Wortlaut der Bibel - nicht alles?

Was mir bei idealisten.net stetig auffällt ist die große Anzahl an Autoren, die den Wortlaut der Bibel als absolut betrachten. Um es provokativ zu sagen: sie machen sich keine weiteren Gedanken, außer der Bibel Wort für Wort zu folgen. In diesem Artikel geht es also um Wortlaut versus Sinn der Bibel, es geht um Geld, um Wirtschaftsformen, um vorehelichen Sex, Homosexualität und vor allem darum, im Diskussionsforum (unter diesem Artikel) viele Leute zum Schreiben zu animieren.

 

Durchdenke mit mir zwei Konstellationen! Kleines Spiel: kann ein Christ langfristig Geld sparen? Die Antwort ist schwierig, denn nach dem Alten Testament ist in jedem siebten Jahr Erlassjahr und alle Schulden werden vergeben (5. Mose 15): “Nach sieben Jahren sollst du einen Erlass anordnen. Dies ist aber die Ordnung des Erlasses: Kein Schuldherr, der seinem Nächsten etwas geliehen hat, soll es von seinem Nächsten oder von seinem Bruder fordern; denn man hat einen Erlass des HERRN ausgerufen. Von einem Fremden kannst du es fordern; aber was du bei deinem Bruder hast, das soll deine Hand freilassen.“ Bei jedem Sparguthaben hat man der Bank etwas geliehen, was nach dieser Anordnung hinfällig wäre, sofern es sich um eine Bank „des eigenen Volks“ wäre. Die Unterscheidung lautet also folgendermaßen: Sparbuch, Anleihen, Tagesgeld und Festgelder sind länger als sieben Jahre tabu, Aktien sind jedoch in Ordnung, weil man dabei Miteigentümer des Unternehmens ist und diesem kein Geld schuldet. Als Alternative kommen noch alle Sparguthaben in nicht-christlichen Ländern in Betracht – also z.B. in China oder im Arabischen Raum.

Gibt es eine christliche Wirtschaftsform?

Das macht stutzig aber folge mir ins zweite Beispiel: Welche Wirtschaftsform befürwortet ein aufrichtiger Christ? Schauen wir doch ins Alte Testament: dort wird wie selbstverständlich zwischen Sklaven, Tagelöhnern und Knechten unterschieden. Ja richtig, es wird noch zwischen „ausländischen“ und „hebräischen“ Sklaven unterschieden (2. Mose 21). Quasi als Gegenprobe akzeptiert der wortlautgläubige Christ ja noch den Blick ins Neue Testament. In Matthäus 25 sagt Jesus: „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.“ Können wir also guten Gewissens die Sklaverei unterstützen? Natürlich nicht und dieses Beispiel soll den geneigten Leser auch nur sowohl neugierig auf den weiteren Artikel machen als auch etwas provozieren, das gebe ich zu.

Wortlaut betrachten reicht nicht

Also, diese Bibelstellen soll nur eines zeigen: Wortlaut betrachten reicht nicht. Aus diesem Grund hat ja auch der Teufel Jesus mit Hilfe von Bibelstellen verführt. Matthäus 4: „Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.“ Der Teufel benutzt also den Wortlaut der Bibel. Es ist also immer zwingend, den Zusammenhang der Worte thematisch und systematisch zu begreifen. In diesem Sinne hat übrigens auch Jesus gekontert. Die Argumente für die reine Wortlautauslegung sind häufig: „Dammbruch“ und „Sicherheit“. Wenn wir erstmal eine Stelle der Bibel für vernachlässigenswert erachten, dann ist nachher die ganze Bibel nichts wert. Oder: woher soll ich wissen, wie ich Gott gerecht werden kann, wenn ich mich nicht an den Wortlaut dessen halte, was in der Bibel steht?

Argumente der Schwäche

Um es kurz zu machen: beides sind Argumente der Schwäche. Es geht niemals darum, das Wort Gottes zu entkräften, sondern im Gegenteil darum, es wirklich wirksam werden zu lassen – in unser heutigen Zeit! Und wenn wir die grandiose Gelegenheit haben, mit unserem Gott zu reden, warum befragen wir ihn dann nicht dazu, ob wir die Bibel heute richtig verstehen, selbst wenn wir vom Wortlaut abweichen?

