Wenn Feinde friedlich streiten

„Talk to the Enemy“ – ein etwas dramatischer Name für ein Projekt, das eine positive Streitkultur fördern will. Und das mit den Mitteln des Internets: In Videoblogs debattieren vornehmlich junge Menschen miteinander über Gott und die Welt. Derzeit vor allem über Gott.
  • Bild: Screenshot aus dem YouTube-Clip zum Projekt (s. u.)

 

Diskutieren per Video

Streiten global: Wer sich heute mit einem konrtoversen Thema auseinandersetzen will, braucht nicht mehr zum Debattierklub gehen. Per Video kann er sich mit Anders- oder Gleichgesinnten die Argumente um die Ohren hauen.

Und so funktioniert's

In einer Runde treten zehn „Streiter“ gegeneinander an. Von den „Talk to the Enemy“-Initiatoren werden sie mit Videokameras ausgestattet und im Drehen und Schneiden ihrer Beiträge geschult. Dann geht es los. Drei Monate lang filmen die Videoblogger, erzählen aus ihrem Leben, müssen Aufgaben der zwei Moderatoren bewerkstelligen. Währenddessen verfolgen andere Interessierte von fern und nah die Auseinandersetzung an ihrem Rechner mit, kommentieren und bewerten die Videoblogger. Das große Thema der derzeitigen Staffel: „Zündstoff Glaube – Christen debattieren mit Muslimen“.

Sami und „sein“ Islam

Einer der ausgewählten Videoblogger ist Sami. Er kommt aus Hamburg und ist Moslem. Allerdings wird seine Glaubensrichtung von manchen Muslimen nicht anerkannt: Er gehört der Ahmadiyya-Bewegung an, einer pazifistischen Reformbewegung. Sami freut sich über die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit „seinen“ Islam vorzustellen: Entgegen aller Klischees friedliebend und weltoffen.

Banu glaubt an sich selbst

Banu ist Atheistin und kommt aus Frankfurt. Sie glaubt vor allem an sich selbst. Bei Themen wie Religion und Politik oder gar Adoptionsrecht für Homosexuelle liefert sie sich wortgewaltige Duelle mit ihren religiösen Mitstreitern.

Sebastian beklagt Christenverfolgung durch Muslime

Da ist dann auch der Katholik Sebastian eifrig mit dabei. Er streitet für das Christentum und die katholische Kirche und nimmt bei seiner Kritik über den Islam kein Blatt vor dem Mund. Er beklagt fehlende Toleranz von Seiten der Muslime, die in manchen Ländern bis zur Christenverfolgung reicht.

Aisha distanziert sich von terroristischen „Spinnern“

Tolerant zeigt sich dagegen die Muslima Aisha aus Berlin. Sie trägt Kopftuch und will zeigen, dass Frauen im Islam eine eigene Meinung und Persönlichkeit haben dürfen. Sie wehrt sich vehement gegen Vorwürfe, der Islam sei gewalttätig und distanziert sich von den „Spinnern“, die Terror mit dem Islam begründen.

Vielfältige Meinungen und Strömungen

Allein an diesen vier Teilnehmern von „Talk to the Enemy“ sieht man schon, wie vielfältig die verterenen Meinungen sind. Die Bezeichnung „Christen und Muslime debattieren“ greift deshalb eigentlich zu kurz, da beide Gruppen in sich sehr unterschiedliche Standpunkte vertreten.

Hier zeigt das Projekt die Wirklichkeit der Religionen in unserer Gesellschaft: Es gibt viel mehr Meinungen und Strömungen, als landläufig bekannt sind. Wer da mal nicht mehr durchsieht, kann auch auf das eigene kleine Wiki der Webseite zurückgreifen und sich über Begriffe wie „Salafismus”, „Euro-Islam” oder „Evagelikales Christentum” informieren.

Einen differenzierten Disput anstoßen

Die Debatten sollen fair sein – und sind es auch. Es geht nicht darum, den anderen zu überzeugen. Beschimpfen ist tabu. Die Teilnehmer sollen miteinander reden und voneinander lernen. Hier kann „Talk to the Enemy“ tatsächlich helfen, die vielfältigen Meinungen darzustellen, um dann einen differenzierten Disput anzustoßen – auch wenn dabei die gegensätzlichen Meinungen bestehen bleiben.

Das Projekt erweitert den Horizont

Das Projekt erweitert den Horizont: Nicht nur das Christentum besteht aus vielen verschiedenen Gruppen und Kirchen, auch Islam ist nicht gleich Islam, sondern weitaus vielfältiger.

Übrigens: Am Ende jeder Staffel sendet ZDFinfokanal eine Dokumentation über die Debatte und die zehn Videoblogger. Schau Dir die aktuelle Folge an.

 

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