Von politischen Doktorspielen

Ganz Deutschland in hellem Aufruhr: Hat Verteidigungsminister zu Guttenberg bei seiner Doktorarbeit geschummelt? Die aufgebauschte Debatte gerät zunehmend zur politischen Schlammschlacht. Nachdem die Vorwürfe gegen den bislang als unantastbar empfundenen Politstar in den vergangenen Tagen immer massiver wurden, gab zu Guttenberg nun bekannt, seinen Doktortitel zurückzugeben. Er habe „gravierdende Fehler“ gemacht, sagte er am Montagabend auf einer Wahlveranstaltung.
  • Derzeit nicht wie gewohnt auf Höhenflügen: Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Bild: Wikipedia/Bundeswehr-Fotos

 

Karl-Theodor zu Guttenberg ist die vermutlich einzige Lichtgestalt, die die deutsche Politik zu bieten hat. In einer Welt lauter grauer, angepasster Parteiapparatschiks sticht der stets perfekt auftretende Baron mit Mut zur eigenen Meinung angenehm hervor. Kein Wunder, dass sich zu Guttenberg seit Monaten auf Platz 1 der beliebtesten Politiker Deutschlands hält. Und ebenso wenig verwunderlich ist die Tatsache, dass jemand derart Populäres dem politischen Gegner ein Dorn im Auge ist.

Zielscheibe der Opposition

Schon in der Spätphase der letzten Bundestagswahl schoss sich die SPD daher eifrig auf den damaligen Wirtschaftsminister ein – erfolglos: Die Union verblieb an der Regierung und zu Guttenberg wanderte ins Verteidigungsministerium - inmitten der Affäre um die Bombardierung afghanischer Tanklaster durch einen deutschen Oberst. Die Sozialdemokraten nutzten die scheinbare Gunst der Stunde, um den jungen Minister über seine Aussage stolpern zu lassen, der Angriff sei „militärisch angemessen“ gewesen. Doch zu Guttenberg überlebte die Affäre politisch unbeschadet.

Selbst, als sich die Zustimmungswerte der Bundesregierung im ebenso freien Fall befanden wie die Beliebtheit von Kanzlerin und Außenminister, schien zu Guttenberg über all dem zu schweben - als heimlicher Hoffnungsträger der in Politikverdrossenheit versunkenen Deutschen. Als dieser überstand er auch den neuerlichen Skandal rund um die Bundeswehr (Gorch Fock, Feldpost, etc.) problemlos: Vorwürfe, er habe „seine Truppe“ nicht im Griff, prallten wirkungslos an Deutschlands beliebtestem Adeligen ab. Diesmal ist das anders - auch wenn die Mehrheit der Deutschen einen Rücktritt des Ministers ablehnt. Doch dass dem Politiker gerade sein Markenzeichen, die Glaubwürdigkeit, in Abrede gestellt wird, ist ein schwerer Schlag.

Die Vorwürfe wiegen schwer

Zu Guttenberg wird vorgeworfen, weite Teile seiner Doktorarbeit zum Thema „Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“ bei anderen Autoren abgeschrieben zu haben – ohne notwendige Quellenangaben und Fußnoten. Nachdem sich die Debatte anfangs nur um vereinzelte Passagen drehte, die zu Guttenberg falsch gekennzeichnet habe, behaupten seine Gegner mittlerweile, die Doktorarbeit sei von Ghostwritern verfasst worden. Der Verteidigungsminister habe gar seine Amtsbefugnisse als Bundestagsabgeordneter überschritten, indem er den Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages für seine Doktorarbeit eingespannt habe.

