Vom Sein und Nicht-Sein des Idealisten
Idealismus hat nicht nur die Vergangenheit geprägt. Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise ist die Diskussion um Werte wieder neu entfacht. In dem Buch „Der erfolgreiche Idealist“ zeigen Franz Christian Lucke und Ferdinand van Koolwijk, was einen Weltverbesserer auszeichnet, welche Werte er vertritt und wie Idealismus gefördert werden kann.
Eine unbeugsame Haltung und starkes Durchsetzungsvermögen kennzeichnen einen Idealisten. Sie setzen sich für ihre Ideen ein, wollen die Welt um jeden Preis verbessern und verfolgen ihr Ziel hartnäckig. Als einen der erfolgreichsten Idealisten nennen die Autoren Franz von Assisi, der nach einer Begegnung mit einem Aussätzigen sein Leben der Armut gewidmet hat und in völliger Askese lebte.
Doch auch heute hat die Welt noch ihre Idealisten - etwa den israelischen Pianisten und Dirigent Daniel Barenboim. Seine Ziele seien menschliche Gerechtigkeit, Frieden und die Schönheit der Kunst, heißt es in „Der erfolgreiche Idealist“. Der Chefdirigent der Berliner Staatskapelle hat diese beispielhaft in die Tat umgesetzt und das „West Eastern Diwan“-Orchester gegründet, in dem unter anderem junge Israelis gemeinsam mit Palästinensern musizieren.
Nächstenliebe als eine Grundlage des Idealismus
In ihrem Buch wollen die beiden Autoren, die hauptberuflich Manager schulen, die Entwicklung des Idealismus untersuchen. Quelle der Ideale seien Wahrheit, Schönheit und Güte. Das Streben danach sollte über dem konkreten Ziel der Idealisten stehen. Was nach dem Philosophen Kant klingt, formen Lucke und van Koolwijk in eine holprige Ausführung über die „Dreiheit universeller Werte“ um, die eine starke Ausprägung von Nächstenliebe zur Folge habe. Diese wiederum sei als eine der Grundlagen des Idealismus anzuerkennen.
Ständiges Hinterfragen der eigenen Gedanken
Ferner zeigen die Managementtrainer die Verortung des heutigen Idealismus auf. Dieser beginne beim Individuum selbst. Die Umsetzung der idealistischen Idee bedinge ein ständiges Hinterfragen der eigenen Gedanken. Ansatzpunkt sei die Selbstinnovation, die Mitmenschen bestenfalls motiviere und zur Zusammenarbeit aufrufe. In einer alternden und postmodernen Gesellschaft müsse eine idealistische Grundhaltung auch auf staatlichen Ebenen stattfinden, sowie feste Verankerung in der Wirtschaft finden, fordern die Autoren.
Idealisten ecken an
Trotz der rund zweihundertseitigen Lobeshymne auf den Idealismus schließen die Autoren Irrwege in der Ideenumsetzung nicht aus. Idealisten würden oft belächelt und als Träumer abstempelt. Denn wer seine Werte zu stark auslebe, ecke bei seinen Mitmenschen meist an. Oft verfielen Idealisten der Illusion, da sie ihr Vorhaben als das einzig Wahre empfänden. So könne aus gutwilligen Weltverbesserern ein unerträglicher Mitmensch werden, betonen Lucke und van Koolwijk.
Dass Idealismus nicht nur auf das Individuum beschränkt ist, zeigen Lucke und van Koolwijk deutlich in der Entwicklung ideeller Einrichtungen. Menschen, die ähnliche Ziele verfolgen, können zusammen an der Verwirklichung ihrer Ideale arbeiten. Denn oft bedarf die praktische Umsetzung eines Ideals einer strukturierten Organisation. Ebenso wichtig seien gemeinsam erarbeitete Regeln, um Konflikten vorzubeugen. „Hier liegen nach unserer Erfahrung wesentliche Ansatzpunkte, um Idealisten und ideelle Organisationen in Entwicklung zu bringen“, schreiben die beiden Managertrainer. Als Beispiel solcher Gruppierungen nennen sie „Greenpeace“ oder „Ärzte ohne Grenzen“.
Idealismus als Alltagstugend?
Mit zahlreichen Wortschöpfungen wie „der Problemflüchtling“ oder der „Ego-Idealist“ versuchen die Autoren Idealisten zu kategorisieren. Das wirkt oft pauschalisierend und regt zum Schubladendenken an. Da ferner keine Charaktereigenschaft bei der Umschreibung von Idealisten ausgelassen wird, erhält der Leser den Eindruck, dass Idealismus eine Alltagstugend ist, die in jedem Menschen schlummert und auf Umsetzung wartet. „Wir versuchen darzustellen, dass Idealismus nichts Elitäres, sondern eine Berufung ist, die jeder keimhaft in sich trägt, aber bewusst, aus freiem Willen ergreifen muss“, schreiben Lucke und van Koolwijk.
