Homöopathie: Vertrauen ist alles!

Die Homöopathie erlebt derzeit einen starken Aufschwung in Deutschland. Doch die Wirksamkeit der pflanzlichen Arzneimittel ist selbst unter Wissenschaftlern höchst umstritten. Das Vertrauen in die Medikamente mutet fast religiös an und birgt Gefahren.
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„Medorrhinum macht alles möglich“

Ein bisschen Bachblüte für den Notfall, ein bisschen Gelsemium gegen Angst und schließlich noch ein wenig Lapis gegen die Halsschmerzen. Oder doch lieber Medorrhinum? „Medorrhinum ist großartig, Medorrhinum macht´s möglich, Medorrhinum macht alles möglich. Es ist eine Energie“, erzählt Heilpraktikerin Ulrike Müller enthusiastisch den angehenden und ausgebildeten Alternativmedizinern auf einem Wochenendseminar der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin. Hinter dieser Lobeshymne ist der eigentliche Nutzen des Heilmittels nur versteckt erkennbar: Es soll zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten helfen.

„Keinerlei beweisbarer Nutzer

Ob und wie eine homöopathische Therapie hilft, ist stark umstritten. Ein Seminarteilnehmer sagte gegenüber SpiegelTV: „Ich glaube daran, dass es möglich ist. Weil dieser Glaube daran, dass es möglich ist, macht mir vieles möglich.“ Es ist ein ungebremstes Vertrauen in die Heilkraft der homöopathischen Mittel. Doch die Wirksamkeit der meist in Kügelchen (Globuli) dosierten Arzneimittel ist fraglich.

„Dass wissenschaftliche Studien häufig zu dem Schluss kommen, dass beispielsweise die Homöopathie keinerlei beweisbaren Nutzen besitzt, ist ein Fakt, den ein seriöser Forscher nicht ignorieren kann - auch wenn er damit den Zorn der Homöopathen-Gilde auf sich zieht“, sagte Edzard Ernst, Professor für Alternativmedizin an der Universität Exeter in Großbritannien.

„Spekulativ und widerlegt“

Auch der oberste Arzneimittelprüfer Deutschlands, Jürgen Windeler, zweifelt an der Wirksamkeit der pflanzlichen Mittel. „Die Homöopathie ist ein spekulatives, widerlegtes Konzept.“ Dazu sei eine weitere Forschung nicht mehr nötig. „Die Sache ist erledigt.“ Dennoch gibt es immer wieder Studien, die die homöopathischen Thesen scheinbar belegen. Doch hier mahnt Ernst zur Vorsicht. In jedem Bereich der Wissenschaft würden Ergebnisse gefälscht oder falsch interpretiert. „Da macht auch die Homöopathie keine Ausnahme.“

Je weniger Heilmittel, desto größer die Wirkung?

Die Grundsubstanzen der pflanzlichen Heilmittel sind stark verdünnt, sie werden einer so genannten Potenzierung unterzogen. Darunter verstehen Homöopathen die mehrfache Verdünnung des Stoffes mit Wasser oder Alkohol oder aber ein Verreiben der Substanz mit Milchzucker. Ursprünglich sollten somit die Gifte aus den so genannten Urtinkturen herausgefiltert werden.

Doch der Gründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann (1755-1843), stellte die These auf, dass sich erst durch eine hohe Verdünnung die Wirksamkeit entfalten könne. Also: Je weniger von dem Heilmittel in der Arznei enthalten ist, desto größer ist die Wirkung. Für den Alternativmediziner Ernst allerdings ist dieser Ansatz „nicht haltbar“. Denn schlussendlich bestehen die Globuli meist nur noch aus Zucker, ein Wirkstoff ist in den meisten Fällen gar nicht mehr vorhanden.

„Gleiches mit Gleichem heilen“

Ein zweites Grundprinzip der Homöopathie heißt: Gleiches soll mit Gleichem geheilt werden. Ein Patient, der an Unruhe oder einer Lebensmittelvergiftung leidet, sollte laut der alternativmedizinischen Behandlungsmethode Arsenicum Album zu sich nehmen. Bei Gesunden müssten also, glaubt man der Homöopathie, genau diese Leiden durch die Arznei hervorgerufen werden. Hat jemand Fieber, so empfiehlt der Alternativmediziner ein Medikament, das bei Gesunden Fieber verursacht.

