Willkommen am Ende der Welt

Müde und erschöpft steige ich in der Hauptstadt Tansanias - Dar Es Salaam - in eine zwölfsitzige Maschine und versuche mir einzureden, dass kleine Flugzeuge sicher sind. Ein toller Flug - zwei Stunden ruhiges Gleiten über dem Busch. Plötzlich kommen Hütten in Sicht, dann Häuser, das Missionskrankenhaus, schließlich Menschen, und schon landen wir etwas unsanft am "Flughafen" - einer langen Wiese mit Unterstand in Ostafrika. Karibu Mbesa (Suaheli: Willkommen in Mbesa).
  • Foto: Pixelio/Dieter Schütz

 

In den ersten drei Wochen habe ich zum ersten Mal … … Ugali (Maisbrei) mit Dagaa (kleine, vollständige Fische) per Hand gegessen. … große Spinnen, kleine Spinnen, mittlere Spinnen gesehen und nicht geschrieen. … eine ganze Staude Bananen gekauft - direkt vom Baum. … einen vollständigen Satz Suaheli gesprochen. … einen vollständigen Satz Suaheli verstanden. … 20 Kinder auf einmal glücklich gemacht, indem ich ein Foto von ihnen geschossen habe.

Darf man einem Leprakranken zu essen geben?

Mittagessen: Heidi, Heike, Eva und ich kauen lustlos an unserem Ugali mit Dagaa herum. Wer kam auf die Idee, dieses Zeug zu machen? Hallo? Wir haben noch eine Salami aus Deutschland im Kühlschrank. Kartoffeln und Reis sind sowieso immer da. „Hodi, hodi!“ An der Tür ist jemand. Tansania kommt gut ohne Türklingeln aus. Manche Hodis sind Gäste, die meisten sind Händler. Wir fühlen uns beim „Luxusessen“ gestört, rufen aber trotzdem Karibu. Alles andere wäre unhöflich. Vor der Tür ein Mann, alt, verschrumpelt, abgewetzte Kleider. Er hat einen Stock, eine Tasche und ein breites Grinsen im Gesicht. Das Besondere sind seine Hände. Kleine Stumpen, Finger weggefressen von der Krankheit, die wir aus der Bibel kennen: Lepra. Der Mann fragt nach Essen. Ich beratschlage mit meinen Kolleginnen. Darf man geben? Kommt er dann jeden Tag? Aber eigentlich haben wir doch so viel. Und was machen wir bloß mit dem Dagaa? Wir beschließen, ihm etwas zu geben. In einer kleinen Plastiktüte. Problem: Plastiktüten sind ohne Finger schlecht zu handhaben. Wir bringen einen Teller. Er will schon wieder etwas. Nachdem unser Suaheli-Wortschatz erschöpft ist, verstehen wir: Wir sollen ihm das Essen klein machen. Und ein wenig Wasser bitte. Der Mann ohne Finger sitzt vor der Tür, glücklich mit Dagaa und Ugali. Wir an unserem Tisch, in schönen Kleidern, gewaschen, gepflegt und satt, Kaffee und Schokolade auf dem Tisch. Die bleibt mir heute fast mehr im Hals stecken als das Dagaa. Ich habe nicht nur genug, ich habe zu viel. Er hat noch nicht einmal Finger. Sein Dank nach dem mühsamen Essen, das wir nicht wollten, zerreißt mir fast das Herz. Man gewöhnt sich daran, sagen die, die schon lange hier sind. Nein, ich will mich nicht gewöhnen. Ich will Gott danken für Ugali, Dagaa und Finger. Und ich will nicht aufhören zu geben. Danke, dem, der mir gibt.

Ein illegaler Grenzübertritt

Mit Geknatter verlassen wir Mbesa. Ziel unserer Landrover- Safari ist der südlichste Süden Tansanias, tiefstes Hinterland, in das sich selten ein Weißer verirrt. Und tatsächlich, in jedem Dorf laufen uns schreiende Kinder hinterher; wo wir aussteigen, sind wir sofort umringt von Menschenmassen. Und immer wieder das Wort, das die Attraktion des Monats ankündigt: „Wazungu, Wazungu“ (Weiße, Weiße). Plötzlich sind wir am Ruvuma, dem Grenzfluß zwischen Tansania und Mosambik. Da heute keine Krokodile in Sicht sind, lassen wir uns auf eine Fahrt in einem Holzboot ein. Ruckzuck ist einer nach dem anderen in Mosambik – illegal. Ein Visum ist hier nicht zu bekommen. Trotzdem taucht aus dem Nichts ein Mann in einer Art Uniform auf – ups, Pässe haben wir leider vergessen. Den Grenzbeamten scheint unsere illegale Einwanderung nicht weiter zu stören. Er heißt uns willkommen – Karibu Mosambik. Wieder in Tansania halten wir an einem hohen Felsen an. Wir klettern hoch und können es kaum fassen. Vor uns, wohin man auch schaut, kleine Bäume, Gräser, Sträucher, Berge, eingehüllt von sanftem Nebel. Ein paar Vögel singen, doch sonst durchdringende Ruhe. Flugzeuge, Autobahnen, Menschenmassen, Fabriken - die Geräusche, die uns in Deutschland ununterbrochen umgeben, sind weg. Willkommen am Ende der Welt. Die Ebene, die sich vor mir ausbreitet, die Hügel, die sich in der Ferne erheben, die Felsen mit ihren bizarren Zacken - es scheint so unecht und ist doch das Echte, Ursprüngliche. Gottes Schöpfung im Original. Ich stehe und staune und preise Gott für all das Wunderbare, das er gemacht hat. „Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (Psalm 90,2).


Website der Missionsstation: www.cmmlusa.org

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