Gott gab uns den Verstand

Schließlich, als letztes: Gott hat uns unseren Verstand gegeben und den sollen wir nicht nur außerhalb der Gemeinde gebrauchen – und ein wenig sollen wir uns auch selber vertrauen, wenn wir ernsthaft frage und nicht nur, um eigene Unzulänglichkeiten zu legalisieren. Hast du dich je gefragt, ob heute Engel noch mit Flammenschwert oder Streitwagen erscheinen würden? Beides wäre doch etwas ungewöhnlich, wenn der Gegner eine Schusswaffe hätte. Hier merkt der geneigte Leser: es ging in der Bibel nicht um das Schwert oder den Streitwagen an sich, sondern um die Darstellung eines Soldaten mit der modernsten verfügbaren Waffe. Schwert und Streitwagen waren das Beste, was die damalige Kriegskunst hervorgebracht hat – vergleichbar mit heutigen Maschinengewehren und Panzern. Und das macht ja auch schon viel mehr Eindruck. ;-)

Drei Denkschritte

Es wird also oft vergessen, dass die Worte in ihrer jeweiligen Zeit stehen. Dies ist vor allem zu bedenken, da zu Zeiten der Bibel eine Theokratie herrschte, „weltliche“ und „religiöse“ Macht zusammenfielen und auch die Vorschriften nicht getrennt wurden. Daher erklären sich z.B. die Vorschriften zur Bestellung der Felder, die Heeresvorschriften und so vieles mehr. Oder wer lässt seinen Gemüsegarten heute noch jedes 7. Jahr planmäßig brach liegen? Es sind also immer drei Denkschritte von Nöten, um überhaupt den Wortlaut zu begreifen: 1. Handelt es sich um „weltliche“ oder „theologische“ Anordnungen? 2. Sind die Anordnungen nur ein Ausfluss, aber nicht die Regel an sich (und sollten wir also stattdessen auf die Regel schauen)? 3. Am Ende zählt die Liebe Gottes, denn das Wort Gottes hat uns gerecht gesprochen und nicht unser Einhalten der Gesetze. Ist es also eine Anordnung, die Gott aus Liebe zu uns aufstellt?

Hat Gott seine Meinung geändert?

Das beste Beispiel hierfür sind die Speisevorschriften: im Alten Testament war der Genuss von Schweinefleisch nicht gestattet, weil es schwierig war, Schweine hygienisch einwandfrei zu halten, so dass keine Krankheiten übertragen wurden. Daher auch die Anordnung des Schächtens, um keine Probleme mit geronnenen Blut zu bekommen. Wenn Paulus diese Vorschrift für die Christen aufhebt, hat dann Gott seine Meinung geändert? Nein, Paulus hat bei seinen ausgedehnten Reisen nach Griechenland und ins Römische Reich bloß gesehen, dass sich in den 1500 Jahren seit Verfassen des Alten Testaments die Welt verändert hat und nun die hygienischen Probleme keine Relevanz mehr hatten. Wendet man hier unseren Test auf das Schweinefleisch an, kommt man zu folgendem Ergebnis: 1. hat es einen theologischen Hintergrund, dass Gott uns genau eine Fleischsorte nicht zum Essen gegeben hat? – Nein, weder aus den 10 Geboten (stellvertretend für das AT) noch aus dem Gebot der Liebe (stellvertretend für das NT) ergibt sich eine solche Anordnung. 2. Hat sich die Vorschrift heute erledigt? Ja, denn der Grund, warum die Anordnung gegeben wurde, war erledigt – keine Gesundheitsgefährdungen mehr vorhanden. 3. Widerspricht diesem das Gebot der Liebe? – Nein, damit ist bei Ernährungsvorschriften nicht zu rechnen.

Vergessen wir das Gebot der Liebe nicht vor lauter Einzelvorschriften!

