Wie Ökostrom der Umwelt schaden kann
Bundesumweltminister Norbert Röttgen kann sich freuen. Nicht nur wurde er nach einem harten parteiinternen Machtkampf zum Vorsitzenden der NRW-CDU gewählt, sein Ministerium konnte auch in Sachen erneuerbare Energien gute Nachrichten verkünden. Deren Anteil am gesamten Stromverbrauch stieg 2009 auf ein Rekordhoch. Immer mehr Bundesbürger entscheiden sich für sauberen Ökostrom und damit ironischerweise gleichzeitig für den Bau neuer konventioneller Kraftwerke.
16,4 Prozent betrug der Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten Stromverbrauch in Deutschland im vergangenen Jahr. In den nächsten zehn Jahren soll der Anteil laut Bundesregierung auf 35 Prozent steigen. Hierbei werden allen voran Windenergie, Biomasse und Wasserkraft eine große Rolle spielen. Doch diese Entwicklung sorgt für ein Problem, dem sich die meisten Verbraucher nicht bewusst sind. Da einige Anbieter den grünen Strom aus Kraftwerken im Ausland exportieren, kommt es bei einer starken Nachfrage dort zu einer Stromlücke. Diese wird dann durch konventionellen Strom aus Atom- und Kohlekraftwerken geschlossen. Verkürzt gesagt: Wer Pech hat, subventioniert je nach Anbieter durch sauberen, innovativen Ökostrom dreckige, konventionelle Kraftwerke. Aber der Reihe nach.
Öko: Gut für die Umwelt und das eigene Image
Alle großen deutschen Energieversorger haben mittlerweile Tochterfirmen gegründet, die sich auf Ökostrom spezialisiert haben, oder sie halten Beteiligungen an Unternehmen, die die saubere Alternative produzieren. So gehört die Marke E.Primo zum Essener RWE-Konzern oder Yellow Strom zu EnBW aus Karlsruhe. E.on verkauft der Republik über seine Tochter E.on-Hanse Ökostrom und hält darüber hinaus auch 40 Prozent an einem Tochterunternehmen der hessischen Entega, welches sich auf Wind- und Solarenergie spezialisiert hat. Vattenfall Europe preist Strom aus Wasserkraftwerken aus dem schwedischen Mutterland des Konzerns an. Öko ist gut für die Umwelt und auch gut für das eigene Image.
Undurchsichtige Verflechtungen
Entschließt sich ein Kunde, Strom aus erneuerbaren Energien zu beziehen, kann es durchaus sein, dass er mit seinem ehrenwerten Ziel, saubere Energie zu nutzen, das genaue Gegenteil erreicht und eine konventionelle Stromerzeugung fördert. Für Otto-Normalverbraucher ist es fast unmöglich geworden, durch die Verflechtungen im Energiemarkt zu blicken. Welcher Konzern an welchem Unternehmen beteiligt ist, scheint da noch die einfachste Aufgabe. Viel schwieriger wird es, wenn es darum geht, nachzuvollziehen, wie sich der Strom, der aus der Steckdose kommt, tatsächlich zusammensetzt.
Mögliche Mogelpackung
Das Magazin Ökotest hat unlängst auf diese mögliche Mogelpackung hingewiesen. Bei großen Stromanbietern, die ihren Kunden einen Energiemix anbieten, können Freunde des CO2-freundlichen Stroms aus vielen verschieden Öko-Tarifen auswählen, während der konventionelle Verbraucher den klassischen, günstigeren Mix aus fossilen Brennstoffen bevorzugt. Bei letzterem wird der Ökostrom-Anteil etwas geringer. Unter dem Stricht bleibt die Zusammensetzung des Stroms beim Konzern aber die gleiche.
Lücke im Netz
Verbraucherschützer weisen auch darauf hin, dass viele Anbieter ihren grünen Strom aus dem nahen Ausland einkaufen. Bevorzugt werden von den hiesigen Unternehmen vor allem alte Wasserkraftwerke, deren Erzeugerpreise im Vergleich zu neuen Anlagen moderat sind. Durch eine zu große Nachfrage von Ökostrom entsteht im Netz eine Lücke, die ausländische Anbieter wiederum gerne mit günstigem Atom- oder Kohlestrom auffüllen. Dies führt die ursprüngliche Idee von CO2-freier Stromproduktion ad absurdum.
Greenpeace sieht darüber hinaus noch ein ganz anderes Problem bei der Mogelpackung „Ökostrom“. Nach Angaben der Umweltschützer versichern noch zu wenige Energieversorger, dass die Einnahmen aus dem Ökostromverbrauch in den Ausbau der erneuerbaren Energien fließen. Bereits im Jahr 2008 hat die Umweltschutzorganisation auf eine irreführende Werbung beim Stromgiganten RWE hingewiesen.
Opposition tobt
Was den Energiemix in der Deutschland betrifft, so haben die Kabinettskollegen von Umweltminister Röttgen ihre ganz eigenen Vorstellungen. Auf Atomstrom möchte die schwarz-gelbe Regierung vorerst nicht verzichten. Die Regierung hat jüngst entschieden, dass die deutschen Meiler zwischen acht und 14 Jahre länger am Netz bleiben dürfen. Die Industrie gibt sich mit dieser Entscheidung zufrieden, während die Opposition tobt. Einzige Chance der Atomkraftgegner: Bundespräsident Christian Wulff verweigert dem Gesetz seine Unterschrift. Für diesen zugegebenermaßen eher unwahrscheinlichen Fall haben SPD, Grüne sowie einige Bundesländer schon einen Gang vor das Verfassungsgericht angekündigt.
Strom fließt keinen Umweg
Doch bei aller Zukunftsmusik, gilt für Befürworter und Gegner von sauberem Ökostrom schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Weisheit des deutschen Wissenschaftlers Gustav Robert Kirchhoff: Strom fließt keinen Umweg. Was aus der Steckdose kommt, wird im nächstgelegenen Kraftwerk produziert – sei es ein Wasser-, Kohle- oder eben auch ein Atomkraftwerk. Der Ökostrom, den der Kunde bezahlt, wird an anderer Stelle lediglich ins Netz eingespeist. Aus der eigenen Steckdose kommt in der Regel etwas anderes. Es sei denn, man hat eine Solaranlage auf dem Dach. Aber wer hat das schon?
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