Die Vorwürfe gegen den Verteidigungsminister erscheinen immer erdrückender: Der „Süddeutschen Zeitung“ zufolge habe er mindestens 19 Autoren in seiner Dissertation unkorrekt zitiert, mindestens 50 seiner 400 Textseiten seien von Plagiaten betroffen. Mittlerweile hat gibt es mit „GuttPlag Wiki“ sogar eine Plattform, welche die Doktorarbeit akribisch nach Plagiaten absucht. Die Debatte um den angeblichen Plagiatsdoktor zu Guttenberg zieht immer weitere Kreise: #Guttenberg ist das deutsche Top-Hashtag bei Twitter. Auch bei Anne Will diskutierte man am Sonntag voller Eifer über den Verteidigungsminister. Pathetisch empörte sich der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach dort: „Es geht um die Integrität der Wissenschaft!“

Plagiat oder nicht?

Die Wissenschaft selbst hat sich mittlerweile ebenfalls in die Diskussion eingeschaltet. So fordert der ehemalige Jura-Dekan Peter Landau nicht nur den Entzug der Doktorwürde, sondern auch zu Guttenbergs Rücktritt. „Ich kann mir keine andere Reaktion der Universität Bayreuth vorstellen.“ Die Dissertation sei zwar nicht insgesamt ein Plagiat, aber doch zu einem „erheblichen Teil“. Anders sieht es Prof. Dr. Spruth aus Böblingen: Es sei allgemein üblich und sogar erforderlich, seitenweise aus anderen Quellen zu zitieren. Ein Plagiat liege nur vor, wenn ein „relevanter fremder Beitrag als eigene wissenschaftliche Leistung dargestellt“ würde - was man zu Guttenberg bisher allerdings nicht vorwerfe.

Es ist schwierig, als Außenstehender eine Antwort darauf zu finden, ob man zu Guttenbergs Doktorarbeit als Plagiat bezeichnen soll oder nicht. Als nicht leichter gestaltet sich die Frage, wie Universität und der Verteidigungsminister selbst auf die Vorwürfe reagieren sollen. Es ist allerdings naiv, davon auszugehen, dass es den Gegnern des Ministers tatsächlich um die „Integrität der Wissenschaft“ oder die Doktorwürde ginge, wie man gleichermaßen hochtrabend wie heuchlerisch behauptet. 

Inzwischen hat zu Guttenberg auf einer Wahlveranstaltung im hessischen Kelkheim eingeräumt, bei seiner Doktorarbeit „gravierende Fehler“ gemacht zu haben, die „den wissenschaftlichen Kodex, den man so ansetzt, nicht erfüllen“. Er habe „teilweise den Überblick über die Quellen verloren“, jedoch keinesfalls bewusst getäuscht.

Der Auslöser der Debatte

Er habe sich dafür interessiert, „was ein konservativer Rechtspolitiker, der bei angesehenen Kollegen promoviert wurde und die Bestnote erhielt, zu dem Thema zu sagen hat“, gibt Andreas Fischer-Lescano vor, der die Vorwürfe erstmals erhoben hatte. 

Doch hat der Bremer Jura-Professor dafür tatsächlich eine 475 Seiten lange Doktorarbeit mit 1.200 Fußnoten durchgelesen und mit allen möglichen Zeitungsartikeln der letzten Jahrzehnte abgeglichen? Sein Aufwand dürfte wohl eher mit politischem Kalkül zusammenhängen. Schließlich ist Fischer-Lescano „Gründungsmitglied des von der SPD-Politikerin Andrea Ypsilanti aus der Taufe gehobenen ,Instituts Solidarische Moderne‘“, wie die Mitteldeutsche Zeitung berichtete. Eine Denkfabrik, der ein politisch angeschlagener Verteidigungsminister definitiv nicht unrecht sein dürfte.

Der Wirbel um den „falschen Doktor“, wie manche Medien den Chef der Bundeswehr schon nennen, ist eine durch und durch politische Schlammschlacht. Die Würde des Doktortitels muss dafür herhalten, einen Shootingstar der politischen Gegenseite aus dem Weg zu räumen. Die „wissenschaftliche Integrität“ wird dabei von ihren selbsternannten Gralshütern wohl stärker in Mitleidenschaft gezogen als durch jede vergessene Fußnote. Und mit politischem Anstand hat die Debatte erst recht nichts zu tun.

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