Unverzeihlich
Die Zigaretten vom Bruder geklaut. Einmal mit der Freundin probieren, heimlich, in der Scheune. Doch dann fängt das Stroh Feuer. Schnell rausrennen. Aber als ein Brett im morschen Holzboden nachgibt, bleibt die Freundin stecken. Beide schaffen es nicht, sie zu befreien. Die Protagonistin muss raus. Aus dem Feuer. Sieht schon die ersten Leute kommen. Rennt weg, so weit sie nur kann. Die Freundin muss wohl in der Scheune sterben. Eine Geschichte über jugendlichen Leichtsinn, die Angst, zu seinen Fehlern zu stehen, über Freundschaft und die Kraft der Vergebung.
Ich lief. Ich lief so schnell wie möglich, denn ich wollte einfach nur weg. Weg von dort, von diesem schrecklichen Ort. Ich hörte keine vorbei rasenden Autos, sah nicht die entsetzten oder schaulustigen Leute. Ich beachtete nicht, wohin ich mich wandte, ich wollte nur weg und es war egal wohin. Es gab nur noch eine Stimme, die mich antrieb und weiter hetzte: „Hau ab! Lauf weg!“ Ich lief und wusste nicht wohin. Aber Hauptsache weg! Ich gehorchte dieser pausenlos drängenden Stimme: „Lauf weg so schnell du kannst! Was hast du getan? Es ist alles deine Schuld! Weg!“ Ich rannte über Hügel, über Brücken und Felder bis keiner mehr da war und ich mein Tempo verlangsamte. Mir wurde auf einmal bewusst, wie überfordert ich war, sowohl geistig als auch körperlich, und ich ließ mich erschöpft an einem Baum nieder. Mein Herz pochte wild und in meinem Kopf schwirrten grauenhafte Bilder umher. Mit dem Handrücken wischte ich mir den Schweiß von der Stirn und versuchte, mich zu beruhigen.
Ich war schuld an ihrem Tod
Aber warum? Warum musste gerade mir so etwas passieren? Vor meinen Augen spielten sich immer wieder die gleichen Szenen ab. Das Feuer! Bei dem Gedanken, dass ich an ihrem Tod schuld war, weinte ich bitterlich. Wir waren, solange ich denken konnte, immer beste Freundinnen gewesen. Auch diese Sommerferien hatten wir wieder jede Menge zusammen erlebt, und unsere Freundschaft wuchs mehr und mehr. Konnte das Ende wirklich so schnell kommen? Und ich sollte verantwortlich dafür sein? Ich war schuld! Warum konnte ich ihr nicht helfen?
Es war meine Idee gewesen. Ich hatte diese Zigaretten von meinem großen Bruder geklaut. Die Scheune war der perfekte Ort. Keiner hätte etwas davon mitbekommen. Ich hätte wissen müssen, wie gefährlich es ist, wie leicht das Heu Feuer fangen kann. Ich war zu leichtsinnig gewesen, obwohl meine Freundin Bedenken geäußert hatte. Aber ich wollte ja unbedingt. Und dann ging alles viel zu schnell. Die kleine Flamme verwandelte sich mit einer enormen Geschwindigkeit zu einem gewaltigen Brand. Wir sprangen auf und rannten zur Tür. Kaum hatte ich sie erreicht, hörte ich einen Aufschrei und dann Hilferufe. Ich blickte zurück in den verqualmten Raum und konnte nur schemenhaft einen zusammen gekrümmten Körper auf dem Boden erkennen. Jessica! Ich rannte zu ihr hin. Ihr Fuß steckte in einem Loch des morschen Holzbodens. Ich zerrte an ihr, doch sie kam nicht frei. „Hol Hilfe“, keuchte sie. Ich lief los. Doch schon als ich nach draußen kam, krachte ein dicker Balken herunter. Lange würde diese alte Scheune dem Feuer nicht mehr standhalten.
Alles brannte
Plötzlich sah ich die Nachbarn des nahe gelegenen Bauernhofes herbeieilen, und die Sirene der Feuerwehr wurde immer deutlicher. Ich brauchte niemandem mehr Bescheid zu sagen. Es war schon zu spät! Die Nachbarn schrien mich an, ob jemand da drin sei. Ich nickte nur und merkte, wie mir Tränen über die Wangen strömten. Es war doch schon zu spät! Die Scheune war als solche doch schon gar nicht mehr zu erkennen. Alles brannte! Mir blieb nichts anderes übrig, als wegzurennen. Ich konnte keinem mehr in die Augen sehen. Ich war schuld daran! Es war meine Idee! Sie ist tot. Jessica ist tot! Warum? Unverzeihlich...
