Untreue 2.0

„Drum prüfe, wer sich ewig bindet“, wusste schon Friedrich Schiller zu empfehlen. Von den Gefahren des Web 2.0 hatte er jedoch noch keine Ahnung. Zahlreiche Scheidungen gehen inzwsichen auf das Konto von Facebook. Das zeigen empirische Untersuchungen in den USA. Sind soziale Netzwerke Beziehungskiller? Oder zumindest eine Belastung für Ehe und Partnerschaft?
  • Bild: dpa

 

„Sie schloss schnell den Chat, wenn ich in den Raum kam oder öffnete ein anderes Browserfenster, wenn ich in der Nähe war.“ So erzählt Ken Savage den Anfang vom Ende seiner Ehe. Er hielt es zuerst für eine gute Idee, als seine Frau Facebook entdeckte. Bis zu dem Augenblick, als er den Grund für die Heimlichtuerei entdeckte: Einen Ex-Freund hatte sie auf Facebook wiedergefunden und sich mit ihm heimlich zu einem Rendezvous in einem Hotel verabredet. Nun ist seine Frau seine Exfrau und Savage wieder Single. 2009 hat der Ameriakner daraufhin die Webseite www.facebookcheating.com ins Leben gerufen. Sie weist auf die Gefahren hin, die soziale Netzwerke wie Facebook aufweisen, gibt Tipps gegen virtuelle Seitensprünge, bietet Leidensgenossen eine Plattform und verarbeitet bei all dem wohl insbesondere, was ihm selber passiert ist.

Untreue via Facebook

Bei dem eben beschriebenen handelt es sich nicht um einen seltenen Fall – zumindest wenn man einer Umfrage der „American Academy of Matrimonial Lawyers“ Glauben schenken darf. Demnach geht jede fünfte Scheidung in den USA inzwischen auf das Internetnetzwerk Facebook zurück. 81 Prozent der Scheidungsanwälte stellen eine steigende Zahl an Fällen fest, in denen soziale Netzwerke als Belege für eheliche Untreue angeführt werden. Fälle also, die ohne die Online-Plattformen nie zustande gekommen oder aber unerkannt geblieben wären.

Sicher ist richtig, dass sich dieses Phänomen und die Umfrageergebnisse nicht unmittelbar auf Deutschland übertragen lassen. Klar ist aber auch, dass sich Social Networks wie Facebook auch hierzulande zunehmender Beliebtheit erfreuen. Aktuell nutzten über 14 Millionen Deutsche die Plattform – mit stark wachsender Tendenz. Deswegen ist es zwangsläufig wichtig zu fragen, wie sich diese neuen Kommunikationsformen auf unser Leben auswirken.

Beziehungskiller Facebook?

Ist Facebook also ein Beziehungskiller? Es wäre wohl zu einfach gedacht, wenn man Facebook und anderen sozialen Netzwerken die Schuld für zerbrechende Ehen und Beziehungen in die Schuhe schieben würde. Solche Webseiten bieten in den meisten Fällen mehr den Anlass und die Gelegenheit, als tatsächlich die Ursache dafür. Diese liegt gewöhnlich viel tiefer und ist schwerer zu benennen, als der schnell gefundene Sündenbock „neue Medien“. Bei der Frage nach den Ursachen müsste man sich schon eher auf den schmerzhaften Weg zu den (fehlenden) Grundlagen der zerbrochenen Beziehung machen, z.B. der defizitären Kommunikation.

Allerdings kann man auch nicht sagen, das hätte alles gar nichts mit Facebook zu tun. Selbst wenn die Plattform und andere soziale Netzwerke nicht Schuld an Eheproblemen und ehelicher Untreue sind, so bieten sie doch eine Vielzahl an Möglichkeiten, diese auszuleben. Es ist über soziale Netzwerke beispielsweise unendlich viel leichter geworden, nach scheinbaren Alternativen zu suchen. Problematisch ist also die durch Facebook eröffnete Flut an Möglichkeiten und die Frage nach dem Umgang damit.

Überfluss an Möglichkeiten

Dabei handelt es sich um kein isoliertes Phänomen. Unsere gesamte Gesellschaft ist davon geprägt, dass sie eine unendliche Fülle an Möglichkeiten bietet, mit der man sich tagtäglich auseinandersetzen muss. Wir leben in einer Multioptionsgesellschaft, die eben auch bei Facebook ihren Ausdruck findet. Nicht nur bei der Partnerwahl haben Menschen mit vielen Optionen zu kämpfen. Auch in der Ehe gibt es plötzlich viele Möglichkeiten, das Zusammenleben zu gestalten, die vorhandene Zeit zu nutzen oder sich in bestimmte Richtungen zu orientieren.

Jede Möglichkeit stellt uns aber auch gleichzeitig vor eine Entscheidung. Aus der Flut der Möglichkeiten wird eine Flut der Entscheidungen. Eine große Herausforderung unserer Zeit ist es, wie wir mit diesen Entscheidungen umgehen. Es wird notwendig sein, einen souveränen Umgang mit ihnen zu erlernen – auch wenn das stetig weiterwachsende Angebot an Optionen dies erschwert.

Ein souveräner Umgang heißt, ich treffe Entscheidungen in Hinblick auf die Fragen: Was ist mir wirklich wichtig? Wo will ich hin mit meinem Leben? Dienen Angebote, die mir kurzfristig Befriedigung und Glück versprechen, tatsächlich diesem Ziel? Souveränität bedeutet dann eben auch, Nein sagen zu können. Wenn es sein muss, auch zu Facebook oder zu bestimmten Möglichkeiten, die es mir eröffnet. Und im Blick auf Ehe und Partnerschaft wäre es zum Beispiel notwendig, Möglichkeiten und Entscheidungen auch im Web 2.0 gemeinsam anzugehen.

Zum Weiterlesen

Ken Savages Webseite (engl.)

Jede fünfte Scheidung hat mit Facebook zu tun (engl.)

Aussagen von Scheidungsanwälten bestätigen die große Rolle der sozialen Netzwerke bei Scheidungen (engl.)

Beziehungskiller: Scheidungsgrund Facebook (dt.)

Zur Multioptionsgesellschaft (dt.) 

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1 Kommentar wurden bereits abgegeben

  • 1.  
    schrieb am 15.05.2011 19:56

    Meine Meinung ist, dass Facebook erstmal ne Ursache für Streit darstellen kann, wenn der andere dauernd Spiele spielt oder chattet. Aber wg. Beziehungsproblemen? Wenn man sowas nicht will, dann kann man das auch beherrschen. Da ist jeder selbst verantwortlich und alles auf soziale Netzwerke zu schieben wäre fatal. Man muss darauf achten, wieso und warum man etwas tut, das ist meine Meinung.

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