Zwei grundverschiedene Kandidaten
Am 30. Juni wird unser neues Staatsoberhaupt gewählt. Und alle warten gespannt, wie geschlossen die Wahlmänner und -frauen der Regierungsparteien abstimmen werden. Bringen sie ihren Kandidaten Christian Wulff ins höchste Staatsamt oder sorgt Joachim Gauck, Kandidat der Opposition, doch für die große Überraschung? Doch wer sind die beiden Anwärter überhaupt? Was unterscheidet sie? Und was wird uns in Zukunft von ihnen erwarten?
Kindheit und Jugend
Schlappe 19 Jahre beträgt die Altersdifferenz zwischen den beiden. Und doch könnten ihre Biografien unterschiedlicher nicht sein. Auf der einen Seite Joachim Gauck: Geboren in Rostock während des Krieges, bekommt er vom Bombenkrieg nichts mit, weil er die Zeit bei den Großeltern auf dem Land verbringt. Sein Vater, ein Kapitän, gerät in englische Kriegsgefangenschaft. Kurze Zeit nach seiner Rückkehr wird er verhaftet und von einem sowjetischen Militärgericht wegen Spionage zu zwei mal 25 Jahren im sibirischen Arbeitslager verurteilt – nur weil man an seinem Arbeitsplatz eine nautische Fachzeitschrift aus dem Westen entdeckt hatte. Aus dieser Erfahrung heraus erziehen die Eltern ihren Sohn Joachim und seine drei jüngeren Geschwister zu einer strengen Ablehnung gegen die staatliche Obrigkeit.
Christian Wulff wächst als Scheidungskind auf – seine Eltern trennen sich, als er gerade zwei Jahre alt ist. Er bleibt bei seiner Mutter und pflegt sie jahrelang, als sie an Multipler Sklerose erkrankt. Deshalb muss er auch keinen Wehr- oder Zivildienst ableisten. Daneben kümmert er sich um die Erziehung seiner kleinen Schwester. Schon früh engagiert er sich parteipolitisch – mit 16 tritt er in die Schüler Union ein und wird sogar deren Bundesvorsitzender. Außerdem ist er in der Jungen Union aktiv.
Studienzeit und Beruf
Weil er in keiner der DDR-Parteiorganisationen ist, darf Gauck nur Theologie studieren. Das macht er zuerst aus philosophischem Interesse und weil er Argumente gegen den Marxismus-Leninismus sucht. In seinem Vikariat jedoch erfasst ihn die Begeisterung für den Pfarrersberuf. Er arbeitet als Pastor zunächst in einer ländlichen Gemeinde, später in einem Stadtteil Rostocks. Als er in die Kirchentagsarbeit eintritt, beginnt die Stasi ihn zu überwachen – wegen öffentlicher kritischer Äußerungen über die Staatsführung der DDR. Die Stasi versucht sogar, ihn als Inoffiziellen Mitarbeiter anzuwerben, was er ablehnt. Heute wird ihm vorgeworfen, er habe von der Staatssicherheit Vergünstigungen erhalten – quasi als Vorleistung für eine potentielle Zusammenarbeit. Gauck bestreitet das. Ab 1989 ist er im Neuen Forum in Rostock engagiert und wird dessen Vertreter in der Volkskammer. Dort ist er einer der Initiatoren des Stasi-Unterlagengesetzes. Deshalb macht Helmut Kohl ihn nach der Wende zum Sonderbeauftragten der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes. Als solcher setzt Gauck sich für die Aufklärung der Stasiverbrechen ein. Nach seiner Ablösung durch Marianne Birthler im Jahr 2000 engagiert sich Gauck in seinem Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“.
Christian Wulff studiert in Osnabrück Jura mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt. Nach seinem zweiten Staatsexamen arbeitet er in einer Anwaltskanzlei. Daneben ist er für die CDU erst im Rat der Stadt Osnabrück vertreten, danach im Landtag von Niedersachsen. Sowohl 1994 als auch 1998 tritt er für seine Partei als Spitzenkandidat bei den Landtagswahlen an, kann sich aber beide Male nicht gegen Gerhard Schröder durchsetzen. 2003 tritt er wieder an und gewinnt deutlich, diesmal gegen Sigmar Gabriel. Er bleibt Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, bis er bei der Wahl zum Bundespräsidenten am 30. Juni antritt.
Familiensituation
Joachim Gauck lebt von seiner Ehefrau Hansi, mit der er vier Kinder hat, getrennt. Christian Wulff ist von Christiane Wulff, mit der er eine Tochter hat, geschieden. Er ist verheiratet mit Bettina, die einen Sohn mit in die Beziehung brachte. Die beiden haben außerdem noch einen gemeinsamen Sohn. Wulff ist Katholik.
Was wird uns erwarten?
Joachim Gauck sieht sich als parteilosen Kandidaten. Das zeigt sich auch darin, dass er zwar von SPD und Grünen nominiert wurde, die CSU aber schon 1999 für die damalige Bundespräsidentenwahl über eine Nominierung Gaucks diskutiert hat. Er bezeichnet sich selbst als „linken liberalen Konservativen“. Sein großes Thema ist die Freiheit – und das ist authentisch, wenn man seine Biografie betrachtet. Die Medien lieben ihn und bezeichnen ihn als den „Opa-Obama“ (Spiegel). Joachim Gauck, ein begnadeter Rhetoriker, ein Mann, den die Massen lieben. Und doch war die Besetzung des höchsten Staatsamtes immer auch eine politische Entscheidung. Und mit Horst Köhler war schon der letzte Bundespräsident keiner aus dem Politik-Establishment – und scheiterte letztlich am Druck und der Bürde des Amtes.
Christian Wulff dagegen kann politisch kaum noch etwas überraschen. Er gibt sich vor der Wahl selbstbewusst und sieht es als Vorteil an, aus der aktiven Politik zu kommen. Als Ministerpräsident wies er schon die Eigenschaften auf, die man als präsidial zusammenfasst. Er versuchte, stets versöhnlich zu wirken. Vor einigen Jahren attestierte Wulff sich selbst, „nicht den absoluten Willen zur Macht“ zu haben. Damit grenzte er sich von manch anderen Ministerpräsidenten ab, die sich als Merkels Kronprinzen sahen.
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