„Wahrheit“ über einen unergründbaren Tag
Für die meisten jungen Menschen ist es wohl das bedeutendste politische Ereignis, das sie je erlebt haben: der Terrorangriff auf das World Trade Center an 11. September 2001. Wer erinnert sich nicht an die Bilder der brennenden „Twin Towers“? Aber trotz der zigmaligen Wiederholung dieser schrecklichen Bilder sind die Hintergründe von 9/11 zum Teil bis heute unklar. Das ZDF versprach nun die „Wahrheit“ ans Licht zu bringen.
„Der 11. September – Die wahre Geschichte“, so heißt die zweiteilige Dokumentation, die die letzten zwei Dienstage auf ZDF zur besten Sendezeit über den „Tag des Terrors“ aufklären sollte. Unter der Leitung von Guido Knopp ist dabei eine dramaturgisch bestens zugespitzte Erzählung über 9/11 entstanden. Aber die Wahrheit darf man hier nicht erwarten. Knopp, der führende Populär-Historiker in Deutschland, meint, Geschichte so darstellen zu können, „wie sie wirklich war“.
Nachgespielte Geschichte kann nicht wahr sein
Das ist ein großes Versprechen, das nicht einzulösen ist. Den Terroranschlag auf die Zitadellen des globalen Kapitalismus bereitet die Dokumentation neben den bekannten Fernsehbildern mit einer Vielzahl von Zeitzeugengesprächen, Original-Tonmitschnitten bei Behörden und Reenactments auf. Gerade das Stilmittel der Reenactments, mit dem Szenen nachgestellt werden, die so oder so ähnlich nach Ansicht des Regisseurs stattgefunden haben und die eine Kamera eingefangen hätte, wenn sie denn anwesend gewesen wäre, ist ein deutliches Indiz dafür, dass die Wahrheit eben filmisch nicht darstellbar ist. Man kann nur erahnen, wie es gewesen sein könnte.
Genauso wie in allen anderen Zeitgeschichtsformaten der Mannschaft von Guido Knopp tritt die Wahrheitssuche hinter einen ganz anderen Aspekt zurück. Worauf es ankommt, wird an einer Stelle der Dokumentation über 9/11 besonders deutlich: Dort sieht man, wie völlig hoffnungslose Menschen aus den oberen Geschossen des World Trade Centers in den Tod springen. Erst stürzt sich einer hinunter, dann noch ein weiterer und irgendwann will der Zuschauer, dass dieser Psychoterror aufhört. Die filmische Strategie dahinter ist, Geschichte als eine Vielzahl von persönlichen Schicksalen zu zeigen und so die Gefühle der Zuschauer anzusprechen.
Persönliche Schicksale, die erschüttern
Knopp appelliert mit seiner Form des „Histotainment“ (History + Entertainment) an das Herz. Ziemlich zum Schluss kommt ein Feuerwehrmann zu Wort, der erzählt, wie er den Moment unmittelbar nach dem Zusammensturz der Türme erlebt hat. Er fragte sich damals, ob er tot sei oder noch lebendig. Diese Erinnerung, die eine imaginäre Verbindung zwischen Himmel und Erde zieht, fördert große Emotionen zutage. Aber der Wahrheit über die bis heute bestehenden politischen Unklarheiten von 9/11 kommt man so nicht näher.
Letztlich müssen wir uns wohl damit abfinden, dass man sich der historischen Wahrheit immer nur annähern kann, aber jede Tragödie und jedes Großereignis etwas Unergründbares zurücklässt. Auf der anderen Seite: Dieser Rest des Unerklärlichen macht Zeitgeschichte doch erst spannend und sorgt für eine langfristige Beschäftigung mit ihr.


