Zölibatsdiskussion: Mittel zum Zweck?
Die Missbrauchsfälle innerhalb der Katholischen Kirche haben eine alte innerkirchliche Kontroverse wiederaufgewärmt – die Diskussion über Sinn und Notwendigkeit des Zölibats. Doch der Zeitpunkt für eine Wiederauflebung der alten Debatte ist denkbar falsch. Denn dahinter stecken keineswegs Kräfte, die eine womöglich sinnvolle theologische Diskussion im Sinn haben. Vielmehr versuchen Kirchenfeinde, die gesamte katholische Lehre auf die Linie des Zeitgeists zu zwingen.
Gehen die Missbrauchsfälle auf das Konto des Zölibats?
In den letzten Monaten vergeht kaum ein Tag, an dem der katholische Zölibat nicht in einen direkten Zusammenhang zu Kindermissbrauchsfällen gerückt wird. Dabei ist eine derartige Argumentation erwiesenermaßen recht haltlos: Der Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber geht davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit, zum Missbrauchstäter zu werden, bei nichtzölibatär lebenden Männern sogar 36 mal höher ist. Im Gegenteil, die katholische Geisteshaltung schütze Priester in den meisten Fällen davor, zum Täter zu werden. Und tatsächlich: Gerade einmal knapp mehr als hundert katholische Priester sind an den circa 210 000 aufgedeckten Kindermissbrauchsfällen in Deutschland seit 1995 beteiligt gewesen. Das kann nicht gerade als Beleg für einen direkten Zusammenhang zwischen Zölibat und Kindermissbrauch dienen.
Der Zölibat als perfides Totschlagargument
Derart eindeutige Statistiken wie diese sind freilich auch den Redakteuren von „Spiegel“ und Co nicht unbekannt. Trotzdem benutzen sie die Missbrauchsfälle in diesen Tagen immer wieder als Totschlagargument gegen den Zölibat. Befürworter des Zölibats werden in diesem Sinne zu Menschen verklärt, denen das Schicksal der unzähligen Missbrauchsopfer egal ist. Zu Menschen, die das Opfer dieser Kinder bewusst in Kauf nehmen, um an angeblich überkommenen Traditionen festzuhalten. Diese Argumentation ist aber nicht nur sachlich falsch, sie ist auch unfair. Denn sie arbeitet in der grundsätzlich legitimen Zölibatsdiskussion mit einer maßlosen Dämonisierung des Gegenübers.
Unser Zeitgeist – Bunt, liberal und säkular
Noch dazu kommt der mediale Beschuss auf den Zölibat zumeist nicht von Mitgliedern der Katholischen Kirche oder Christen anderer Konfessionen, sondern von außerhalb. Es ist gerade das linksliberale, kirchenferne Lager, welches sich derartiger Klischees bedient. Von einer theologischen Diskussion kann daher in den meisten Fällen keine Rede sein. Diese kirchenfernen Medien sind geprägt vom Zeitgeist und seinen Erscheinungen wie Abtreibung, Homo-Ehe und Geburtenkontrolle. Traditionelle Lebensformen wie die Ehe zwischen Mann und Frau werden vom Zeitgeist nicht länger als Norm angesehen, sondern als eine von vielen Möglichkeiten zur individuellen Lebensgestaltung in einer möglichst kunterbunten und säkularen Welt.
Die Katholische Kirche hingegen lehnt Dinge wie Abtreibung, Homosexualität und Geburtenkontrolle ab und vertritt ihre Vorstellungen gerne auch offensiv. Das erklärt sich aus ihrem Selbstverständnis: Die Lehre der Kirche hat universellen, zeitlosen und weltweiten Geltungsgrad und steht in keiner direkten Wechselbeziehung zum Zeitgeist – wie dieser auch ausgeprägt sei. Diese Universalität des Katholischen ist freilich so manchem besonders eifrigen Anhänger des säkularen Zeitgeistes ein Dorn im Auge. Die Katholische Kirche, wenn nicht das gesamte Christentum, ist in diesem Lager Symbol für ein rückwärtsgewandtes Weltbild.
Der Zölibat als Mittel zum Zweck
Die Schuld für die Missbrauchsfälle liegt – so die Argumentation der Zölibatsbekämpfer – in der katholischen Lehre selbst: Denn diese ermögliche das Phänomen durch ihre Zölibatsregelung ja erst. Weil der scheinbar natürliche Zusammenhang zwischen Zölibat und Kindsvergewaltigung inzwischen von fast allen Medien zum Faktum erhoben wird, beginnt eine breite Mehrheit in Gesellschaft und Kirchenvolk, daran zu glauben.
Dieser mehrheitliche Glaube an eine Schuld der katholischen Lehre selbst führt zu steigendem Misstrauen gegenüber der Kirche und damit auch zu steigenden Austrittszahlen. Das setzt die Kirche über kurz oder lang unter Druck. Sie macht sich angreifbar, weil Austrittswellen die Kirche an einem wunden Punkt treffen. Dabei kommt mittelfristig eine natürliche Frage auf: Opfert man den Zölibat der breiten Menge, um keine Massenflucht aus der Kirche zu riskieren?
Nicht nur das Zölibat steht zur Debatte
Die Abschaffung des Zölibats wäre für viele Kirchenmitglieder ein wichtiger Schritt gegen das Missbrauchsproblem – so haben es ihnen kirchenfeindliche Medien vorher weisgemacht. Was ein solcher Schritt aber tatsächlich bedeuten würde:
Eine breite, vom Zeitgeist beeinflusste Masse hätte unmittelbaren Einfluss auf die katholische Lehre. Der Zölibat wäre nicht aus einer theologischen Erkenntnis oder aus dem Ergebnis einer theologischen Grundsatzdebatte heraus abgeschafft worden. Vielmehr wäre der Zölibat gelyncht worden, um einer weltlichen Gefahr für die Kirche entgegenzutreten – nämlich einer möglichen Austrittswelle. Und zerstört wäre nicht nur eine einfache Regelung, sondern de facto der gesamte Universalitätsanspruch der Kirche. Ein Teil der katholischen Lehre und damit ihr Wahrheitsanspruch wäre dem Zeitgeist zum Fraß vorgeworfen worden. Das gesamte, über Jahrtausende gepflegte Wertefundament der Kirche stünde plötzlich zur Debatte.
Und die Kirchenfeinde hätten in vielleicht nicht allzu ferner Zukunft ihr eigentliches Ziel erreicht: Eine Kirche, die sich den moralisch-ethischen Ausartungen des Zeitgeists nicht länger widersetzt. Eine Kirche, die plötzlich Euthanasie und Abtreibung gutheißt und ihren Priestern eine Homo-Ehe im Namen einer bunteren Gesellschaft nahe legt. Nein, danke!
Die Kirche braucht eine fundierte theologische Diskussion – aber nicht so!
Die Kirche sollte überhaupt gar nicht erst versuchen, den Zölibat aufzugeben, um die Anhänger des liberalen Zeitgeists zu beschwichtigen – denn dann wäre sie aus der Reserve gelockt. Eine Reform des Zölibatsgedanken kann, wenn überhaupt, nur im Zuge einer fundierten theologischen Diskussion geschehen. Nicht im Zuge einer hektischen und kirchenfeindlich motivierten Schlammschlacht von außen. Denn dabei geht es eigentlich nicht um den Zölibat, sondern darum, die Kirche und ihre Lehre an den Zeitgeist zu fesseln.
Hier geht’s zum Interview mit dem Kriminalpsychologen Hans-Ludwig Kröber: Man wird eher vom Küssen schwanger als vom Zölibat pädophil.