Selbsttest: Eine Überdosis zeigte keine Wirkung

Aktivisten der britischen Gruppierung „10 hoch 23 - Aktion Überdosis“ haben sich im vergangenen Jahr dieser These angenommen und den Selbsttest durchgeführt. Gemeinsam gingen sie in eine Apotheke und jeder kaufte sich ein Fläschchen Arsenicum Album. Sie schluckten nicht nur, wie üblicherweise verordnet, eine kleine Dosis der Globuli, sondern nahmen direkt den gesamten Flascheninhalt zu sich. „Hm, lecker“, kommentierten manche den teuren Spaß aus Zucker. Nebenwirkungen? Nein, die blieben aus. Keiner der Teilnehmer vergiftete sich, keiner beklagte sich über Leiden.

„Lediglich Placeboeffekt“

In einem Gespräch mit FocusOnline erklärt Wissenschaftler Ernst das Geheimnis der Homöopathie: „Wer an einem Schnupfen leidet, der ist ihn in der Regel nach sieben Tagen wieder los - egal, ob er dagegen ein pflanzliches Mittel nimmt oder nicht.“ Wer sich allerdings für die Einnahme eines Naturheilmittels entscheide, werde „den Effekt auf die Behandlung und nicht auf seine körpereigene Abwehr zurückführen.“ Oft verberge sich hinter der Wirksamkeit der pflanzlichen Arznei lediglich ein positiver Placeboeffekt. Dennoch, so weist Ernst hin, gebe es eine Reihe von pflanzlichen Präparaten, die „hervorragende Ergebnisse“ erzielten. So helfe Teufelskralle bei Schmerztherapie oder Johanniskraut bei Depressionen.

Der Forscher gilt als einer der größten Homöopathie-Kritiker, obwohl er seinen Patienten zeitweise selbst Globuli verordnet hatte. „Über viele Jahre habe ich gedacht, die Homöopathen seien einfach ein bisschen überenthusiastisch, ein bisschen verblendet und realitätsfremd“, sagte er gegenüber SpiegelOnline. „Aber inzwischen bin ich mir sicher, dass viele lügen wie gedruckt.“ Seit Jahrzehnten forscht er über die alternativmedizinische Behandlungsmethode, doch Wirksamkeit konnte er den Kügelchen bisher nicht attestieren.

Seltene Rohstoffe erhöhen Preis

Daher wird die Homöopathie auch oft als „Milliardenindustrie“ kritisiert. Ein Fläschchen Globuli kostet etwa ab sieben Euro aufwärts. Für bloßen Zucker ist das ein stolzer Preis. Ist der Wirkstoff nur geringfügig potenziert, zahlt der Patient relativ wenig. Bei Arzneimitteln mit hohen Potenzen, kosten die Tabletten teilweise sogar um die 120 Euro.

Den Preis erklärt Franz Stempfle, Geschäftsführer der Deutschen Homöopathie-Union (DHU), gegenüber SpiegelOnline folgendermaßen: „Daran sieht man, wie viel Handarbeit in der Herstellung von homöopathischen Mitteln steckt.“ Denn teuer sei nicht nur das Verschütteln von Hand, sondern mitunter auch die Rohstoffe für homöopathische Mittel.

Sprengstoff, Coca Cola, Sonnenfinsternisstrahlen

Diese muten allerdings wenig appetitlich an: „Ambra“ besteht beispielsweise aus den Exkrementen eines Pottwals. „Das müssen Sie erst mal irgendwo mit den erforderlichen Zertifikaten bekommen.“ Die Bandbreite der Wirkstoffe reicht bis zu Blei, Sprengstoff, Coca Cola oder Sonnenfinsternisstrahlen. Wahrlich, andere Mittel sind da schon leichter zu bekommen, wie das „Handbuch der Materia medica“ zur homöopathischen Arzneimittellehre zeigt: Unter den Rohstoffen sind dort auch Blattläuse, Hornissen, Hundekot, Kondomgummi und Pferdehaar aufgelistet.

Ungebrochenes Vertrauen in wissenschaftlich wirkungslose Medikamente

Laut dem Videobeitrag von SpiegelTV entpuppt sich die Homöopathie lediglich als tiefer Glaube an eine Behandlungsmethode, die oft mit magischen und mystischen Elementen vermischt wird. Es wirkt fast sektiererisch und rituell, wenn die Seminarteilnehmer der Samuel-Hahnemann-Schule eine Hymne auf die Homöopathie singen und dabei in Gebetshaltung erstarren. Ein Industriezweig also, der ausschließlich auf einem ungebrochenen Vertrauen in wissenschaftlich wirkungslose Medikamente basiert? Beängstigend, gefährlich und vor allem teuer.

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