Wenn sich Magere fett fühlen
Mit 12 Jahren erkrankte Deborah Rosenkranz an Magersucht. Später verfiel sie auch der Bulemie. Inzwischen ist die Sängerin und Flugbegleiterin geheilt, doch tausende junge Menschen haben die gleichen Probleme, die Deborah früher hatte. In ihrer Biografie „So schwer, sich leicht zu fühlen“ beschreibt die 28-Jährige, wie sie sich fast zu Tode hungerte und doch den Weg aus der Krise schaffte. Lies Auszüge aus ihrer bewegenden Lebensgeschichte.
Ja, ich war dick. Ich hasste es, mit meinen superschlanken Freundinnen in ihren winzigen Bikinis im Schwimmbad zu liegen. Dennoch wäre ich nie auf die Idee gekommen, auf Pommes mit Ketchup und Mayonnaise zu verzichten. In der Schule schämte ich mich, wenn ich an der Tafel stand. Immer dachte ich: „Die finden mich bestimmt alle furchtbar fett.“ Als ich in eine neue Klasse kam, riefen alle Mädchen: „Ist das ein Mädchen?“ Und die Jungs: „Ja, und sie ist fett!“ Ich war nicht hübsch genug und eindeutig zu fett. Mit 12 Jahren – ich war knapp 1,70 Meter groß – hatte ich schon 76 Kilogramm erreicht.
Anfangs waren es nur Kleinigkeiten
Zur gleichen Zeit begann ein Fitness-Kurs, den meine Krankenversicherung anbot – kostenlos, mit eigenem Trainer. Ich war sofort dabei und ging neben meinen Handball- Trainingsstunden auch noch ins Fitnessstudio. Noch dachte ich, es würde reichen, als Diät einfach „FDH“ („Friss die Hälfte“) zu machen. Ich fing also an, auf meine Ernährung zu achten. Es waren zu Beginn nur Kleinigkeiten, wie mal das Abendessen zu streichen und stattdessen nur einen Apfel zu essen. Oder Sonntagnachmittags: Es gab immer leckeren Kuchen. Doch ich blieb nun hart und trank nur meinen Kaffee, während mir das Wasser im Mund zusammenlief. Mein Magen knurrte wie verrückt, doch ich blieb eisern. Aus meinem Kampf gegen die Pfunde wurde bald ein Kampf gegen mich selbst. Es ging nicht mehr um die schlanke Linie. Ich wurde magersüchtig.
Mein Freund – der Hunger
Dabei wurde der Hunger mein Freund. Denn jedes Mal, wenn mein Magen so heftig knurrte, stellte ich mir vor, wie mein Körper jetzt an meine Fettreserven ging und ich dünner wurde! Um den Hunger besser ertragen zu können, ging ich sehr viel früher ins Bett als alle anderen. Somit kam ich nicht in die Versuchung, noch etwas zu essen. Ich lag oft wach und hatte Mühe einzuschlafen, doch das war es mir wert. Dass ich mich schon nach kurzer Zeit ständig an Stühlen und an der Wand festhalten musste, weil mir durch die strenge Diät schwindelig wurde, störte mich nicht.
Der Verzicht auf das Abendessen zeigte so viel Wirkung, dass ich bald auch morgens auf das Frühstück verzichtete. Mittags stocherte ich auf meinem Teller herum und kaute jeden Bissen mindestens 100-mal. Hauptsache, ich nahm ab! Eine Weile lebte ich nur noch von Babybrei. Die Waage zeigte nun 58,5 Kilogramm.
Man sah meine Knochen, doch ich fühlte mich fett
Mir fiel nicht auf, dass meine Knochen begannen, überall herauszustehen. Dennoch fühlte ich mich fett und aufgeschwemmt. Mir fehlte inzwischen jeder Bezug zur Realität. Immer wieder wurde ich inzwischen von Leuten angesprochen, ob in meinem Elternhaus etwas nicht stimmen würde. Oft wird es einfach darauf geschoben, wenn ein Mädchen magersüchtig wird. Doch in meinem Fall war das nicht so! Meine Mutter arbeitete in einem Büro in der Stadt und mein Vater war Pastor einer richtig tollen Gemeinde, in die ich sehr gern ging. Ich freute mich, wenn ich sonntags auf der Bühne singen durfte. Ich konnte mich dort richtig ausleben.
Doch ich merkte auch, dass ich mich aufgrund meines gestörten Essverhaltens mehr und mehr aus allem zurückzog. Ich war es leid, Sonntag für Sonntag Ausreden finden zu müssen, wieso ich kein Stück Kuchen wollte oder weshalb ich beim gemeinsamen Mittagessen nicht dabei sein konnte. Ich wollte nicht jedem erklären müssen, wieso ich meinen Salat ohne Dressing esse oder warum ich auf einmal den Kaffee schwarz trinke.
Panik – vor dem Abendmahl!
