Wie viel Gewalt darf's denn sein?

Darf ich guten Gewissens Ballerspiele zocken? In Zeiten von amoklaufenden Schülern scheint die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit berechtigt zu sein. Leider kann uns die Medienwirkungsforschung darauf keine Antwort geben, denn Zusammenhänge scheint es nicht zu geben. Heißt das nun, Ballerspiele sind unbedenklich?
  • Luigi im Blutrausch. Foto: Flickr/somekneekintn

 

Mir ist alles erlaubt. Aber nicht alles ist gut. Das sagt schon Paulus in der Bibel (1. Korinther 6,12). Aber was ist gut für mich? Das ist nicht immer ganz eindeutig. Vor allem wenn es sich um die Darstellung von Gewalt handelt, die selbst in der Bibel nicht gerade selten und zimperlich ist.

Gewalt als Grundgedanke

Die Gegenfrage führt dennoch sofort zur Gewalt zurück: Kann so viel Gewalt, wie sie in Ballerspielen dargestellt wird, überhaupt gut sein? Nun ist das Wort Ballerspiele freilich genauso unscharf wie Killerspiele. Gemeint sind meist jegliche Formen des Genres Shooter, wobei man in Sachen Gewaltgebrauch das Untergenre Stealth-Shooter ausklammern muss, dessen Spielmechanik sich dadurch auszeichnet, dass gerade Gewaltverzicht zum Spielziel führt. Zu nennen wären aber noch Beat'em Ups, also Prügelspiele oder aber Strategiespiele. In all diesen Spielen ist Gewalt ein zentraler Spielmechanismus, der manchmal auch umgangen werden kann. Verändert die Abstraktion von Gewalt etwas, wenn statt Menschen Aliens das Ziel von Gewalt sind? Roboter? Viren? Holzfiguren? Nicht wirklich. Was bleibt, ist der Grundgedanke von Gewalt.

In der Folge muss man sich fragen, ob andere Unterhaltungsmittel mit den gleichen Handschuhen angefasst werden. Etwa Filme, Bücher oder Brettspiele. Der Unterschied liegt freilich auf der Hand: Im Computerspiel wird die Anwendung von Gewalt direkt simuliert, was besonders deutlich wird, wenn etwa in der Spielkonsole Wii die Ziel- oder Schlagbewegung tatsächlich selber ausgeführt wird und nicht erst den Umweg über Tastatur oder Maus nimmt.

Computerspiel als komplexer Geschichtenerzähler

Im Computerspiel treten zwei Unterhaltungsformen aufeinander: Das Spiel und die Geschichte. Im allgemeinen wird das Medium Computerspiel in der Tradition der Geschichtserzählung behandelt. Hier verspricht das Computerspiel die bislang kompletteste Geschichte. Konkurrent ist seit Avatar der 3D Film, der nun das räumliche Sehen in größerem Maßstab nachahmt. Medienentwicklung als Geschichte des Geschichtenerzählens kennt seit ihrem Anbeginn die Tendenz, die Erzählung immer stärker auszudehnen und den Zuhörer immer weiter in die Geschichte hineinzuziehen. In der zweiten Unterhaltungsform, dem Spiel, liefert der Computer nichts neues. Alle Spielformen sind seit langem bekannt. Die tatsächliche (nicht die dargestellte) Gewalt nimmt sogar ab. Das wird anhand jedes beliebigen Fußballspiels mit gewisser Bedeutung deutlich. Computerspieler müssen nicht ins Krankenhaus.

Verallgemeinerung ist gefährlich

Es läuft also alles auf eine Grenzziehung hinaus, die aber nicht nur Computerspiele betrifft: Wie viel Gewalt ist ok, wie viel Teilhabe ist ok? Solche Grenzen zu verallgemeinern ist gefährlich, wenn sie ganz speziell mit dem eigenen Erfahrungshorizont zusammenhängen. Denn genau dies ist der Grund, warum nahezu jedes Medium und auch viele Medienformen zunächst verteufelt wurden. So ging es der Schrift zur Zeit Aristoteles, so ging es den Leiden des Jungen Werther. Niemand käme heute auf die Idee, Schrift oder Goethes Werk als schädlich einzustufen.

Umgang ist entscheidend

Es gibt Pole, auf die sich die meisten von uns einigen können: Das Spiel Postal (heißt so viel wie Durchdrehen oder Amoklaufen) dürfte den allermeisten bitter aufstoßen, mit Fußballsimulationen hat vermutlich kaum jemand Probleme. Der Bereich dazwischen, die ethische Vertretbarkeit von Ballerspielen allgemein, bleibt aber fraglich, fällt auf jeden Einzelnen zurück. Wer nicht darauf verzichten möchte, wer sich auf diese Weise entspannt, kann ethisch kaum davon wegargumentiert werden. Entscheidend ist auch der jeweilige Umgang, zum Beispiel in welchen Massen oder Maßen ich das Medium nutze, ob ich minderjährigen den Zugang ermögliche oder ob ich mich in eine Abhängigkeitssituation bewege. Letzteres hat dann aber nichts mehr mit der Darstellung von Gewalt zu tun.

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