Wenn Tabus keinen Wert mehr besitzen
Am Dienstagabend zur besten Sendezeit strahlte 3sat das Drama „Sommer ´04“ von Regisseur Stefan Krohmer aus. Der Sender selbst führt den Slogan „anders fernsehen“. Auf diesen Film trifft dies auf jeden Fall zu, denn er bricht mit einem der bisher stabilsten Tabus: Zwischen der 12-jährigen Livia (Svea Lohde) und dem 38-jährigen Amerikaner Bill (Robert Seeliger) scheint sich im Sommerurlaub eine Beziehung anzubahnen.
Livia ist bei den Eltern ihres 15-jährigen Freundes Nils (Lucas Kotaranin) im Ferienhaus zu Gast und verbringt mit ihnen den Urlaub mit Segeln und Seele baumeln lassen. Dabei lernt sie den wesentlich älteren Bill kennen. Der Film lässt nun offen, was für eine Beziehung zwischen beiden besteht. Läuft da was? Und haben die beiden vielleicht sogar Sex?
Gestörte Liebesbeziehungen, die jede Altersbeschränkung auflösen
Nils lässt das alles erstaunlich kalt. Seine Eltern fragt er, was schon dabei sei, wenn seine Freundin mit einem erwachsenen Mann Geschlechtsverkehr habe? Seine Mutter Miriam (Martina Gedeck) und ihr Lebensgefährte André (Peter Davor) versuchen betont locker mit der Situation umzugehen, was ihnen aber nicht gelingt. Als Miriam aus Sorge um Livia zu Bill fährt, verliebt sie sich selbst in den attraktiven Amerikaner. Was nun folgt, ist ein absurder Konkurrenzkampf zwischen ihr und dem Kind um die Gunst von Bill.
„Sommer ´04“ zeichnet völlig unnormale Liebesverhältnisse nach. Die pubertierende Livia macht dabei den seltsamsten Eindruck. Zum einen scheint sie keinen Draht zu ihrem Freund Nils zu haben, was die beiden aber nicht wirklich stört. Und zum anderen fällt sie durch Äußerungen zum Sexualleben auf, bei denen man sich unweigerlich fragt, ob sie nicht vielleicht von einem anderen Stern kommt. So regt sie sich darüber auf, dass Bill sich im Umgang mit ihr nichts trauen würde. Wie das wohl zu verstehen ist, lässt der Film geschickt offen.
Mit 12: „Gute Freunde, die auch mal Sex haben“
Als Livia schließlich merkt, dass sie und Nils so ihre Probleme haben, beschließen beide „gute Freunde, die vielleicht auch mal Sex haben“, zu werden. Wohlgemerkt: Das sagen zwei Jugendliche im Alter von 12 und 15 ganz offen zu ihren Eltern – so, als sei es das Normalste der Welt.
In der letzten Szene erfährt der Zuschauer, dass zwischen Livia und Bill nie etwas gelaufen ist. Das frühreife Kind wollte nur Miriam mit ihm zusammenbringen, was ihr letztendlich auch glückte. Trotz dieser Auflösung am Ende spielt „Sommer ´04“ die ganze Zeit mit dem Tabu, Erwachsene könnten auch mit Kindern eine Liebesbeziehung führen. Der Film zeigt „völlig freie“ Geschlechterverhältnisse und stellt sich bewusst gegen jede Altersbegrenzung.
Als psychologisches Experiment und im Namen der künstlerischen Freiheit sei dies Regisseur Stefan Krohmer selbstverständlich erlaubt. Was aber schon eher verwundert, sind die medialen Reaktionen auf den Film, die – soweit gesichtet – allesamt den Tabubruch begrüßen, da er die „sexuelle Befreiung“ vorantreibe. Das kann doch nicht wahr sein! Zumindest ein Idealist muss deshalb seine Stimme erheben und den unbeliebten Moralapostel spielen: Sagt mal, geht’s euch noch ganz gut? Hat hier denn niemand kapiert, dass man die menschliche Natur und – in diesem Fall – die Geschlechtsreife nicht überlisten kann?

