Wenn eine Jugendbewegung erwachsen wird
Rund 3.000 Jesus Freaks haben sich vom 1. bis 5. August in Borgentreich bei Kassel zum 18. Freakstock Festival getroffen. Unter dem Motto „Himmelsstürmer & Bruchpiloten“ nahmen sie sich die Leidenschaft der ersten Luftfahrtpioniere zum Vorbild, um neuen Wind in ihr Glaubensleben zu bringen. Das Motto könnte aber genauso gut als Überschrift für die Geschichte der Jesus Freaks dienen. Ein Blick auf die Entwicklung dieser evangelikalen Bewegung.
Es gibt wohl kaum eine christliche Veranstaltung in Deutschland, die eine so große Bandbreite unterschiedlicher Lebensstile vereint wie das Freakstock Festival: Hier – auf einem Gelände der koptisch-orthodoxen Kirche in Deutschland – zelten Punks mit zerfetzten Klamotten und blauem Irokesenschnitt friedlich neben jungen Familien mit kleinen Babys. Sogar Rentner laufen einem immer wieder über den Weg. Während die einen mit brachialen Hardcore-Liedern Gott die Ehre geben und andere beim Techno-Lobpreis tanzen, sucht manch einer im Gottesdienst der Kopten eher ruhige liturgische Formen, um vor Gott zu kommen. Doch an ihrer enormen Vielfalt drohte die Jesus-Freaks-Bewegung sogar schon einmal zu zerbrechen.
Nach 15 Jahren standen die Jesus Freaks kurz vor dem Zerbruch
Das war Mitte des letzten Jahrzehnts. Die 1991 von Martin Dreyer in Hamburg gegründete Jugendbewegung war nach 15 Jahren den Kinderschuhen entwachsen. Innerhalb des fünfköpfigen Leitungsteams gab es zunehmend unterschiedliche Ansichten über die Ausrichtung der Jesus Freaks. Eine nicht unwesentliche Rolle spielte dabei der Einfluss der extrem charismatischen, sektiererischen „Wort und Geist“-Bewegung. Zudem zeigten sich immer mehr Jesus-Freaks-Gruppen unzufrieden mit der Leitungsstruktur, weil sie manche Entscheidungen nicht nachvollziehen konnten – wie zum Beispiel die Gründung der Aktiengesellschaft „Freakstyle AG“, die der Auslagerung wirtschaftlicher Betätigungen der Jesus Freaks diente. Auch herrschte bei vielen Unmut darüber, dass die Meinung der einzelnen Gruppen kaum Gehör fand. Schließlich schlossen sich zwei Mitglieder des Leitungsteams sowie zahlreiche Jesus Freaks – teils sogar ganze Gruppen – „Wort und Geist“ an. Das stürzte die Jesus Freaks in eine noch tiefere Krise.
Ein Neuanfang auf breiter Basis
Um die Bewegung zu retten, besann man sich darauf, alle laufenden Aktivitäten herunterzufahren und sich Zeit für eine Neuausrichtung zu nehmen: 2007 trafen sich in mehreren Regionen Deutschlands Jesus Freaks, um zu überlegen, wie es weitergehen könnte. Danach erarbeiteten 130 Mitglieder der Bewegung eine „Charta“, in der Ziele und Vision der Bewegung sowie die Organisations- und Leitungsstruktur neu formuliert wurden. Seitdem ruht die Leitung der Jesus Freaks auf rund 30 Schultern. Entscheidungen werden auf möglichst niedriger Ebene getroffen. Die einzelnen Gruppen sollen wegen ihrer Unterschiedlichkeit die Möglichkeit haben, Dinge auch selbst zu beschließen. Ziel ist, die „Vielfalt in Einheit“ zu leben, wie es in der Charta heißt.
„Kidzstock“ und Workshops für den Nachwuchs
Sich der Vielfalt bewusst zu stellen, war jedoch nicht nur aufgrund unterschiedlicher Glaubensauffassungen notwendig. Denn in ihren nunmehr 21 Jahren reiften nicht nur die Bewegung, sondern auch die Mitglieder. Von einer „Jugendbewegung“ kann man deshalb gar nicht mehr sprechen. Das sieht man besonders deutlich auf dem Freakstock: Die Freaks der ersten Jahre haben mittlerweile vielfach selbst schon Kinder im Teenageralter, die quasi mit dem Festival aufgewachsen sind. Überhaupt machen Familien inzwischen vermutlich ein Drittel der Teilnehmer aus. Eine eigene Kinder- und Jugendarbeit trägt dem Rechnung. Allein das festivaleigene Kinderland „Kidzstock“ besuchten in diesem Jahr rund 160 Kinder ab 3 Jahren. Der jüngste Freakstock-Besucher war noch nicht einmal 3 Wochen alt. Und so standen auch ein paar Workshops für den Nachwuchs – wie z. B. „Prophetie für Kinder“ – auf dem Programm. In der Redaktion der täglich handkopierten F.A.Z. (Freakstock Allgemeine Zeitung) überlegt man sogar, ab dem kommenden Jahr eine Kinderseite einzuführen.
„Wir haben uns unsere Verrücktheit bewahrt“
Trotzdem ist nach wie vor genauso viel Platz für Punks, Metal-Fans und Skater – und vor allem für Kreativität jeglicher Couleur. Die legendäre Dixie-Klo-Disko gibt es zwar nicht mehr, dafür aber selbstgezimmerte Sitzgelegenheiten, bunte Lampenschirme auf den großen Straßenlaternen und eine 80er-Jahre-Disko, bei der die DJs bis tief in die Morgenstunden auf einem Hausdach auflegen. „Wir haben uns unsere Verrücktheit bewahrt, gleichzeitig sind wir uns aber auch unserer Verantwortung als Glaubensgemeinschaft bewusst“, sagt Bettina Kammer (Berlin) vom Leitungskreis. „Die Jesus Freaks sind nicht mehr nur eine ausgefallene christliche Randgruppe, die mit viel Provokation Aufmerksamkeit auf den Glauben lenken will. Heute kann keiner mehr von der Christenheit in Deutschland sprechen – und unsere Bewegung dabei ausklammern.“ Versuchten die Jesus Freaks in ihren Anfangsjahren, sich ganz bewusst von traditionellen kirchlichen Strukturen und Formen abzugrenzen, bekennen sie sich heute klar zur Ökumene und arbeiten vielerorts mit der Evangelischen Allianz wie auch mit Landeskirchen zusammen.
Doch auch wenn sich mit dem Erwachsenwerden der Bewegung einiges verändert hat – eines ist heute noch genauso wie zu Beginn: die sehr familiäre Atmosphäre bei den Jesus Freaks. Bettina bringt es auf den Punkt: „Zum Freakstock kommen, ist wie nach Hause kommen.“
Hier kannst Du Dir Fotos vom Freakstock 2012 anschauen.
Ein ausführliches Interview mit Martin Dreyer, dem Gründer der Jesus Freaks, findest Du im idealisten.net-Magazin (Ausgabe „Jesus“), das Du hier kostenlos runterladen (oder auch bestellen) kannst.


