Was bringt nackter Protest?

2011 dürfte als das Jahr der Proteste in die Weltgeschichte eingehen. Nicht umsonst wählte das Time Magazine „The Protester“ zur „Person des Jahres“. Überall wurde demonstriert: von der arabischen Welt bis an die Wall Street, im echten Leben und im Internet, gegen Geldgier, Krieg, Hunger, Unterdrückung oder Sexismus. Immer wieder drückten dabei auch Leute ihren Protest aus, indem sie die Hüllen fallen ließen. Doch was bringt das?
  • Ein „Friedensprotest“ nackter Frauen in Australien. Foto: dpa

 

Nur mit knallroten Lackschuhen und einer roten Blume im schwarzen Haar posiert Aliaa auf einem Foto, dass um die Welt ging. Die 20-jährige Kunststudentin wollte so „gegen eine Gesellschaft von Gewalt, Rassismus, Sexismus, sexueller Belästigung und Heuchelei“ protestieren, wie sie auf ihrem Blog erklärt. In Ägypten wurde sie unter anderem bereits wegen Aufruf zur Unzucht und Beleidigung des Islam angeklagt. Um Solidarität mit Aliaa zu zeigen, zogen sich daraufhin auch rund 40 Israelinnen sich aus. „Homage to Aliaa el Mahdi. Sisters in Israel“ steht auf dem Transparent, das die nackten Frauen dahinter verdeckt.

Selbst die Umwelt soll mit Nacktheit gerettet werden

Aus China kommt ein Foto des Künstlers und Widerständlers Ai Weiwei, der sich gemeinsam mit vier Frauen nackt ablichten ließ. Die chinesischen Behörden verklagten ihn wegen Pornographie. Er nennt es Kunst. Aktivisten der feministischen Gruppe „Femen“ protestierten leicht bekleidet in Paris gegen das Frauenbild von Dominik Strauss-Kahn, in Kiew gegen Prostitution, in Moskau gegen Putin... Und selbst die Umwelt soll mit öffentlicher Nacktheit gerettet werden. Am Toten Meer versammeln sich 1000 Menschen, um sich nackt ablichten zu lassen. Das Bild des Fotographen Spencer Tunick sollte auf den dramatischen Rückgang des Toten Meeres aufmerksam machen, dessen Wasserspiegel pro Jahr um einen Meter sinkt.

Nackter Protest schockiert uns nicht mehr

Dass Menschen sich ausziehen, um für oder gegen etwas zu protestieren, ist nichts Neues – vor allem im Internet. Dass sich spanische Tierschützer oder ukrainische Feministinnen ausziehen, um gegen Tierpelze oder Sexismus zu demonstrieren, ist fast schon normal. Nacktheit gehört in unserer Kultur zum Fernsehen, zur Werbung, zum Alltag wie die Marmelade aufs Brötchen. Es ist schwierig, uns noch zu schockieren oder zu überraschen. Trotzdem versuchen die verschiedensten Gruppierungen, mit nackten Protesten die Welt zu verändern – oder wenigstens in die Medien zu kommen. Nacktheit soll Aufmerksamkeit erregen, zum Nachdenken anregen. Doch wer denkt über Strauss-Kahns mögliches Verbrechen nach, wenn er drei Ukrainerinnen sieht, die barbusig und stark geschminkt vor seinem Haus demonstrieren? Wer denkt über das Leid von Pelztieren nach, wenn sich 50 Tierschützer nackt und blutverschmiert in Madrid auf einen Platz legen?

Aliaa protestiert gegen Frauenfeindlichkeit

Aliaa hat sich ebenfalls in einer Kultur ausgezogen, in der viele Menschen nicht über ihre wahren Motive nachdenken werden. Geblendet von einer rigiden Sexualmoral, von einer Kultur, die die Selbstbestimmung der Frau verbietet, zeigen sie Aliaa an und fordern ihre Bestrafung nach islamischen Recht. Ob sie in ihrem Land, wo sich selbst liberale Gruppen von ihr distanzieren, damit weiterkommt, ist fraglich.

Sie zeigt sich nackt, „weil ich mich nicht schäme, eine Frau in einer Gesellschaft zu sein, wo Frauen nichts anderes als Sex-Objekte sind, die tagtäglich von Männern schikaniert werden, die nichts über Sex oder die Bedeutung einer Frau wissen“.

Aliaa ist frei – das ist keine Selbstverständlichkeit

Aliaas Bilder gehen aber noch weiter. Sie prangern nicht nur die Sexualmoral ihrer Kultur an, sondern auch die Tatsache, dass Frauen noch immer als Objekte gesehen werden, die es zu besitzen und kontrollieren gilt. Aliaa zeigt, dass sie von niemandem kontrolliert wird, dass sie frei ist. Das ist keine Selbstverständlichkeit in einem Land, wo sich 17 ägyptische Frauenrechtlerinnen im März dieses Jahres einem Test auf Jungfräulichkeit unterziehen mussten. Ob sie ausgerechnet mit einem Nacktbild die Männer ihres Landes von ihrer frauenfeindlichen Einstellung abbringt, ist allerdings zweifelhaft.

Die Fotos lösen Solidarität aus

Was sie durch ihre Fotos aber auslöst, ist Solidarität von Menschen, die aufgrund ihrer Kultur vor Nacktheit keine Angst haben. Die hinter den nackten Körper schauen können, in die Augen der jungen Frau, für die das alles kein Mediengag ist. Und die anfangen, darüber nachzudenken, warum ein junges Mädchen sich im Internet so bloßstellt und in ihrer islamischen Gesellschaft ihre Unversehrtheit – vielleicht sogar ihr Leben – riskiert.

Nackter Protest verfehlt meist das Ziel

Die meisten nackten Proteste schießen über das Ziel hinaus - oder völlig daran vorbei. Hauptsächlich, weil Nacktheit eher vom Thema ablenkt, als auf das Thema hinzuführen. Das gilt für die Tierschützer, die Feministinnen und für die Menschen am Toten Meer.

In ihrem Land erzielen auch Aliaas Aktbilder größtenteils nicht die beabsichtigte Wirkung. Uns aber machen sie aufmerksam. Wir können Solidarität zeigen. Das muss nicht unbedingt ebenfalls durch Nacktbilder sein, es gibt auch andere Möglichkeiten. Wir können über Blogs und Social Networks auf das Los der Frauen in arabischen Ländern aufmerksam machen. Wir können auf Blogs und in Internetgruppen Grüße und Ermutigungen aus Deutschland hinterlassen. Und wir können uns darüber informieren, wie es um die Situation der Frauen in arabischen Ländern und auch in unserem eigenen Land bestellt ist. Aliaa und andere Frauen, die sexistischen Vorstellungen und Frauenfeindlichkeit ausgesetzt sind, sollen wissen, dass ihr Protest ernst genommen wird. Schade nur, dass Aliaa keinen anderen Weg für ihren Protest hatte.

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