Wie ich meine Mutter verlor

In der letzten Woche machte der 13-jährige Joseph Ben Rihm aus Driedorf ein Schulpraktikum in der Redaktion der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Dabei schrieb er auf, wie er die schwere Zeit erlebt hat, als er seine Mutter verlor. Simon Jahn hat die bewegende Geschichte bearbeitet.
  • Foto: idea/Klauß

 

Erschöpft und hilflos wache ich am Morgen des 9. Januar 2012 auf – nach der schrecklichsten Nacht meines Lebens. Bis Mitternacht lief ich ruhelos durchs Haus. Immer wieder blieb ich kurz am Krankenbett meiner Mutter stehen und dachte: „Sie wacht nicht auf!“. Eine Frage schoss mir wieder und wieder durch den Kopf: „Gott, warum nimmst du mir meine Mutter, wo ich doch erst 12 bin!“. Tränen liefen mir übers Gesicht. Schließlich schickte mich mein Vater ins Bett. Doch ich konnte kein Auge zutun. Zwei Stunden später setzte er sich zu mir und flüsterte: „Sie ist gestorben.“.

Eine Berg- und Talfahrt

Dass meine Mutter bald sterben würde, war mir schon lange zuvor bewusst. Zweieinhalb Jahre kämpfte sie gegen den Krebs. Es war eine Berg- und Talfahrt: Anfangs wissen ich und meine Zwillingsschwester Saskia noch nicht, warum sie so schwach ist. Dann geht alles ganz schnell: Sie kommt ins Krankenhaus und muss sofort operiert werden, denn es haben sich bereits Metastasen in ihrem Bauch gebildet. Schon zwei Wochen später kommt meine Mutter wieder nach Hause. Sie möchte zurück zu uns Kindern. „Ihr seid das Beste in meinem Leben“, spricht sie uns immer wieder zu. Nach einer Chemotherapie scheint der Krebs besiegt. Ihre Haare wachsen wieder. Die Krankheit schweißt uns als Familie noch mehr zusammen. Ich unterhalte mich viel öfter mit meiner Mutter. Wir können über alles reden.

„Bete lieber für mich“

Doch sechs Monate später stellen die Ärzte neue Knoten in ihrem Bauch fest. Wieder muss sie ins Krankenhaus, wieder sich einer Chemotherapie unterziehen. Wieder geht es etwas bergauf – doch die Hoffnung, dass sie den Krebs für immer besiegen kann, ist gering. Jeden Tag setzen wir uns als Familie mittags und abends zusammen und beten. Das gibt uns Kraft. Wenn jemand kommt und sagt: „Ich drück dir die Daumen“, meint meine Mutter immer: „Bete lieber für mich!“. Obwohl die körperlichen Leiden meiner Mutter immer schlimmer werden – den Lebensmut verliert sie nie. So erfindet die Pferdeliebhaberin in dieser Zeit sogar noch einen Sattel-Verkleinerer, mit dem beispielsweise Kinder besser reiten können. Nach einem dritten Krankenhausaufenthalt und einer weiteren Chemotherapie kann sie zu Hause nur noch im Bett liegen. Sie wird immer schwächer. Am schlimmsten ist für mich, dass sie vor ihrem Tod teilweise sehr durcheinander ist. So kann ich mich nicht mehr richtig mit ihr unterhalten.

Ich werde sie im Himmel wiedersehen

Bereits einen Tag nach ihrem Tod besuchen meine Schwester und ich wieder die Schule. Meine Mutter hatte es sich so gewünscht, damit wir schnell wieder auf andere Gedanken kommen. Mir helfen der Unterricht und die Freunde tatsächlich, mich von meinem Schmerz abzulenken. Das ist auch heute – 8 Monate später – noch so. Ich bin zwar nicht mehr so traurig, doch wenn ich zur Ruhe komme, habe ich oft noch einen Kloß im Hals. Das Grab meiner Mutter besuche ich deshalb nicht so gern. Denn dort werde ich immer sehr traurig. Halt geben mir meine Freunde, noch mehr aber meine Familie – und mein Glaube an Gott. Die größte Angst meiner Mutter war, dass wir durch ihren Tod vom Glauben an Christus abfallen. Doch davon bin ich weit entfernt: Ich weiß, dass ich meine Mutter im Himmel wiedersehen werde!

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