Konsumwahn: Unser Zwang einzukaufen
Die Funktionen des Handys reichen nicht mehr aus? Ein neues Modell ist schon bestellt. Der Pullover ist schon wieder out? Die neue Kollektion steht schon zum Kauf bereit. Die Werbung macht es uns vor: Jede Neuanschaffung ist funktionsreicher, aktueller und verspricht einen besseren Lebensstandard. Was anfangs noch aus Freude gemacht wurde, ist längst zum Zwang geworden: Kaufen. Doch dass der Mensch dabei die Erde zerstört, wird im Konsumrausch oft vergessen.
Das Neueste, das Beste, das Schönste - mit diesen Schlagworten im Hinterkopf begeben wir uns Richtung Shoppingmeile. Längst geht es beim Einkaufen nicht mehr nur darum, Grundbedürfnisse zu befriedigen oder sich einen Wunsch zu erfüllen. Es ist vielmehr ein „Muss“ geworden, sich dem Trend der Zeit anzupassen, der sich stündlich ändert. Die Freude am Neugekauften währt immer kürzer, das Gefühl von Rückständigkeit macht sich breit, ein Neuerwerb ist unumgänglich. Unbewusst, aber voll ausgeprägt ist die Selbstverständlichkeit vorhanden, Dinge kaufen zu müssen.
Kaufen für den Wirtschaftsaufschwung
Das Phänomen ist nicht neu: Bereits Anfang der 20. Jahrhunderts spielte der Konsum eine große Rolle. Der amerikanische Ingenieur Frederick Taylor sowie der Industrielle Henry Ford hatten ein sich ähnelndes Wirtschaftsprinzip erarbeitet, indem durch höhere Löhne die Kaufkraft gesteigert werden sollte. Größerer Konsum erhöht die Nachfrage, wodurch die Produktion gesteigert werden kann. Dies wiederum führt zu einer erneuten Lohnerhöhung.
Der Beginn des „Konsumterrors“
Wie eine Dokumentation des Fernsehsenders „Arte“ am Beispiel der USA zeigt, begann der exorbitante „Konsumterror“ in den 1960er Jahren. Eine Neuanschaffung rief beim Konsumenten damals noch Freude hervor. Es war das schöne Gefühl, etwas Modernes und Aktuelles zu besitzen.
Doch als die Menschen anfingen immer mehr zu kaufen, wurde der Konsum schnell auch zum Wettstreit um Prestige und die Zurschaustellung des Besitzes. Durch die ökonomische Situation entwickelte sich mit der Zeit eine Überflussgesellschaft. Und heute? Wir kaufen um des Kaufens Willen und weil wir durch die Werbung ständig das Gefühl vermittelt bekommen, es gibt schon wieder etwas noch besseres, noch sinnvolleres, noch unverzichtbareres.
Vergessene Auswirkungen
Die Auswirkungen dieses Verhalten geraten oft in Vergessenheit. Steigt der Konsum, so erhöht sich auch die Ausbeutung der Ressourcen, heißt es in der Dokumentation. Die Abfallberge wachsen, Rohstoffe schwinden dahin. Durch den ungehaltenen Konsum, der so alltäglich und normal scheint, werden immer mehr irdische Ressourcen angebrochen und verbraucht. Öl und Gas entsprechen dabei dem Standard nach menschlicher Bequemlichkeit: sie fließen einfach. Bei Kohle oder Holz ist der Arbeitsaufwand zur Gewinnung höher.
Aufgrund des hohen Konsums ist der Verbrauch der Ressourcen enorm gestiegen. Lebte jeder wie ein Mensch in den USA, müsse die Erde verfünffacht werden, um ausreichend Rohstoffe bieten zu können, sagt Duane Elgin, Autor des Buches „Voluntary Simplicity“ („Freiwillige Einfachheit“).
Qualität und Mitarbeiter zweitrangig
Doch unser Kaufrausch hat auch noch ganz andere Blüten hervorgetrieben: Im Konkurrenz- und Preiskampf der Unternehmen werden Qualität und Mitarbeiter oft zweitrangig. Firmen produzieren Dinge bewusst so, dass Sie nur eine gewisse Zeit halten. Arbeiter in armen Ländern müssen für einen Hungerlohn und unter Menschenunwürdigen Umständen arbeiten – um nur zwei Beispiele zu nennen.
Das Konsumverhalten ist zum Selbstläufer geworden
Doch ist es schwierig, dem Konsum in einer Überflussgesellschaft Grenzen zu setzen. „Wenn Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, in der alle konsumieren, ist es sehr schwer, sie davon abzuhalten“, sagte Juliet Schor, Professorin für Soziologie am Boston College. Das Konsumverhalten ist zum Selbstläufer geworden. Erschwerend komme hinzu, dass sich innerhalb der Gesellschaft ein Einstellungswandel vollzogen habe. Jeder wolle leben wie die gehobene Mittelschicht - unabhängig von der finanziellen Situation. Die Leute kaufen also, die Ressourcen werden verbraucht.
Veränderung muss beim einzelnen Menschen anfangen
„Die Situation ist so komplex, dass keine Regierung es schaffen kann, das alles zu analysieren und einen Plan zu entwickeln, durch den sich die Probleme rechtzeitig lösen lassen“, stellt Julian Darley, Geschäftsführer des Post Carbone Institute fest. Die Erde müsse geschützt werden. Daher appelliert der Autor Elgin: Jeder Einzelne könne einen Anfang machen und bewusster in einer Welt leben, die von Konsum und Geld geprägt ist. Möglichkeiten dazu gibt es viele.
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