Dankesworte an Wikipedia
Eine gewisse Skepsis ist beim Lesen nicht zu verhindern. Das lange Literaturverzeichnis am Ende des Buches lässt eine umfassende wissenschaftliche Recherche vermuten. Da aber weder Fußnoten noch andere konkrete Bezüge zu Quellen im Fließtext auftauchen, wird die Glaubwürdigkeit schnell in Frage gestellt. Lediglich bei besonders hervorgehobenen Zitaten wird die Quelle genannt. Verunsichert wird der Leser zudem durch Dankesworte an das Mitmach-Lexikon „Wikipedia“, das sich in der Vergangenheit oft als fehlerhaft und unwissenschaftlich erwiesen hat.
Franz Christian Lucke und Ferdinand van Koolwijk:Der erfolgreiche Idealist – Idealismus auf neuen Wegen, W. Bertelsmann Verlag, 208 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-7639-4688-4
3 Kommentare wurden bereits abgegeben
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3.schrieb am 01.03.2011 17:20
Der erfolgreiche Idealist
Ein Buchtitel der einen erstmal stutzen lässt. Sind es doch die Ideale und nicht der Erfolg, die einen "Idealisten" ausmachen? Zumindest denken wir doch so. Belächelt und bewundert wird der Idealist von den meisten und als "erfolgreich" sehen ihn die wenigsten.
Beim Lesen des Buches musste ich aber anhand der vielen, zum Teil in ähnlichen Bereichen erlebten, Beispiele feststellen, dass hier nicht nur schöne Worte gewählt wurden, sondern viele Jahre an Berufserfahrung ins Buch eingeflossen sind.
Ich kann dieses Buch nicht nur denen empfehlen, die sich selber als Idealisten sehen, sondern denke, dass dieses Buch einen Einblick in die verschiedenen Bereiche der ideellen Organisationen und die Denkweisen von Idealisten gibt.
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2.schrieb am 14.02.2011 16:36
Heute ist eine interessante Rezension zum Buch erschienen von Peter Kensok auf www.buecher-blog.net:
Franz Christian Lucke und Ferdinand van Koolwijk - Der erfolgreiche Idealist.
KEN. Ich habe „Der erfolgreiche Idealist" gelesen. Zunächst vorsichtig und zögerlich, dann begeistert. In meinem Kämmerlein hoch oben in meinem Elfenbeinturm, wo ich ungestraft alle Wörter aus dem Duden nutzen darf, dachte ich: Scheiße (sic!) , das Letzte, was du über dich gesagt hättest, ist, dass du ein Idealist bist. - Bis jetzt jedenfalls.
Aber genau deshalb machst du all den ganzen Kram für Völkerverständigung, Bildung und Persönlichkeitsentwicklung. Deshalb erträgst du auch, wenn du über Wochen als Rückmeldung nur das Feedback deines Internisten bekommst: „Achten Sie auf Ihren Blutdruck!"
Trotzdem bleibe ich wegen dem, was Lucke und Koolwijk so verständlich als Idealismus beschreiben, „dran" an meinen Themen, selbst wenn ich an den Ergebnissen immer wieder (ver-) zweifle, ja, Erfolg nicht einmal meine vorrangige Triebfeder ist. Immerhin bin ich nach ihren Kriterien als solcher nicht mehr alleine auf diesem Planeten. Und das ist die gute Nachricht!
In den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden Menschenrechte, Abrüstung, Armutsbekämpfung und Umweltschutz erfolgreich in die Öffentlichkeit getragen und auf der politischen Agenda etabliert. Amnesty International, Médecins Sans Frontières (Ärzte ohne Grenzen) und Greenpeace wurden in dieser Zeit gegründet. Dagegen sind die vielen namenlosen Idealisten in unserer unmittelbaren Umgebung nur winzige Rädchen, die trotzdem das Getriebe dieser Welt mit in Bewegung halten. Sei es in irgendwelchen Ehrenämtern, als Elternvertreter oder Demonstranten für eine gute Sache. In den letzten 20 Jahren hat jedoch auch die „ideelle Organisation" als solche an Einfluss und Glanz verloren. Das interessiert die Idealisten allerdings nicht. Sie machen weiter. Warum das so ist und wie sie trotzdem erfolgreich sein können, darum kümmern sich Franz Christian Lucke und Ferdinand van Koolwijk in ihrem Buch.
Moderne Idealisten und Erfolgsstrategien für ideelle Projekte
Würden Sie es wirklich hinbekommen, auch das übliche intellektuelle Geschwafel um sonstige „Ismen" zu umgehen? Darauf nämlich habe ich nun echt keinen Bock mehr und bei meinem Engagement um Frieden und Verständigung schon gar nicht die Zeit. Aber die beiden Autoren haben mich angenehm überrascht mit einem übersichtlichen Buch und mit Einsichten in Prozesse idealistischer Strukturen, in die ich selbst eingebunden war und bin und von denen manche trotz hehrer Ziele an den beteiligten Persönlichkeiten gescheitert sind.
