Was „Taizé“ so anziehend macht
29.000 Teilnehmer aus 70 Ländern nahmen am 34. Europäischen Jugendtreffen der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé erstmals in Berlin teil. Im Zentrum des fünftägigen Treffens stand das gemeinsame Gebet. Karsten Huhn war dabei.
Silvesterabend auf dem Berliner Messegelände. Die nüchtern-weißen Messehallen sind abgedunkelt und mit orangem Licht angestrahlt. Die knapp 30.000 Jugendlichen aus 70 Ländern (davon rund 10.000 aus Deutschland und 6.000 aus Polen) sind zum letzten gemeinsamen Gebet des Europäischen Taizé-Jugendtreffens in vier Hallen zusammengekommen. In jeder Halle stehen ein Altar, ein Kreuz und eine Ikone, zudem vier Weihnachtsbäume. In der Mitte der Halle knien weiß gekleidete Taizé-Brüder, den Blick zum Altar gerichtet. Schilder mahnen, das Handy auszuschalten und zu schweigen. Es gibt keine Bänke, die Jugendlichen nehmen auf dem Boden Platz. Und dann wird gesungen.
Eine entschleunigte Gegenwelt
„Veni Sancte Spiritus“ – zehn, zwanzig, fünfzig Mal diese drei Worte. Komm, Heiliger Geist. Veni Sancte Spiritus. Wer Tempo, Spannung, Abwechslung gewohnt ist, muss sich hier an das Gegenteil gewöhnen. Man meditiert sich in Versenkung, in eine entschleunigte, geheimnisvolle Gegenwelt. So wird man stundenweise zum Mönch. Taizé ist eine unterhaltungsfreie Zone, das Treffen entzieht sich der Berichterstattung – denn eigentlich passiert hier wenig: singen, beten, schweigen. Stille, die länger andauert als die in Gottesdiensten sonst üblichen 30 Sekunden. Taizé gleicht einer geistlichen Hängematte: Man schließt die Augen, legt sich in die Lieder und lässt die Seele baumeln.
Jeder Teilnehmer hat am Eingang eine Kerze erhalten, die nun entzündet wird. Nach wenigen Augenblicken steht die Halle unter Kerzenflammen. Wer bislang Zweifel an der Zukunft des christlichen Glaubens in Europa hatte, bekommt hier neue Gewissheit: Das Christentum wird auch in 100 Jahren noch stehen. Taizé – das ist der Kirchentag der Jugend.
Hier funktioniert Europa noch
Taizé ist ökumenisch ausgerichtet, gefeiert wird hier weder Messe noch Gottesdienst, sondern das „Gemeinsame Gebet“. Es gibt keine Eucharistie, kein Abendmahl, stattdessen gemeinsame Mahlzeiten – Wasser, Brötchen und Gulasch aus der Dose. Nicht die Lehre – die Gemeinschaft steht im Mittelpunkt. Zelebriert wird hier Völkerfreundschaft. In jeder der vier Hallen wird die Bibel in sechs anderen Sprachen gelesen, die Gebete in sechs Sprachen gesprochen. Die Jugendlichen kommen aus Deutschland, Polen, Frankreich und Italien, aus Kroatien und der Ukraine – insgesamt aus 50 Ländern. Bei Taizé scheint Europa noch zu funktionieren.
Das Erfolgsgeheimnis von Taizé
„Bleibet hier und wachet mit mir. Wachet und betet, wachet und betet.“ Wieder und wieder. So einfach wie der Gesang, so elementar ist auch die Botschaft. Es gibt keine Predigt, sondern eine Meditation, im deutschsprachigen Programmheft als „einige Worte“ angekündigt.Die Ansprache hält der Prior der Bruderschaft, Bruder Alois Löser. Er fordert zu mehr Solidarität auf, zu mehr Gottvertrauen, zum Teilen und zum Verzicht. Er spricht davon, „auf der Suche zu bleiben“, und von „neuen Formen der Solidarität“. Es ist keine feurige, vielmehr eine bedächtige Ansprache, eher ein Grußwort als eine Andacht, mehr Tasten und Suchen als Wegweisung. Worin liegt der Sinn meines Lebens? Was heißt es, auf Gott zu vertrauen? Wie können wir unter den Menschen Wege des Vertrauens bahnen? Diese Fragen werden von Bruder Alois gestellt – sie bleiben aber unbeantwortet.