Ich musste wohl vor Erschöpfung eingeschlafen sein, denn als mich die Stimme und eine heftige Umarmung meiner Mutter weckten, dämmerte es schon. „Ich hatte solch eine Angst um dich!“, murmelte sie und drückte mich wieder. Ich konnte sie nicht verstehen. Ich war es nicht wert, beweint zu werden. „Es ist alles meine Schuld! Ich wollte das nicht!“, platzte es aus mir heraus. Doch dann machte sie mir das Unglaubliche klar: Jessica war nicht gestorben. Aber wie musste sie aussehen ... Das Feuer hatte sie sicherlich verunstaltet.
Ich traute mich nicht, ins Krankenhaus zu fahren. Nicht am nächsten Tag und auch nicht am übernächsten. Ich glaubte, sie würde mich nie mehr sehen wollen, sie würde mir nie verzeihen können. So verging die letzte Ferienwoche und bald kam der erste Schultag, an dem ich ihr nicht mehr ausweichen konnte.
Ich konnte sie nicht ansehen
23 Augenpaare ruhten auf mir, denn ich betrat die Klasse ohne meine Freundin. Beschämt setzte ich mich auf meinen Platz und starrte den Tisch an. Die Tür öffnete sich bald wieder – Stille. Jessica! Wieder wanderten alle Blicke Richtung Tür. Die Lehrerin begrüßte sie und das Stimmengewirr setzte wieder ein. Ich starrte ich weiter auf meinen Tisch. Mir lief kalter Schweiß den Rücken herunter. Obwohl ich wusste, dass sie schlimm aussehen musste, hatte ich große Angst vor dem Moment, sie wirklich so zu sehen. Sie musste sehr gelitten haben. Nur meinetwegen!
Ich schloss die Augen und wollte mich in Luft auflösen. Ich versuchte zu vergessen, was um mich herum war. Doch ich wusste genau, dass alle zu uns her sahen, denn nun setzte sich Jessica neben mich. Langsam öffnete ich die Augen, meinen Kopf nach vorne gerichtet. Ich tat so, als ob ich der Lehrerin zuhören würde. In Wirklichkeit jedoch konnte ich mich nicht konzentrieren. Ich konnte sie auch nicht ansehen. Immer wieder plagte mich der Gedanke, dass alles meine Schuld war. Ich spürte plötzlich ein Prickeln in der Nase und meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich wusch sie mir hastig ab, aber ich konnte mich nicht beruhigen und verbarg mein Gesicht in den Händen.
Bitte bleibe meine Freundin
Da spürte ich auf einmal eine Hand auf meiner Schulter. Ich erhob meinen Blick. Was ich sah war ein verzerrtes, hässliches Gesicht. Ihre Haut war rau, schwülstig, mit Brandblasen übersät. Ihre Lippe war so sehr angeschwollen, dass sie fast ihre Nase berührte. Ihre Haare waren kurz. Ihre feuerroten Hände waren ebenfalls verunstaltet. Das war meine Schuld! Das war alles meine Schuld!
Dann wagte ich, ihr in die Augen zu schauen: Sie glänzten! Und nun rollte auch ihr eine Träne über die Wange. Ihr Mund formte ein Lächeln, das als solches kaum zu erkennen war. Sie beugte sich etwas zu mir und flüsterte: „Ich weiß, dass ich nicht schön anzusehen bin, aber bitte bleibe meine Freundin!“
Keine Anschuldigung, kein Vorwurf. Ab diesem Moment wusste ich, dass sie mir verziehen hatte.
Die Evangelische Nachrichtenagentur idea hat zusammen mit dem Verband Evangelischer Bekenntnisschulen erstmals einen Schülerschreibwettbewerb veranstaltet. Die Themen waren „Vergebung“ (Klassen 8-10) und „Familie“ (Klassen 11-13). Ausgewählte Beiträge des Wettbewerbs hat idealisten.net in den letzten Wochen veröffentlicht. Juliette Frelon aus Berlin (9. Klasse) hat mit „Unverzeihlich“ den 2. Platz beim Thema "Vergebung" belegt.
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