Wikipedia: Zensur, Jugendschutz oder Kalkül?

Die Wikimedia Foundation wirbt für einen Filter gegen potenziell anstößige und jugendgefährdende Bilder in der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Vor allem unter den deutschen Autoren der Plattform regt sich dagegen heftiger Widerstand.
  • Spaltet der Streit um den Bildfilter die Wikipedia-Gemeinde? Bild: dpa

 

Es tobt ein kleiner Kulturkampf in der Wikipedia-Gemeinde: Die deutschen Autoren des Online-Lexikons wehren sich vehement gegen ein Vorhaben der amerikanischen Mutterorganisation Wikimedia Foundation. Diese beschloss weltweit einen Filter für Bilder einzubauen, der es Nutzern ermöglicht, unerwünschte Inhalte individuell auszublenden. So sollen nicht nur Sex und Gewalt zeigende Motive aussortiert werden, sondern auch Bilder, die von Anhängern bestimmter Religionen oder Nationalitäten nicht geduldet werden. Wie genau dieser Mechanismus ausgestaltet werden soll, möchte Wikimedia über eine Befragung seiner Autoren klären.

Spalten sich die deutschen Autoren ab?

Doch in der deutschen Autorenschaft diskutieren die Mitglieder kontrovers darüber, ob ein solcher Filter überhaupt sinnvoll sei. Dabei hatte die amerikanische Mutterorganisation in dem entsprechenden Referendum nicht gefragt, ob sie die neue Funktion eingeführen soll, sondern wollte nur wissen wie diese umgesetzt werden solle. Trotzdem organisierte der deutsche Ableger eine eigene Befragung. In dieser sprachen sich 86,2 Prozent der deutschen Wikipedia-Autoren gegen die Einführung des Bild-Filters aus. Ein klares Votum. Sogar die Abspaltung von der amerikanischen Dachorganisation erwägen die Teilnehmer.

Erster Schritt zur Zensur?

Die Gegner des Filters befürchten, dass das Wissensmonopol der Wikipedia eingeschränkt wird. Sie sehen die Neutralität und den freien Zugang zu Informationen gefährdet. Gerade diese Eigenschaften gelten bei Wikipedia als unverletzbares Gut. Die Online-Gemeinde sieht sich als Speerspitze der Aufklärung und Erziehung im Netz. Für viele Wikipedianer ist der Filter daher ein erster Schritt zur Zensur.

Jugendschutz und Moralvorstellung

Befürworter halten dagegen, dass dem Jugendschutz und dem Respekt vor bestimmten Moralvorstellungen entsprochen werden muss. So heißt es in der Begründung des Referendums: „Bilder, die Sexualität und Gewalt zeigen, sind notwendige Bestandteile der Wikimedia-Projekte, um ihre Aufgabe zu erfüllen, offen, frei und erzieherisch wertvoll zu sein. Allerdings haben diese Bilder – von Genitalien und Sexualpraktiken auf der einen Seite, von Massengräbern und verstümmelten Körpern auf der anderen Seite – einen verstörenden Effekt auf einige Betrachter, besonders wenn es Kinder sind oder wenn ein Leser unvermutet auf diese Motive stößt“.

Wikipedia ist auf die Community angewiesen

Wenn der neue Filter funktionieren soll, ist die Wikimedia Foundation aber auf die Mitwirkung der Community angewiesen. Die freiwilligen Mitarbeiter müssen die Bilder in Kategorien einsortieren, die dann von Lesern blockiert werden können. Ganz uneigennützig und rein moralisch begründet scheint der Bildfilter auch nicht zu sein. Schließlich wünscht sich der Stiftungsrat die Expansion nach Asien, Afrika und in arabische Länder. Dort kommen allzu freizügige Bilder nicht gut an.

Ein „gebranntes Kind“

Allerdings ist Wikipedia auch ein „gebranntes Kind“. Im Jahr 2010 beschuldigte der ehemalige Wikipedia-Co-Gründer Larry Sanger die Plattform, Kinderpornografie zu verbreiten. Daraufhin ging Gründer Jimmy Wales, der selbst jahrelang mit Erotikfotos im Internet sein Geld verdiente, durch den Bilderbestand der Wikipedia und löschte eigenmächtig hunderte Bilder, die er als pornografisch empfand. Diese unabgesprochene Aktion löste großen Unmut bei den freiwilligen Wikipedia-Mitarbeitern aus. Das Referendum ist nun der zweite Anlauf, in Zusammenarbeit mit den Wikipedianern fragwürdige Bilddateien auszublenden.

Ausgang offen

Wie der Streit ausgeht, scheint derzeit völlig offen. Da die Server mit den entsprechenden Dateien in den USA stehen, sitzt die Wikimedia Foundation vermeidlich am längeren Hebel. Doch ohne ihre freiwilligen Autoren ist die Online-Enzyklopädie nichts. Es deutet vieles daraufhin, dass die deutsche Wikipedia einen Sonderweg wählt.

Soziale Netzwerke:

Willkommen! idealisten.net – Das Netzwerk zum Mitmachen!

Deine Beiträge - ob Text, Bild oder Video - sind gefragt! Registriere dich mit Benutzername, E-Mail und Passwort und schon kannst du mitmachen.

 
 
 
 


Du musst eingeloggt sein, um einen Beitrag kommentieren zu können.