Theologie des kleinsten gemeinsamen Nenners
Denn auch das gehört zum Erfolgsgeheimnis von Taizé: Um Katholiken und Protestanten, Orthodoxe und Baptisten unter einem Dach zu versammeln, bietet es eine Theologie des kleinsten gemeinsamen Nenners: freundliche Worte, denen alle zustimmen können. Konfliktthemen werden gemieden. Taizé ist frei von intellektueller Anstrengung, es will das Herz erreichen, nicht den Verstand.
Sehnsucht nach Sammlung …
Nach Lösers Ansprache wird weiter gesungen – erst in den Messehallen, später – zur Jahreswende – in 160 Berliner Kirchengemeinden, zum Nachtgebet für den Frieden. Eine der Kirchen, in denen man das alte Jahr ausklingen lassen kann, ist der Berliner Dom in der Stadtmitte. Der triumphalistische Stil der einstigen Kaiserkirche trifft hier auf die Schlichtheit der Gebetsbruderschaft. Orgel, Kanzel, Blattgold und Zierat – das alles wird bei Taizé nicht gebraucht.
Die Jugendlichen aus den Messehallen bilden hier eine kleine Minderheit, das Dom-Publikum ist deutlich älter, der Gesang der Taizé-Lieder wirkt zaghaft, ungeübt. Draußen böllert und bollert sich die Stadt ins neue Jahr, drinnen ist es kuschelig und kerzenwarm. Gelesen werden Jesajas Friedensprophetie und Jesu Seligpreisungen. Schweigend geht die Gemeinde aus dem alten Jahr, bis die Kirchenglocken das neue ankündigen und sich die Besucher ein gesegnetes Jahr 2012 zutuscheln. Das Silvester-Inferno – das draußen vor den schweren Domtüren einsetzt – ist drinnen nur als dumpfes Hallen hörbar.
… und Drang nach Zerstreuung
2012 ist erst wenige Minuten alt, da kommt Unruhe in der Gemeinde auf. Noch ist kein Vaterunser gebetet, kein Gloria erklungen, kein Kyrie gesungen. Bruder Alois hat noch nicht gesprochen, das Gebet um Frieden wurde noch nicht gebetet, kein Segen erteilt – und doch drängt es viele nach draußen. Die im Programmheft geäußerte herzliche Bitte, den Dom nicht während des Nachtgebets zu verlassen, wird überhört. So gerät dieses Nachtgebet zu einem modernen Gleichnis: Man will Gottes Angesicht schauen – und doch das Feuerwerk draußen nicht verpassen. So werden auch im Jahr 2012 die Sehnsucht nach Sammlung mit dem Drang nach Zerstreuung im Streit liegen.
Die Taizé-Bruderschaft
Die Kommunität – meist nur „Taizé“ genannt – wurde 1944 vom Schweizer reformierten Theologen Roger Schutz im kriegszerstörten Dorf Taizé (zwischen Dijon und Lyon) in Südburgund gegründet. Er wollte Versöhnung zwischen Christen unterschiedlicher Konfessionen und Herkunft stiften. Die Mitglieder versprechen, zölibatär, arm und gehorsam zu leben. Sie kommen dreimal täglich zum Gebet zusammen. In der Ordensregel heißt es. „Sei unter den Menschen ein Zeichen der Liebe und Freude.“ „Taizé“ war ursprünglich eine evangelische Gemeinschaft, inzwischen ist es ein Symbol der ökumenischen Bewegung. 1969 wurden erstmals auch Katholiken aufgenommen. Die Bruderschaft bildete auch Niederlassungen in mehreren Ländern, wo sie vor allem in Elendsgebieten wirkt. Ihr charismatischer, viele Menschen anziehender Leiter – Roger Schutz – wurde 2005 im Alter von 90 Jahren bei einem Gebetstreffen von einer geistig verwirrten Frau erstochen. Sein Nachfolger ist der deutsche Katholik Alois Löser.
Die Kommunität umfasst heute rund 100 Brüder aus mehr als 25 Ländern. Das nächste Europäische Taizé-Jugendtreffen findet Ende 2012 in Rom statt. Zwischendurch kommen – besonders im Sommer – vor allem junge Leute zu Tausenden zu Besuch nach Taizé, wo sie in Zelten campieren. „Taizé“ ist rund 200.000 Christen jedes Jahr eine Pilgerreise wert. Mittlerweile gibt es weltweit in Kirchengemeinden „Taizé-Gottesdienste“, die vor allem von den Liedern der Kommunität und von Stille geprägt sind.
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