Große Panik hatte ich vor dem Abendmahl. Das Einnehmen von Brot und Wein war für alle ein Fest – doch für mich nur ein großer Kampf. Ich durfte doch keine Kohlehydrate zu mir nehmen, geschweige denn Alkohol! So drückte ich mich immer öfter um den Kirchenbesuch. Eigentlich hatte ich Gott immer als meinen guten Freund betrachtet, mit dem ich über alles reden konnte. Auch das änderte sich, und ich sprach immer seltener mit ihm. Dann redete ich mir ein, dass Gott schließlich keine Ahnung davon haben konnte, wie es war, dick zu sein, und mit Kalorienzählen hatte er sicher auch nichts am Hut. Warum ihn also damit belästigen?
Es gab allerdings auch Dinge, die mich schockierten. Beim Kämmen fand ich immer wieder große Haarbüschel in der Bürste. Mir war ständig kalt, auch im Sommer, da mein Körper einfach keine Fettschicht mehr besaß. Meine Periode kam immer unregelmäßiger, bis ich sie gar nicht mehr hatte. Das fand ich in den ersten Monaten richtig schlimm, obwohl man von Magersüchtigen ja sagt, sie wollen so wenig Frau wie möglich sein. In meinem Fall war das nicht so! Ich sehnte mich ja gerade danach, eine hübsche, begehrenswerte Frau zu sein! Ich wog noch 47 Kilogramm.
„ … denn unsere Tochter stirbt …“
Einmal kam ich nach einem Konzert erst kurz vor 2 Uhr morgens wieder nach Hause. So leise wie möglich schlich ich mich am Zimmer meiner Eltern vorbei. Da hörte ich meine Eltern weinen! Ich kapierte, dass sie für mich beteten und dabei beide herzzerreißend schluchzten. Ich sackte zusammen. Mitten in der Nacht lagen sie wach und beteten für ihre Tochter! „Bitte hilf uns, Herr, denn unsere Tochter stirbt …“
Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Stand es wirklich so schlimm um mich? Ich hatte gedacht, sie würden nur übertreiben, wenn sie meinten: „Du musst etwas essen, sonst geht es nicht mehr lange …“ Konnten sie das tatsächlich ernst gemeint haben? Ich blickte an mir herunter auf meinen ausgemergelten Körper. Es musste etwas dran sein an dem, was sie mir immer wieder sagten, das wurde mir jetzt klar, denn sonst würden sie wohl kaum nachts Gott um meine Rettung anflehen.
Ich wollte unbedingt wieder gesund werden
Ich klopfte an die Tür meiner Eltern. Ich nahm meinen Mut zusammen und erzählte ihnen, dass ich sie gehört hatte. All der Schmerz, den ich in mir getragen hatte, kam nun aus mir heraus. Ich fiel meinen Eltern in die Arme. Ich konnte nicht mehr! Ich sagte ihnen, dass ich unbedingt wieder gesund werden wollte. Außerdem wollte ich gemeinsam mit ihnen auch Gott um seine Hilfe bitten. Ich wollte die gleiche Kraft, die sie aus ihrem Glauben gezogen hatten, um meine Krankheit zu überstehen, auch für mich! Meine Mutter brach vor Freude in Tränen aus. Es war ein Moment, der uns allen gezeigt hat, dass die Liebe alles möglich machen kann.
Ich lief in mein Zimmer und holte die drei Tafeln Schokolade, die ich dort schon ewig „für später“ aufhob. Ich brach von jeder eine Ecke ab und lutschte sie so langsam wie möglich, um sie richtig genießen zu können. Es war für mich unglaublich schwierig, wieder mehr zu essen. Auch weil mein Magen es überhaupt nicht mehr gewohnt war, richtige Nahrung zu sich zu nehmen. Ich hatte extrem starke Bauchschmerzen und ein ständiges Stechen in der Seite. Doch ich gab mir alle Mühe, mehr zu mir zu nehmen.
Ein Schock: Man sagt, ich sehe wieder gut aus
Dass das alles aber noch keine wirkliche innere Veränderung war, bemerkte niemand. Man bekommt nicht einfach aus heiterem Himmel eine Essstörung, und wenn man dann wieder isst, ist alles gut. Die Essstörung ist ja nur ein Symptom für Probleme, die viel tiefer liegen: in einer gestörten Selbstwahrnehmung. Ich litt also nach wie vor, wenn mir wieder jemand sagte, dass es schön sei, dass ich zugenommen hätte.
Für mich war es schockierend, wie schnell ich an Gewicht zulegte! All die verbotenen Lebensmittel machten mich plötzlich unwiderstehlich an. Ich hatte mich nicht mehr im Griff. Als nach einigen Wochen von allen Seiten die Bemerkungen kamen: „Du siehst wieder richtig gut aus“, war das für mich der Abgrund. „Du siehst wieder gut aus“ bedeutete für mich so viel wie „Du bist wieder fett!“ Schneller als ich schauen konnte, war ich wieder dick geworden! Ich war 14 Jahre alt und wog 81 Kilogramm.
