Unverantwortlich

Die Katastrophe bei der Duisburger Love-Parade geht in die Geschichte ein. 21 Menschen sind ums Leben gekommen, zerquetscht von jenen Massen, die auf das Veranstaltungsgelände am alten Güterbahnhof wollten. Wie viele Menschen verletzt sind, weiß niemand so genau. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen, als die offizielle Zahl von 511 Personen. Und was mindestens genauso schlimm ist: verantwortlich für das, was passiert ist, will keiner sein.
  • Pressekonferenz vor der Loveparade: Optimismus pur und alle Bedenken bei Seite geschoben. Die Tragödie folgte nur kurze Zeit später. Foto: Flickr/Christoph Müller-Girod

 

Dass 21 Opfer überhaupt zu beklagen sind, ist schon ein Skandal. Was viele Teilnehmer, Freunde und Angehörige aber noch wütender macht, ist das Verhalten der Verantwortlichen. In einer denkwürdigen Pressekonferenz traten sie am Tag nach der Massenpanik im Duisburger Rathaus vor die Kameras. Es betreten die Bühne: Love-Parade-Organisator Rainer Schaller, Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU), der stellvertretende Polizeichef von Duisburg, Detlef von Schmeling, sowie der Leiter des Krisenstabes, Wolfgang Rabe.

Die Ausreden der Verantwortlichen

Doch nach kurzer Zeit wird deutlich, dass hier vier Herren sitzen, die die Verantwortung gerne dem jeweils anderen in die Schuhe schieben und sich zum Sachverhalt auch gar nicht äußern wollen. Wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte, wird Krisenstabsleiter Rabe gefragt: „Ich habe alle Unterlagen, die mir zur Verfügung standen, der Polizei übergeben. Wir möchten gewährleisten, dass alles lückenlos aufgeklärt wird, deshalb darf ich zu der Veranstaltung nicht näher Stellung nehmen.“ Eine kompetente Antwort sieht anders aus. Juristisch ist dieses Verhalten nachvollziehbar, moralisch hingegen nicht.

Sinnbildlich für das Wegducken und Ausweichen der Verantwortlichen war auch die Frage, wie viele Menschen überhaupt auf das Gelände kamen und für wie viele es zugelassen war. Akten zeigen, dass das Gelände nur für 250.000 Menschen zugelassen war. Organisator Schaller sprach hingegen im Vorfeld von zu erwartenden 1,4 Millionen Besuchern. Wie passt das zusammen? Um sich aus der Schlinge zu ziehen, griffen die Herren auf der von Mikrofonen gesäumten Anklagebank auf eine Zahl der Deutschen Bahn zurück. „Fakt ist, dass bis 14 Uhr nur 105.000 Menschen mit der Bahn gekommen sind“, so der Veranstalter. Auch wenn diese Zahl vielleicht nicht zu bestreiten ist, darf dennoch ihre Relevanz erheblich in Frage gestellt werden. Nicht jeder Teilnehmer kam mit dem Zug und das Unglück ereignete sich nach 17 Uhr – da war die Zahl der Bahn schon drei Stunden alt.

Das Schwarze-Peter-Spiel von Duisburg

Während der Veranstalter die Polizei angreift, weil angeblich noch mehr (?) Leute in Richtung Veranstaltungsgelände gelassen wurden, weist die Polizei diese Anschuldigungen zurück und sieht Schaller in der Pflicht. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) erklärte am Mittwoch derweil als oberster Dienstherr der Polizei in einer beispiellosen Pressekonferenz, dass Schaller die Vorgaben des eigenen Sicherheitskonzeptes nicht eingehalten habe. Erst als die Veranstalter schließlich überfordert waren, riefen sie die Polizei um Hilfe. Andere behaupten, dass auch die Stadt Duisburg schuld sei, weil sie unter alles ihren Stempel gesetzt und ein viel zu kleines Gelände für die Love-Parade zur Verfügung gestellt habe.

Das Schwarze-Peter-Spiel mag aus juristischen Gründen nachvollziehbar und verständlich sein. Sollten Schaller, Sauerland oder die Polizei ein zu großes Bedauern äußern, könnte es auch schnell als Schuldeingeständnis ausgelegt werden. Diesen Eindruck wollen sie alle verhindern. Die moralische Dimension rückt hierbei leider völlig in den Hintergrund. Trotz allem: Der Tod von 21 jungen Menschen ist zu allererst eine Tragödie, die es zu bedauern gilt. Weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus sind die Menschen von der Katastrophe geschockt und bestürzt.

Verantwortliche auf eigene Interessen bedacht

Natürlich muss eine Untersuchung zeigen, wer für die tragischen Entwicklungen in Duisburg juristisch verantwortlich gemacht werden kann. Moralisch aber sind zumindest alle in der Pflicht, wenigstens ihr Bedauern zu äußern. Vielmehr ist man damit beschäftigt, darauf zu achten, dass man sich nichts zu Schulden kommen lässt und den eigenen Job nicht verliert. Der Fall Duisburg ist ein Paradebeispiel für den puren Egoismus, der den heutigen Zeitgeist bestimmt.

Bestes Beispiel: Bürgermeister Sauerland. Tritt er zurück, kann er entweder in seinen Job als Berufschullehrer zurückkehren oder er muss seinen Job als Beamter im öffentlichen Dienst quittieren. Entscheidet er sich für letzteres, winkt eine relativ geringe Rente im Vergleich zu dem, was er durch eine Abwahl bekommen könnte. Da das Landesbeamtengesetz in NRW keinen Rücktritt aus politischen Gründen kennt, käme eine Abwahl im Stadtrat durch einen Misstrauensantrag einem goldenen Handschlag gleich. Sauerland bekäme dann bis zum Ende seiner Amtszeit, die noch bis 2014 geht, 71 Prozent seines letzten Gehalts – diese steht ihm auch dann zu, wenn er bis 2014 nicht mehr im Amt ist. Laut dem Bund der Steuerzahler könnte er sich monatlich über 7.600 Euro freuen. Die Äußerung Sauerlands, dass er nur zur Aufklärung beitragen könne, wenn er im Amt bleibe, wirken da nur wie eine fade Ausrede. Der Bürgermeister stellt hier sein persönliches Wohl über das der Allgemeinheit - bei seinem Amtsantritt hat er anderes geschworen.

Wut der Bevölkerung wächst

Nicht nur in Duisburg werden die Menschen ungeduldiger. Es gibt Demonstrationen, die öffentlich den Rücktritt des Bürgermeisters fordern. Mittlerweile stehen er und seine Familie unter Polizeischutz. Auch zahlreiche Politiker fordern parteiübergreifend seinen Rücktritt. Ebenso kritisch sehen viele die Rolle von Veranstalter Schaller. Der Besitzer einer Fitnessstudio-Kette (McFit) sei nicht in der Lage gewesen, so ein Großevent zu organisieren. Außerdem sei es ihm sowieso nur um den Profit gegangen.

Wer letztlich im juristischen Sinne Schuld ist, wird sich noch herausstellen. Tag für Tag kommen neue Details ans Licht und es setzt sich langsam, aber sicher, ein Bild zusammen. Die Bevölkerung aber fordert seit Tagen, dass jemand moralische Verantwortung übernimmt für das, was geschehen ist. Kaum einer kann verstehen, dass sich alle, die sich vorher im Glanz der Love-Parade gesonnt haben, nun abtauchen und sich unverantwortlich geben. Die Wut ist groß, verständlicherweise.

 

 

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