Wie ein Fest nach langer Trauer

Die Wolken am Himmel wurden immer dunkler, genauso wie die Gefühle in Anjas Herz. Unter ihr toste der Fluss und schien immer lauter zu rufen: „Komm Anja, spring, das Leben hat doch keinen Sinn mehr!“ Anja zögerte. Wieder kamen ihr diese schrecklichen Bilder vor Augen. Bilder, die sie schon seit einem Jahr Tag für Tag, Nacht für Nacht verfolgten. Sie sah sich mit ihrer kleinen Tochter Tamara über den Zebrastreifen gehen.
  • Foto: Flickr.com/dev null

 

„Mami, Stoffel ist runtergefallen.“ Und schon lief sie zurück, um ihn aufzuheben. Dann quietschende Bremsen, ein Schlag, schreiende Menschen… Tamara lag einige Meter weiter blutüberströmt am Boden. Bewegungslos. Ein Motorradfahrer war mit viel zu hoher Geschwindigkeit angerast, hatte die Kleine frontal erfasst und durch die Luft geschleudert. Der eintreffende Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen.

Was blieb war eine unendliche Leere

Seither war nichts mehr, wie zuvor. Tamara war ein absolutes Wunschkind, lange hatten die Eltern darauf warten müssen. Dann endlich wurde Anja schwanger. Bei der Geburt kam es zu Komplikationen und die Ärzte erklärten ihr, sie würde keine eigenen Kinder mehr bekommen können. Und nun war Tamara tot! Nie mehr würde ihr Lachen durch das Haus klingen, nie mehr würde sie ihr entgegenlaufen, nie mehr… Was blieb war eine unendliche Leere, Tag für Tag.

In ihrer Verzweiflung ließ Anja alles liegen, was bisher in ihrem Leben wichtig gewesen war. Sie lebte nur noch in ihren Erinnerungen. In ihrem Herzen wuchs ein unbändiger Hass auf den Menschen, der die Verantwortung für das Unglück trug. Hermann Gruch hieß er und auf ihn konzentrierte sich ihre ganze Wut. In dieser ganzen Not hatte ihr dann auch noch ihr Mann Michael erklärt, dass er ihre Bitterkeit nicht mehr ertrage und sie verlassen würde.

Nun war Anja allein. Alles hatte seinen Sinn verloren. Nur noch der tosende Fluss rief nach ihr. Gerade als sie sich nach vorne beugte, hörte sie eine ruhige Stimme hinter sich: „Tun sie es nicht! Aus jeder Not gibt es einen Ausweg.“

Anja wendete leicht den Kopf und blickte in die gütigen Augen eines älteren Mannes. Er streckte ihr seine Hand entgegen und wie im Traum griff sie danach. Vorsichtig zog er sie von dem Brückengeländer weg. Anja wehrte sich nicht. „Gehen wir ein Stück durch den Park“, sagte der Mann. „Wollen Sie mir ihre Sorgen erzählen?“

Anja zuckte mit den Schultern. „Ich kenne Sie nicht“, antwortete sie. Nachdem sie einige Minuten schweigend gegangen waren, brach es plötzlich aus ihr heraus. Schluchzend erzählte sie dem Fremden ihre Geschichte. Dieser unterbrach sie kein einziges Mal.

Sie müssen versuchen, Gott zu vertrauen

Als Anja wieder schwieg, nahm er ihre Hände und fragte sie mit leiser Stimme: „Glauben sie an Gott?“ Heftig zog sie die Hände zurück. „Gott?! An welchen Gott denn? An den der versprochen hat für uns zu sorgen, für uns da zu sein? Wo war er denn als Tamara starb? Nein ich glaube an keinen Gott mehr!“ „Gott hat zugelassen, dass Ihre kleine Tochter diese Welt so früh verlassen musste. Aber trotzdem hat er einen guten Plan für Sie. Ich weiß, diesen Weg zu verstehen, fällt besonders Ihnen als Mutter sehr schwer. Ich glaube sie müssen es gar nicht verstehen, Sie müssen nur versuchen, Gott zu vertrauen, dass er keine Fehler macht und dass er trotz allem einen guten Weg mit Ihnen geht. Und eines dürfen sie ganz sicher wissen: Tamara geht es gut, sie ist dort wo keine Tränen mehr fließen, nämlich bei Gott.“

„Ich kann das nicht akzeptieren“, stöhnte Anja. „Und vor allem, der Mann, der die Schuld an allem hat, lebt, und mein Kind ist tot.“ „Haben sie einmal mit ihm gesprochen?“ fragt der Fremde. „Ich will nicht mit ihm reden, jede Nacht sehe ich sein Gesicht, ich hasse diesen Menschen!“ schrie die junge Frau verzweifelt.