Der Test hat den Vorteil, den Geboten Gottes auf den Grund zu gehen und damit kommen wir zum zweiten Teil dieses Artikels: Vergessen wir das Gebot der Liebe nicht vor lauter Einzelvorschriften! In vielen persönlichen Begegnungen habe ich häufiger das Gefühl, dass sehr am Wortlaut orientierte Christen die Tiefe der Gebote aus dem Blick verlieren können. Wiederum ein Beispiel: entspricht es den Gaben, die Gott in uns gelegt hat, wenn wir Frauen – wie das in einigen Brüdergemeinden der Fall ist – von der Lehre (Predigen) und von der Leitung (Gemeindevorstand) abhalten?

Sünde, wenn es dem Gebot der Liebe widerspricht

Am Wortlaut der Bibel orientiert ist dies gerecht, aber es missachtet doch extrem die von Gott in die Frauen gelegte Gaben und Werte. Und genau an dieser Stelle wird die reine Wortlautlehre aus meiner Sicht zur Sünde. Sünde in der Art, dass es dem Gebot der Liebe widerspricht, Menschen nicht nach ihren Fähigkeiten zu bewerten, sondern nach einer gesellschaftlichen Einteilung von vor 3.500 – 2.000 Jahren. Weiteres Beispiel: reicht es aus, meinen Partner in einer Partnerschaft dem Wortlaut entsprechend nicht ungerecht zu behandeln? Ich denke nein, denn genau wie Gott uns alle Zeit fördert und hilft uns zu entwickeln haben auch wir den Auftrag, dieses Geschenk soweit uns möglich zu teilen. Wenn ich also die Gaben in meinem Partner brach liegen lasse, vielleicht weil ich eine Trennung von Haus und Beruf lebe und nicht möchte, dass sich mein Partner verstärkt außerhalb der Familie engagiert, dann ist dies für mich Sünde.

Was ist schlimmer als Sex vor der Ehe?

Oder – und jetzt wähle ich mal bewusst ein Reizthema aus – was ist schlimmer als Sex vor der Ehe? Wenn wir uns bewusst fragen, was der Sinn hinter dem Verbot des vorehelichen Sexes ist, dann kommen wir schnell auf den Schutz der Frau. Männer nehmen den Sex leichter als Frauen, Männer drängen schnell auf Sex, Frauen können schwanger werden und ein Kind dann eventuell allein aufziehen müssen. Vor dem Hintergrund dieses Schutzes sollen sich Männer auch in einer patriarchischen Welt nicht alles herausnehmen können. Ob vor diesem Hintergrund Sex auch in langen, gefestigten Beziehungen vorehelichen Beziehungen tabu ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Viel wichtiger ist es aber, dass dieses Verbot mitnichten alle Vorgaben für die voreheliche Partnerschaft beinhaltet.

Liebe und Macht

Denn wie viel schlimmer ist es, wenn Männer die Gefühle einer Frau ausnutzen oder um die „emotionale Anfälligkeit“ von Frauen wissen und sie für ihre eigenen Zwecke nutzen. Schlimmer als körperlich leidet diejenige, die psychisch oder seelisch leidet. Das muss nichts mit Sex zu tun haben, aber in vielen Partnerschaften herrscht doch schon sehr früh ein ausgeprägtes Muster von Strukturen, wer entscheidet. Diese Art der „Macht“ eines Partners über den anderen widerspricht meiner Meinung nach sehr viel eklatanter dem Gebot der Liebe als eine Schutzvorschrift, mit der Gott das Vertrauen der Partner ineinander schützt.