In meiner Klasse litten 40% der Mädchen an Essstörungen
Wir zogen in eine andere Stadt, was ganz gut für mich war, da ich noch einmal neu anfangen konnte. Doch ich landete in einer Klasse, in der ungefähr 40 % der Schülerinnen an einer Essstörung litten. Ich werde nie vergessen, wie ich einmal nach dem Kochunterricht die Toilette aufsuchte und von allen Seiten von Würgelauten überrascht wurde. Ich hatte mich oft gefragt, wie die Mädchen alle so schlank blieben, obwohl sie so viel ungesundes Zeug in sich hineinstopften. Jetzt wusste ich es: Sie litten an Bulimie und gingen nach dem Essen auf die Toilette, um jede Mahlzeit sofort wieder loszuwerden!
Abführmittel, Apfelessig und Nulldiät
Es war ein Klassentrend geworden, über den man offen sprach. Ein Mädchen meinte: „Weißt du, wenn mal nicht alles rauskommt, dann stecke ich mir einfach die Zahnbürste in den Hals.“ Auch Abführmittel, Apfelessig und Nulldiät waren beliebte Methoden, um abzunehmen, und in den Pausen gab es kein anderes Thema. Schon bald hatten die anderen mich mit ihrem Schlankheitswahn wieder angesteckt. Auch wenn ich mich anfangs dagegen gesträubt hatte und es ziemlich eklig fand, hatte mich die Art, das Gewicht zu halten – indem man sich den Finger in den Hals steckt und das Gegessene wieder erbricht –, nun auch in den Fängen.
Komplett von der Außenwelt isoliert
Doch die Bulimie ist eine Krankheit, die einen innerlich zerfrisst. Sie begleitet einen überall hin, und es gibt auch keine Pause von ihr. Nach jedem Essen flüstert sie in dein Ohr: „Lass uns auf Toilette gehen. Merkst du nicht, dass du zu viel gegessen hast?“ Die Krankheit hatte mich komplett von der Außenwelt isoliert und total verändert. Eigentlich lebte ich nicht mehr mein Leben, sondern die Krankheit lebte mich.
Die große Wende
Eines Tages gab ich mit meiner damaligen Band ein Konzert auf einem christlichen Jugendevent und sprach auch über den Glauben an Gott, so wie es dort erwartet wurde. Ich wusste genau, was ich zu sagen hatte, auch ohne es zu leben. Immerhin war ich damit aufgewachsen. Während ich redete, fühlte ich, wie leer ich doch eigentlich war und wie falsch ich lebte. Diese Menschen im Saal waren viel zufriedener mit ihrem Leben und viel echter als ich, die ich da so wichtig auf der Bühne stand! Nach dem Konzert fühlte ich mich wie die größte Heuchlerin der Welt.
An diesem Abend betete ich nach einer langen Zeit zum ersten Mal wieder. Ich schluchzte ganz simple Worte, in der Hoffnung, dass Gott jemandem wie mir noch zuhören würde: „Ich weiß, ich habe so ziemlich alles falsch gemacht, was ich hätte falsch machen können. Ich habe versucht, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, nur um zu erkennen, dass ich ohne dich aufgeschmissen bin. Ich weiß nicht, ob du jemandem wie mir überhaupt noch vergeben kannst. Wenn du noch willst, dann verzeih mir bitte und schenk mir noch eine Chance. Es tut mir leid!“
Meine Heilung – ein Wunder!
Heute habe ich ein normales Gewicht von 62 Kilogramm bei einer Größe von 1,71 m. Wenn ich mein heutiges Leben mit einem Wort beschreiben müsste, würde es „Wunder“ lauten. Es gibt wirklich Heilung von der Magersucht. Auch wenn das ein langer, schwieriger Weg ist. Normalerweise braucht man als essgestörter Mensch allerdings neben der Unterstützung von Familie und Freunden unbedingt die Hilfe eines erfahrenen Therapeuten.
Dass ich mich von meinen Essstörungen lösen konnte, ohne eine Therapie zu machen, ist ganz sicher ein Wunder gewesen. Der Glaube an Gott war für mich der wichtigste Punkt. Ich habe daraus die Kraft geschöpft, die ersten Schritte zu tun, weil er mir die Hoffnung gegeben hat, dass ich aus den Ketten dieser Sucht rauskommen kann! Der Hauptunterschied zu damals ist für mich ganz klar: Ich weiß, wer ich bin! Was mich lange wirklich krank gemacht hat, war der ständige Vergleich mit anderen Menschen. Da waren immer diese Fragen: „Esse ich wirklich weniger als alle anderen? Bin ich schlanker als die-und-die?“ Wenn ich mitbekam, dass ein anderes Mädchen abgenommen hatte, wurde ich sofort eifersüchtig. Diese Zeit ist vorbei. Ich habe mich endgültig in das Leben verliebt. Ich lebe, ich lache und – ich esse!
Deborah Rosenkranz: So schwer, sich leicht zu fühlen. Wie ich von meinen Ess-Störungen frei wurde. adeo-Verlag, 160 Seiten, 14,99 Euro, ISBN 9783942208307
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