„Westwind“ – Eine Liebe durch den Zaun

Gehen oder bleiben - das ist hier die Frage: Der Kinofilm „Westwind“ erzählt die Geschichte von zwei unzertrennlichen Zwillingsschwestern, die in einem Ferienlager mit der Flucht aus der DDR konfrontiert werden - eine Verfilmung, die völlig ohne Klischees auskommt und auf einer wahren Begebenheit beruht.
  • Fotos: PR

 

Zwei wie Pech und Schwefel

Doreen (Friederike Becht) und Isabel (Luise Heyer) haben jede Sekunde ihres Lebens zusammen verbracht, haben wichtige Entscheidungen immer zu zweit getroffen, sind Wege ihrer Jugend immer gemeinsam gegangen. Sie sind zweieiige Zwillinge und beide verbindet die Liebe zum Rudern. Im Jahr 1988 fahren sie zu einem Pionierlager an den Plattensee nach Ungarn. Doch die Reise gestaltet sich anders als geplant. Schon auf der Hinfahrt verpassen die beiden Mädchen ihren Bus.

Eine folgenschwere Begegnung

Es kommt zu einer folgenschweren Begegnung: Zwei junge Männer aus Hamburg, Arne und Nico, nehmen die Zwillinge im Auto mit und bringen sie in das Ferienlager. Zu Zeiten des Ostblocks war Ungarn ein beliebtes Urlaubsziel für westdeutsche Touristen. Für die beiden Mädchen, die Zöglinge einer spätsozialistischen Erziehung sind, ist die Fahrt in dem orangefarbenen Käfer ein Abenteuer. Aus einem Flirt im Auto wird mehr: Doreen und Arne verlieben sich. Doch im Lager herrschen straffe sozialistische Vorschriften, Kontakt mit Westdeutschen ist schwierig, die Treffen mit Arne und Nico müssen also unbemerkt stattfinden.

Die Politik steht der Liebe im Wege

Es entwickelt sich eine heimliche Liebe durch den Zaun. Doreen und Arne können ihr Herz zwar miteinander teilen, allerdings steht immer wieder die Politik im Wege – schön dargestellt durch den Maschendrahtzaun, der hin und wieder ein Loch aufweist, durch das die Verliebten Zärtlichkeiten austauschen können. Nächtliche Fluchtaktionen aus dem Ferienlager bestimmen Doreens Gedanken.

Das schwesterliche Gleichgewicht gerät ins Wanken

Für die Schwestern wird das zu einer Herausforderung. Die bedachte Isabell, die anfangs noch zum Tanzen und Feiern mitkommt, wird zunehmend vom schlechten Gewissen geplagt. Immer wieder muss sie die Alleingänge ihrer impulsiven Schwester, die sich mit Arne trifft, vor dem Rudertrainer decken. Die Schwesterliebe steht vor einer Herausforderung, das Gleichgewicht zwischen den Zwillingen gerät ins Wanken und kulminiert schließlich in gefährlichen Fluchtgedanken von Doreen.

Behutsam und mit überraschendem Witz

Regisseur Robert Thalheim zeigt in seinem mitreißenden Film jedoch nicht nur das Privatleben ostdeutscher Jugendlicher. Im Hintergrund stehen immer die Politik und die Auswirkungen des Sozialismus auf den Alltag im Osten. Auf behutsame Weise, und teilweise mit überraschendem Witz, zeichnet Thalheim das Leben der zwei Mädchen ein Jahr vor der Wende nach.

Erste Westbegenung mit Coca Cola und Musik

Die Zwillinge kommen zum ersten Mal mit dem Westen in Kontakt: durch Coca-Cola, durch Musik und natürlich durch ihre Urlaubsbekanntschaft. Vorher waren sich Doreen und Isabel der politischen Einschränkungen nicht bewusst, durch die Begegnung mit den Jungen werden latente Bedürfnisse geweckt. Die Auswirkungen der Politik auf den persönlichen Alltag der Mädchen werden deutlich. Es ist eine der Geschichten aus der Zeit der deutsch-deutschen Teilung, die jedoch nicht pathetisch wirkt.

Wahre Begebenheit verfilmt

Der Film ist nicht nur Fiktion, das Drama hat sich in Teilen tatsächlich ereignet. Thalheim erzählt in „Westwind“ die Geschichte der Zwillingsschwestern Susann und Doreen Schimk, die damals als Handballerinnen ähnliche Erfahrungen am Plattensee gemacht haben. Der Urlaub endete schließlich in Doreens Flucht in den Westen. Susann blieb zurück und ließ anstrengende Stasi-Befragungen über sich ergehen. Heute arbeitet sie als Produzentin bei „Credo Film“ in Berlin, der Produktionsfirma von „Westwind“.

Ein wichtiger Beitrag zur DDR-Aufarbeitung

Der Film liefert in den Zeiten der Aufarbeitung von DDR-Geschichte einen wichtigen Beitrag. Immer noch sind Auswirkungen der Teilung in Deutschland zu spüren, viele Risse sind tiefer als gedacht. Thalheim widmet sich daher der deutschen Geschichte im Kleinen und erzählt eine wahre und persönliche Lebenserfahrung. Der Film verzichtet deshalb auf die Darstellung großer politischer Entscheidungen, vielmehr wird Geschichte in dem Drama kleinteilig und intensiv erfahrbar. Ein lohnenswerter Kinobesuch!

 

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