Wir alle bedürfen der Vergebung

Der geneigte Leser erkennt an dieser Stelle, dass ich den Begriff der Sünde viel enger definiere als es die Bibel tut. Dies soll aber niemanden schrecken, denn wir bedürfen alle der Vergebung, darin sind wir gleich. Man kann diesen Artikel noch sehr lang weiterstricken. Wir können auch sehr lange darüber sprechen, wie sehr das Gebot der Liebe die AT-Gesetze überstrahlt. Dürfen wir also z.B. das Gebot der Liebe außer Acht lassen und uns über Menschen in unseren Gemeinden erheben? Nehmen wir wieder ein aktuelles Reizthema, z.B. die sexuelle Orientierung: Das ist ein besonders schönes Beispiel, weil es so überbewertet ist. Auch hier möchte ich keine Diskussion zum Thema führen, aber der Stellenwert der Homosexualität ist theologisch einfach gering. Es ist weder heilsentscheidend noch von der Bewertung besonders hervorgehoben. Warum ist es dieses Thema wert, dass Gemeinden Homosexuelle aus ihren Reihen ausschließen und derart stark gegen sie hetzen?

Keine „unterschiedlich starke“ Sünden

Mit dem Gebot der Liebe ist es zumindest nicht zu erklären, denn weil es keine „unterschiedlich starken“ Sünden gibt, müsste jedem ernsthaften Christen klar sein, dass auch er selbst Angriffspunkte hat, bei denen er wieder und wieder sündigt. Also von daher: wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Aber ich merke, mit dem letzten Absatz habe ich den Artikel zum Thema „Wortlaut“ verlassen und bin in das nächste Thema gerutscht. Dies ist zwar ebenso interessant, soll aber an dieser Stelle nicht behandelt werden. Immerhin hat der, wer bis hierher schon gelangt ist, schon über 1.800 Wörter gelesen und das ist doch wahrlich genug. Ergo: ich freue mich auf eine ausgedehnte Diskussion! Entgegen einigen anderen Autoren habe ich vor, auf die Beiträge zu antworten, also schreibt ruhig direkte Fragen, Kritik oder Anregungen.

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34 Kommentare wurden bereits abgegeben

  • 34.  
    schrieb am 07.12.2012 12:09

    Die Bibel ist Gottes unverfälschtes Wort! Das Wort Gottes ist schärfer als jedes zweischneidige Schwert! Da gibt es nichts zu rütteln!

  • 33.  
    schrieb am 02.09.2010 12:04

    @denkmal: ich bin in vielem bei dir und sehe es doch vllt. etwas klassischer. Ich denke schon, dass es großen Wert hat, was wir denken. Nicht ohne Grund hat Jesus den Pharisäer im Tempel angeprangert, der Gott lobt und dabei verächtlich auf den Zöllner neben ihm schaut. "Schaut", von außen lobt er ja Gott und wäre d'accord.

    Wo ich dir sehr recht gebe ist, dass wir als Christen am liebsten über Probleme far far away reden. Die Hälfte aller Christen-Männer schaut regelmäßig Pornos im Internet und wenn man das nicht gerade als normal ansieht, dann muss man dem mal auf den Grund gehen (ich will keine Diskussion, ob das Sünde ist, aber vielleicht könnten wir uns mehr mit unseren Partnern beschäftigen stattdessen) ;-) Oder aber die Finanzkrise. Warum haben denn auch viele Gemeinden Geld verloren (Schlagzeile Bild "Nonnen verklagen Deutsche Bank") und wie sehr haben wri uns der Gier nach MEHR auch hingegeben - aber kommt da was? nee, funkstille...

     

    Leider

  • 32.  
    schrieb am 29.08.2010 16:08

    @dossier

     

    Mich wundert ein wenig, dass Du sexuelle Prxis grundsätzlich mit "(Gedanken-)Sünde" in Verbindung bringst.

    Warum?

     

    Natürlich differenziert Gott zwischen Tat und Gedanken. Warum sollte er es denn nicht tun?

     

    Nach meiner Meinung darf man eine ganze Reihe der Aussprüche Jesu nicht als absolute moralische Aussagen verstehen, sondern muss darauf achten, dass sie im Rahmen von Streitgesprächen gefallen, teilweise in einer Situation, in der man Jesus beusst aufs Glatteis führen wollte. Und er hat so geschickt geantwortet, dass dies nicht gelang und seine Gegner ihren Widerspruch auf eine Weise gespiegelt bekamen, dass sie nun selber in Erklärungsnot kamen.

