Wendehälse im nächsten Leben
Jeder kennt sie: Opportunisten, die keine Überzeugungen haben, sondern immer dort zu finden sind, wo die Musik spielt. Der Film „Im nächsten Leben“ schildert die Karriere des Wendehalses Wolfgang Kerber (Edgar Selge), der versucht, nach dem Mauerfall im neuen System sofort wieder Fuß zu fassen. Doch das ist gar nicht so einfach. Das Drama, das vor einem Jahr in den deutschen Kinos lief, kommt am Sonnabend um 22 Uhr auf arte.
Bis 1989 arbeitete Kerber als hoch angesehener Sportfotograf für den DDR-Nachrichtendienst ADN. Mit Spitzensportlern und Tuchfühlung zu den Eliten des Landes konnte er um die halbe Welt reisen und bekam dabei nicht einmal mit, dass daheim seine Familie unter den Repressionen des Staates litt. Der Journalist liebte seinen Beruf und passte sich deswegen den äußeren Gegebenheiten an.
Das gelingt Kerber auch nach der Wende. Kaum ist die Mauer gefallen, hat er den Fuß schon in eine neue Tür gesetzt. Bei einer Berliner Boulevardzeitung heuert er als Polizeireporter an. Auf diesem neuen Posten fehlt ihm jedoch das Feingefühl für Aufsehen erregende Storys. Sein Chefredakteur ist unzufrieden mit ihm und setzt ihn unter einen Leistungsdruck, den er vor dem Mauerfall so nicht kannte. Kerbers Nervosität wächst. Sie treibt ihn auf die Suche nach einer absoluten journalistischen Sensation. Doch anstatt diese zu finden, stößt er auf seine Tochter und wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert.
Gesichter der jüngeren deutschen Geschichte
Der 38jährige Regisseur Marco Mittelstaedt verarbeitet mit „Im nächsten Leben“ seine eigenen Familiengeschichte. Sein Vater war Cheffotograf des ADN und wechselte im Herbst 1989 zur BILD-Zeitung. „Mich irritierte dieser Schritt sehr und wir haben innerhalb der Familie heftig darüber diskutiert. So hochmoralisch und revolutionär, wie man nur mit 17 sein kann, verurteilte ich meinen Vater für seine radikale Abkehr vom Leben der DDR“, so Mittelstaedt heute.
Mit Edgar Selge hat er Wolfgang Kerber von einem westdeutschen Schauspieler interpretieren lassen, der zu den herausragenden Gesichtern gehört, die in Mauerfall-Spielfilmen bisher auftauchten. Fast sechs Millionen Menschen sahen im letzten Jahr zum Beispiel „Jenseits der Mauer“, in dem Selge den Vater Ulrich Molitor spielt, der seine Tochter durch eine Zwangsadoption verliert. Hier nimmt er eine gänzlich andere Rolle ein und geht einen schmerzhaften Weg, um den Verhaltensmustern des Denunziantenstaates zu entkommen und ein Leben in Freiheit zu führen.
Was hätte ich getan?
Neben Selge nimmt Veronica Ferres eine herausragende Rolle in Wiedervereinigungsfilmen ein. Sie spielte die „Frau vom Checkpoint Charlie“ und eine gleichfalls systemkritische Mutter in „Das Wunder von Berlin“. Selge und Ferres geraten damit in Schlüsselrollen, die es gerade jungen Zuschauern ermöglichen, über filmisch miterlebte, tragische Schicksale einen eigenen Zugang zur Geschichte zu finden.
Vorbewusst entstehen so Fragen, die sich jeder einmal gestellt haben sollte: Wie hätte ich mich in einer Diktatur wie der DDR verhalten? Hätte auch ich dort Karriere machen wollen oder wäre ich in den Widerstand gegangen? Wie normal hätte ich in einem solchen System leben wollen? Wer darüber gründlich nachdenkt, wird auch seine eigene Rolle in der Gegenwart hinterfragen: Was würde ich tun, wenn morgen durch eine historische Wende auf einmal nichts mehr so wäre wie heute?
„Im nächsten Leben“ läuft am Samstag, den 26. Juni, um 22 Uhr auf arte.