Der alte Mann sah Anja lange an, dann sagte er: „Solange Sie diese Bitterkeit im Herzen haben, werden Sie nie wieder froh. Sie müssen diesem Mann vergeben, nur so können sie Frieden finden. Ich weiß, das kommt Ihnen jetzt unmöglich vor, aber denken Sie daran, auch Jesus hat seinen Peinigern vergeben, als er am Kreuz hing. Und glauben Sie mir, der Mann leidet bestimmt auch unter seiner Schuld. Ich werde für Sie beten, dass sie die Kraft finden, diesen Schritt zu gehen.“

Ihr Herz war so ruhig wie lange nicht mehr

Mit diesen Worten verabschiedete sich der Fremde. Anja ging nachdenklich nach Hause. Sie konnte sich nicht vorstellen, Herrn Gruch zu vergeben. Aber trotzdem war ihr Herz so ruhig wie lange nicht mehr. Am nächsten Tag nahm sie zum ersten Mal seit langem wieder ihre Bibel in die Hand. Sie blätterte darin und plötzlich blieben ihre Augen an einer Stelle hängen „Wer sein Bruder hasset, der ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wo er hingeht, denn die Finsternis hat seine Augen verblendet.“ Alles in Anja bäumte sich auf. „Dieser Mensch ist nicht mein Bruder, er hat mir mein Kind genommen, ich habe ein Recht ihn zu hassen.“

Doch der Vers ließ sie nicht mehr los. Immer mehr wurde ihr bewusst, dass sie diesen Schritt gehen musste. Nach einer Woche stand Anja dann vor der Tür von Hermann Gruch. Mit zitternden Fingern drückte sie den Klingelknopf. Dann stand er vor ihr – blass, mit tiefen Falten im Gesicht – und starrte sie sprachlos an. Tränen stiegen ihm in die Augen. Er hatte sie sofort erkannt. Auch er hatte seit diesem Tag keine ruhige Nacht mehr gehabt, die Schuld war zu groß. Es wurde ein langes Gespräch, aber am Ende wussten beide, dass nun die Wunden beginnen würden zu heilen. Nicht von heute auf morgen, aber es war möglich geworden.

Als Anja ging, fühlte sie zum ersten Mal wieder Friede in ihrem Herzen. Ein Lied kam ihr in den Sinn, dass sie früher oft gesungen hatte: Wie ein Fest nach langer Trauer / wie ein Feuer in der Nacht / ein offnes Tor in einer Mauer/ für die Sonne aufgemacht / wie ein Brief nach langem Schweigen / wie ein unverhoffter Gruß / wie ein Blatt an toten Zweigen / ein ich mag dich trotzdem Kuss / So ist Versöhnung, so wird der wahre Friede sein / So ist Versöhnung, so ist Vergeben und Verzeihn.

 

In diesem Jahr hat die Evangelische Nachrichtenagentur idea zusammen mit dem Verband Evangelischer Bekenntnisschulen erstmals einen Schülerschreibwettbewerb veranstaltet. Die Themen waren „Vergebung“ (Klassen 8-10) und „Familie“ (Klassen 11-13). Aus den 62 eingesandten Texten hat eine Jury die sechs besten gekürt. idea veröffentlicht ausgewählte Beiträge des Wettbewerbs in idea-Spektrum und auf idealisten.net. Den ersten Platz der Unterstufenschüler belegte Laura Bastian. Sie ist 15 Jahre alt und besucht die 9. Klasse der Johann-Christoph-Blumhardt-Schule in Mühlacker-Lomersheim.

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1 Kommentar wurden bereits abgegeben

  • 1.  
    schrieb am 09.03.2011 14:43

    Dieser Beitrag des Schülerwettbewerbes zum Thema "Vergebung" ist für mich der Beste. Er ist so unglaublich gut und mir kommen jedesmal die Tränen.

     

    Danke!

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