     

    Beispiel Ehescheidung: Da kann Jesus doch sagen was er will. Ist er für Ehescheidung, dann wendet er sich gegen Gott. Ist er gegen Ehescheidung, ist er gegen den Scheidebrief der Tora.

    Mit seiner Antwort "Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden" hat er eine andere Perspektive eingenommen und sich der Alternative entzogen.

    Aus seinem Nachsatz von der Härte der menschlichen Herzen höre ich heraus, dass er in konkreten Fällen gescheiterter Ehe durchaus mit sich reden lassen konnte.

     

    Die ganze Bibel ist voll davon, dass Gott die Sünde von den Gläubigen so weit entfernt sein lässt wie den Morgen vom Abend, dass Gott seine Menschen liebt und dass er ihnen nach dem Scheitern einen Neuanfang ermöglicht.

     

    Und was machen seine besonders frommen Gläubigen? Sie rechnen einem die Sünden wieder direkt aufs Konto, machen damit Angst, tun so, als sei es möglich, nicht zu sündigen und nehmen einige besondere Sünden besonders heraus (etwa "Homosexualität"), bei denen sie besonders darauf achten, dass diese Menschen nun ganz gewiss nicht mit Gottes Vergebung rechnen können.

     

    Das "Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet", vergessen diese Frommen gerne.

    Dass sie selber ihren Dreck an einem anderen Stecken haben und dort selbstverständlich hoffen, dass Gott ihnen da vergibt, vergessen sie auch zu gerne.

     

    Und dass ein Teil der homosexuellen Praxis auch darauf zurück geht, dass Menschen über Jahrzehnte ihr Neigung nur im Untergrund und heimlich und immer mit der Angst, entdeckt zu werden ausleben konnten, weil Homosexualität unter Strafe stand: Dass sich da die Christen in einem ungeheuren Maße an liebenden Menschen vergangen haben, Homosexuelle gequält, verachtet, gedemütigt haben, das wird auch zu gerne vergessen.

     

    _Das_ ist eine Form von Schuld, bei der ich nicht sicher bin, ob die wirklich einmal abgetragen sein kann.

     

    1 Kor 13,13 stellt im Zweifel die Liebe über den Glauben, so wichtig Glaube auch sein kann. Auch wenn der Glaube Berge versetzen könnte, hat nur liebevoll seinen Wert. Ohne Liebe ist er wertlos und gefährlich.

     

    Gerade im Bereich der sexuellen Sünden, aber nicht nur da, ist zu prüfen, ob eine angeblich wörtliche Auslegung von der Liebe getragen ist, oder ob es um lieblose Rechthaberei geht, um Machtausübung, und ob Menschen dabei verletzt werden und zu Schaden kommen.

     

    NIcht im Wortlaut, aber vom Sinn her kann man mit 1 Kor 13 sagen: Und wenn die Exegese so wortgetreu wie möglich wäre und jeder I-Punkt dabei berücksichtigt wäre, und das Ergebnis wäre lieblos den davon betroffenen Menschen gegenüber, so hätte man mit dieser Exegese am entscheidenden Punkt versagt.

  • 31.  
    schrieb am 18.08.2010 16:30

    Raven, wir gehen doch in wesentlichen Dingen d’accord, die ganze Diskussion hier dreht sich ja genau um die Frage, wann und wo eigentlich die Bibel in ihrem Kontext als quasi-BGB oder –StGB gelesen werden muss und wo Anweisungen tatsächlich göttlicher Natur sind.

    Aber genau die Filter wendest du beim Sex vor der Ehe und Homosexualität nicht an und da möchte ich dich bitten, mal klar durchzudeklinieren, wie du anhand der Bibel und deiner Filter vorgehst. Bisher sagst du lediglich, dass deine Frau nicht begeistert von außerehelichem Verkehr wäre (kein wahrhaftig theologisches Argument).