Vielleicht wäre manches anders gekommen, wenn diese Mitstreiter - und ich - das Lucke/Koolwijk-Buch rechtzeitig gelesen hätten. Vielleicht jedoch wäre trotzdem alles genau so gekommen, weil alle Beteiligten gleichermaßen und jeder auf seine Weise Idealisten sind. Und davor ziehe ich den Hut.
So kommt „Der erfolgreiche Idealist" im richtigen Moment tröstend und klärend daher. Es gibt eben keine Zufälle. Und auch wenn ich kein Rotes Kreuz gegründet habe und keine Waldorfschule, keine Leprastation und kein Internat für junge Mädchen ohne Chancen, und selbst wenn ich weder Mitglied bei Greenpeace noch bei Amnesty International bin - bin ich auf meine Weise nach Lucke und Koolwijk sehr wohl ein Idealist. Und ich darf jetzt gerne und dankbar ja dazu sagen. Wahrscheinlich wissen viel andere nicht, dass auch sie auf eine gute Weise das Gleiche von sich behaupten dürfen. Auch ihnen empfehle ich den „erfolgreichen Idealisten".
Alle Idealisten haben zumindest die gute Absicht, dass das Leben auf diesem Planeten durch das, was sie antreibt, ein bisschen schöner wird. Franz Christian Lucke und Ferdinand von Koolwijk sind überzeugt, dass der Erfolg ideeller Initiativen kein Zufall ist, sondern sogar aktiv gefördert werden kann. Das finde ich nach der Analyse der beiden Autoren erfreulich. Denn von anderen Idealisten in der Familie, in Unternehmen oder in der großen Öffentlichkeit weiß ich, dass viele Erfahrung mit der (vergeblichen) Hoffnung auf Wahrgenommen-Werden und Unterstützung haben. Warum machen sie trotzdem weiter? Sich nicht zu verleugnen und an den eigenen Idealen festzuhalten, das eben ist nach Lucke/Koolwijk das Wesen des Idealisten. - Ein gutes und ermutigendes Buch!
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1.schrieb am 12.01.2011 08:56
Sehr geehrte Anne Klotz,
vielen Dank für die Rezension unseres Buches. Ein paar Anmerkungen möchten wir gern hinzufügen:
Die Kategorisierung, die Sie ansprechen, gilt lediglich für die Gesichter der Schattenseiten von Idealisten. Wir erheben nicht den Anspruch, alle Idealisten in Schubladen einordnen zu wollen, sondern versuchen die verschiedenen Übertreibungen / Einseitigkeiten / Negativseiten zu benennen. Basis dafür sind unsere Erfahrungen als Organisationsberater und Trainer in den letzten 20 Jahren mit Idealisten und ideellen Organisationen. Wir haben lediglich versucht, unsere Wahrnehmungen der Schattenseiten zu ordnen. Die Gefahr ist allerdings vorhanden, dass bei oberflächlicher Betrachtung pauschalisiert und verallgemeinert wird.
Zum Thema „Alltagstugend“, wie Sie es nennen: Uns ist nicht ganz deutlich, ob dieser von Ihnen genutzte Begriff einen positiven oder negativen Klang haben soll. Wir sind davon überzeugt, dass in jedem Menschen, sozusagen als „göttlicher Kern“, eine Veranlagung zum Wahren, Schönen und Guten – den universellen Werten – vorhanden ist. Damit wird Idealismus zu einer Entwicklungsmöglichkeit für jeden Menschen. Wir versuchen darzustellen, dass Idealismus nichts Elitäres, sondern eine Berufung ist, die jeder keimhaft in sich trägt, aber bewusst, aus freiem Willen ergreifen muss. Insofern beginnt Idealismus im „Alltag“.
Wirklich unberechtigt ist der letzte Absatz Ihrer Rezension: Das Literaturver¬zeichnis beinhaltet tatsächlich die Bücher und Artikel, die wir selbst studiert und deren Inhalte, oder Teile davon in der einen oder anderen Form in das Buch eingeflossen sind. Alle wörtlichen Zitate sind auch mit einer Quellenangabe versehen. Falls Sie zu bestimmten wörtlichen Zitaten noch genauere Angaben benötigen, sind wir gern bereit, diese nachzuliefern. Natürlich haben wir als moderne Menschen auch das Internet genutzt, um die eine oder andere Aussage, Namen, Schreibweisen, Jahreszahlen etc. zu überprüfen. Dazu haben wir die Suchmaschine „Google“ und selbstverständlich auch das Online-Lexikon „Wikipedia“ genutzt. Vielleicht hätten wir das lediglich im Literaturverzeichnis und nicht im Vorwort erwähnen sollen.
Bedauernswert ist, dass Sie nicht auf die Themen Gespräch, Besprechung, Zusammenarbeit und Konfliktprävention in ideellen Organisationen eingegangen sind, die ein größerer Teil des Buches behandelt. Hier liegen nach unserer Erfahrung wesentliche Ansatzpunkte, um Idealisten und ideelle Organisationen erfolgreich in Entwicklung zu bringen.




