Von türkischen Playmates und konservativen 68ern

„Wenn die Werte der Freiheit ihre Reize entfalten“, kommentiert Richard Herzinger in der „Welt am Sonntag“ die Playboy-Nacktfotos der Deutschtürkin Sila Sahin. Mit seiner Begeisterung steht er nicht allein da: Sahins Entblößung wird von konservativen und islamkritischen Medien als vorbildlicher Emanzipationsakt einer Muslima dargestellt, als Sieg über Kopftuch und Burka. Man muss kein Freund des islamischen Verschleierungszwangs sein, um darüber nur den Kopf zu schütteln.
  • Sila Sahin mit Serienpartner Joern Schloenvoigt am Set bon GZSZ. Foto: Wikipedia/www.promiflash.de

 

Zugegeben, die „Welt“ ist insbesondere auf ihrer Internetpräsenz nicht gerade dafür bekannt, mit entblößten jungen Damen zu geizen oder sonderliche moralische Bedenken gegen Erotikbildergalerien auf ihrer Seite zu haben. Dass die einstige journalistische Speerspitze gegen die 68er-Bewegung nun aber Nacktfotos als sexuelle Emanzipation zelebriert, ist eine neue Qualität ihrer seit Jahren vollzogenen ideologischen Aufweichung. Wenn Autor Richard Herzinger die Fotos von Sila Sahin, einer türkischstämmigen GZSZ-Darstellerin, als Demonstration von „Selbstbewusstsein“ und als „schönen Kontrast zur Verbissenheit von Integrationsdebatten“ feiert, fühlt man sich in eigenartiger Weise an die Forderungen der einstigen Revoluzzer erinnert.

„Ich habe mich so richtig als Frau gefühlt“

Die freie Enzyklopädie „Wikipedia“ schreibt über deren ideologischen Nudismus: „In den 1960er Jahren galt die Nacktheit in Teilen der so genannten 68er-Bewegung als Symbol für die Befreiung von Fesseln der Konvention und etablierte sich so als Form des Protestes.“ In diese Fußstapfen scheint nun auch Sila Sahin treten zu wollen. „Für mich sind diese Fotos eine Befreiung von den kulturellen Zwängen meiner Kindheit“, erklärte sie gegenüber „Bild“. Zu lange habe sie „es immer allen recht machen“ wollen. Sie wolle mit den Fotos jungen Türkinnen zeigen, dass es okay sei, „wenn man so lebt, wie man ist. Dass es nicht billig ist, wenn man Haut zeigt, dass man seine Ziele verfolgt, anstatt sich unterzuordnen“. Sie habe sich „so richtig als Frau gefühlt“, antwortete die Deutschtürkin auf die Frage, was sie beim ersten Ansehen der Fotos gedacht habe.

Konservative auf den Spuren der 68er

Rückendeckung hält Sahin dabei ausgerechnet aus dem konservativen Lager. Der islamkritische Blog „Politically Incorrect“ etwa titelt „Emanzipation per Playboy-Nacktfotos“ und ruft dazu auf, Sila Sahin die Daumen zu drücken, dass „dieser im wahrsten Sinne des Wortes ,emanzipatorische Akt´seine Wirkung“ entfalte. Auch der türkischstämmige FDP-Bundestagsabgeordnete Serkan Tören unterstützt Sahin bei der Zurschaustellung ihres Körpers: „Ich habe nichts daran auszusetzen - auch nicht an den Bildern!“, erklärte der Liberale.

In der türkischen Gemeinde wird Sahins „Emanzipationsakt“ dagegen kritisch aufgenommen. Wie die „Deutsch-Türkischen Nachrichten“ berichten, nähmen die meisten der Deutsch-Türkin nicht einmal übel, sich für Geld ausgezogen zu haben. Viel schlimmer wiege der Fakt, dass Sahin mit ihren Nacktaufnahmen eine öffentliche Botschaft an junge Türkinnen richten würde. Wenig begeistert sind auch Sahins Eltern: Laut Angaben Sahins seien beide verärgert, ihre Mutter spreche sogar derzeit nicht mehr mit ihr.

Sila Sahin tut muslimischen Mädchen keinen Gefallen

Doch man sollte dem türkischen Elternpaar nicht mangelnde Liberalität vorhalten. Wer in der geltungssüchtigen GZSZ-Darstellerin Sahin eine Kronzeugin gegen verstaubte Sittenvorstellungen in muslimischen Familien sieht, sie gar zum Vorbild für andere Muslima erhebt, agiert heuchlerisch. Derartige Rhetorik nutzt das Dilemma vieler Muslima zwischen der islamisch-geprägten Familie und dem deutschen Umfeld schamlos für politische Stimmungsmache aus. So inakzeptabel die frauenfeindlichen Wertvorstellungen im Islam auch sein mögen: Wer sie ausgerechnet mit dem maßlos sexualisierten Hedonismus westlicher Prägung kontern will, der treibt den Teufel mit dem Beelzebub aus. Man tut muslimischen Mädchen keinen Gefallen, wenn man ihnen suggeriert, die Befreiung aus dem traditionell-islamischen Milieu führe über Erotikindustrie und Pornographie. Zwischen Burka und Playboy gibt es auch ein gesundes Mittelmaß.

Sahins konservative Schützenhilfe entwürdigt die eigene Kultur

Zumal der Versuch, den Nacktauftritt zum Integrationswunder hinzubiegen, auch eine Beleidigung für die christlich-abendländische Kultur ist: Wer in der Konfrontation mit dem Islam so weit geht, nacktes Posieren in Erotikmagazinen als festen Bestandteil der eigenen Kultur darzustellen, erniedrigt und verhöhnt diese mehr, als es jeder Islamist der Welt vermochte. Wenn türkischen Zuwanderern weisgemacht wird, dies sei die Kultur, in die sie sich zu integrieren hätten, braucht man sich über fehlende Integrationsbereitschaft nicht zu wundern. Ebenso wenig über die oftmals überhebliche Haltung vieler Muslime gegenüber einer angeblich sinnentleerten „Kultur der Ungläubigen“.

Konservative, die in der Auseinandersetzung mit den Muslimen zu überzeugten Verteidigern des 68er-Gedankenguts werden, machen sich unglaubwürdig. Die Auseinandersetzung mit dem Islam kann nur auf Basis eines starken Christentums und einer wertebewussten Kultur geschehen – der Playboy ist dafür eine denkbar schlechte Plattform.

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