    Im Folgenden erliegst du dann einem Fehler. Zum einen nimmst du eine Beweislastumkehr vor und sagst „wenn die Bibel nicht ausdrücklich Homosexualität gutheißt, dann ist sie verboten“ – mit dem Argument können wir uns auch gegen Haustiere aussprechen, denn die werden in der Bibel auch nirgends gutgeheißen. Darunter liegt der Fehler, dass du eine homosexuelle Praxis, welche ich in den kultischen Bereich einordne (da gehe ich mit Peter Aschoff, schau mal bei dem Link, den ich gepostet habe) nicht mit den anderen Anweisungen zur Sexualität einordnest (z.B. Sex nach Einsetzen der Menstruation), sondern mit der Partnerschaftsformen.

    Dein Argument, dass Homosexualität keine Sünde sei, sondern nur die homosexuelle Praxis geht dabei ganz an Jesus vorbei, der uns gelehrt hat, dass Sünden im Kopf begangen werden, sobald man daran denkt und nicht erst bei ihrer Umsetzung. Also kann ein homosexueller Mensch, der sich wie jeder Heterosexuelle Sex vorstellt, damit nicht sündenfrei sein. Zwischen Vorstellung und Ausleben differenziert Gott nicht.

    Und du musst zugeben, es wäre eine recht unchristliche Vorstellung, wenn wir annehmen, dass Gott die Liebe auch in homosexuelle Menschen gelegt hat (denn sie lieben ja nicht anders als heterosexuelle) und ihnen dann verbietet, diese Liebe zu leben. Das kontrastiert genau die Funktion der Gebote, die zu unserem Besten dienen sollen und einen Leitfaden geben, wie wir das, was Gott in uns hineingelegt hat, am besten zur Entfaltung bringen.

    Zivilrechtliche Folgen einer Partnerschaft sind schon im säkularen Bereich genug ausdiskutiert und theologisch auch uninteressant.

    Das mit dem Führerschein ist übrigens gar nicht so abwegig – warum machen wir denn jetzt den begleiteten Führerschein mit 17? Genau die Überlegung, ab welchem Alter überwiegt die Verantwortung die Verantwortungslosigkeit liegt dem Eintrittsalter doch zugrunde…

  • 30.  
    schrieb am 18.08.2010 10:51

    Ich behaupte weiterhin, daß "wörtlich" unmöglich ist. Zumal die Bibel selbst manchmal nicht wörtlich genommen werden will (vgl. Gleichnisse Jesu, von denen manche er selber den Jüngern erklärt). Nur wenn ich einem Gesprächspartner aufdrängen kann, dass er die Bibel wörtlich nimmt, dann kann ich ihn leicht lächerlich machen. Deshalb sage ich, dass an der Inspiration der Bibel festzuhalten nicht mit der "buchstabengetreuen Auslegung" gleich sein muss. Vielmehr lautet die Frage: wo muss ich die Bibel wirklich wörtlich nehmen, wo gibt es in ihr Sachen, die geschichtlich und wo welche, die kulturell gedeutet werden müssen - nun, das ist die wahre Herausforderung. Und dann kann ich noch immer glauben, daß die Bibel Gottes Wort ist (und nicht nur enthält).

    Nun zu den ethischen Fragen - und da kommt es gleich zur Anwendung der Filter, von denen ich sprach. AT - es ist eine ständige Frage, was gilt noch und was nicht. Nun, wenn man die geschichtliche Situation außer Acht lässt, dann bekommt man Schwierigkeiten, denn - wie Du das eben auch tust - wird einmal nachgewiesen, dass wir die dort festgelegten Anweisungen (Steinigung und co.) nicht befolgen, dann fällt alles der Beliebigkeit anheim. Die Gesetze im AT müssen immer unter der Prämisse betrachtet werden, dass sie AUCH eine Art BGB oder SGB gewesen sind. Israel war eine Theokratie, dieser Fall besteht heute - und generell im Christentum - nicht. So sind viele Regelungen zu verstehen (auch Beispiele ,die Du erwähnst, z.B. Mischehen, usw.). Wir können aber ableiten, was in Gottes Augen damals OK war und was er überhaupt nicht toll fand. In vieler Hinsicht legt Gott Maßstäbe fest, aber die Einzelheiten müssen wir schon selbst regeln. Es war strengstens verboten z.B. mit der eigenen Schwägerin zu schlafen, aber die Leviratsehe - wie Du das bereits angedeutet hast - wurde akzeptiert.

