondern beide Seiten müssen lernen, ihre Anliegen sachlich zu formulieren. Auch Verallgemeinerungen wie „du wirst dann immer gleich zickig“ sollten vermieden werden. Als Christen haben wir den Vorteil, uns auf die Vergebung Jesu Christi zu berufen: So wie er uns vergeben hat, sollen wir auch unserem Nächsten - in diesem Fall unserem Ehepartner - vergeben. Eine gemeinsame geistliche Grundlage ist darum sehr wichtig.
Intimes am Samstagabend
Am zweiten Abend drehte sich alles um Sexualität. Die offene Art der Referenten sprengt die Scham. „Habt nicht zu große Erwartungen an eure Hochzeitsnacht!“ appellierten Bernhard und Petra. Sie sprechen aus Erfahrung. Nach der Hochzeitsfeier sind sie schnell ins Hotel gefahren - was sie im Nachhinein bereuen. „Genießt eure Feier bis zur letzten Sekunde. Es ist sonst nur ärgerlich, wenn ihr etwas verpasst, nur weil ihr es nicht abwarten könnt, endlich alleine zu sein.“ „Außerdem verliert die Intimität im Alter nicht an Qualität - im Gegenteil!“ fügen Alfons und Ulli hinzu. Besonders ans Herz gelegt wurde allen Teilnehmern, sich ein reiferes Ehepaar - am besten aus der Gemeinde - zu suchen und mit ihnen im Gespräch zu bleiben. „Austausch untereinander“ war auch das Leitmotiv der zwei Tage in Linz. Immer wieder gab es Gelegenheit zum Gespräch unter vier Augen. „Meine Verlobte und ich haben uns lange nicht mehr so intensiv unterhalten“, erzählt Sammy (26) aus Innsbruck. „Es war ein super Wochenende.“ Zum Schluss war also auch in den männlichen Gesichtern zu erkennen, dass ein „Ehevorbereitungsseminar“ gar nicht so schlimm ist, wie es sich vielleicht anhört.
Erfahrungsbericht
Besonders hilfreich waren für uns die „Fünf Sprachen der Liebe“. Wir haben uns hinterher auch gleich die passenden Bücher dazu gekauft. Für mich gab es die Comic-Version; David liest lieber dicke Bücher. Wir haben erkannt, dass wir zwei verschiedene Liebessprachen sprechen. Ich brauche eher Zweisamkeit und David Zärtlichkeit. Früher hat er sich abgelehnt gefühlt, wenn er mir ein Bussi geben wollte und ich weggegangen bin. Aber das wurde mir manchmal einfach zu viel und engte mich ein. Auf der anderen Seite mochte ich es nicht, wenn ich mit ihm geredet habe und er gleichzeitig etwas gemacht hat, z.B. abwaschen. Jetzt können wir besser aufeinander eingehen und freuen uns auf unsere Hochzeit nächste Woche!