    Ich wage zu bezweifeln, daß das Hohelied Werbung wäre für Sex vor der Ehe, auch das ist nicht maßgeblich für mich, was in manchen christlichen Gegenden Praxis war. Wenn Du meinst, dass die ganzen Regelungen, die mit außerehelichem Sex zu tun haben, ausschließlich mit Besitzverhältnissen zu tun haben... nun gut, ich weiß nicht, ob Du verheiratet bist, aber ich stell mir das schon schwierig vor, wenn meine frau mich inflagranti erwischen würde, da zu sagen: "Aber Schatz, an unseren Besitzverhältnissen ändert sich überhaupt nichts" - glaub ich nicht, daß sie das sonderlich beruhigen würde (oder vice versa!).

    Zum Thema Homosexualität: nein, Gott gebietet nirgendwo, dass monogame, auf Lebzeiten angelegte homosexuelle Partnerschaften geführt werden. Das ist mir neu. Wo ich in der Bibel über Homosexualität lese, ist sie als Praxis immer negativ bewertet. Egal, ob im NT oder AT. Es gibt auch keinen Bibelvers, der besagen würde: "deshalb verlässt ein Mann Mutter und Vater und wird seiner Frau oder seinem Ehemann anhängen". Nirgends rechtfertigt die Bibel die Gleichstellung der homosexuellen Ehe mit der heterosexuellen. Damit bin ich natürlich nicht gegen Homosexuelle, aber gegen homosexuelle Praxis. Genauso könnte ich auch sagen, ich fühle (und dem ist es wirklich so!), dass ich nicht monogam erschaffen wurde, daher wäre es zu rechtfertigen, wenn ich auch mit anderen Frauen als meine Ehefrau ins Bett hüpfen würde. Glaub ich nicht, dass ich meine Frau und meine Freunde damit beeindrucken und bei ihnen viel Verständnis schinden würde... Deshalb lebe ich auch monogam, und habe bisher nur mit meiner Frau Sex gehabt.

    Sex vor der Ehe: es gibt auch wichtigeres, als das Geld. Ich erwähnte bereits, dass ich Beispiele kenne, die richtig weh tun: ein Mann, der in wilder Ehe lebt, seine Partnerin wird ermordet, ihre Eltern holen die Leiche und die drei Kleinkinder - die hat er seit her nie wieder gesehen - das ist dann schon gleich nicht mehr so lustig, nicht wahr, wenn man eine zivilrechtliche Katastrophe mit einem religiösen Gebot hätte verhindern können. Es gibt sehr wohl - eben auch civilrechtlich einen Unterschied zwischen Partnerschaft und Ehe. Falls wir - als Gesellschaft - das ändern wollen - nun gut, wir können das tun, aber wir sollen das Kind beim Namen nennen. Dann gilt die Ehe im Gottes Sinne nicht ab dem Standesamt, sondern... - aber eben nicht ab dem ersten Sex oder Kuss, denn da wird nicht immer einer Schmiere stehen und den Vollzug der Ehe melden.

    Ich weiß sehr wohl um die Spannung zwischen früher sexuellen und später emotionalen Reife. Aber das ist unser Problem und nicht Gottes. Was machen wir falsch in der Kindererziehung? Warum kippen wir den Kindern so viel sexuelen Müll um die Ohren, wo sie dafür noch überhaupt nicht reif sind? Hoheslied: Weckt die Liebe nicht, wenn sie es noch nicht will... Diejenigen, die früh heiraten, lassen sich auch oft früh scheiden - damit gegen eine frühe Ehe zu argumentieren wäre ähnlich, wie zu fordern, daß Fahranfänger erst ab 25 oder 30 alleine Fahren dürften - sie bauen ja statistisch gesehen die meisten Unfälle. Vielmehr müsste man sich fragen (in beiden Fällen): wie können wir die Betroffenen so vorbereiten, daß es nicht zum Crash kommt? Mit Sex vor der Ehe sicher nicht!