Und was macht man damit später mal?

Musikwissenschaften, Germanistik, Politologie - geisteswissenschaftliche Studiengänge sind als brotlose Kunst verschrien. Das Analysieren von Theaterstücken sei eine Freizeitbeschäftigung und solle dies auch lieber bleiben, heißt es. Was im Land der Deutschen Bank, VW und Mercedes, Bosch und BilfingerBerger zählt, ist berufliche Sicherheit und ein festes Einkommen. Wieso sich ein geisteswissenschaftliches Studium dennoch lohnt.
  • Foto: flickr / Susanne Winter

 

Montagnachmittag in der Altstadt. Meine Mutter und ich lassen uns in einem Café am Straßenrand nieder. Wir wollen den Anfang meiner Semesterferien mit einem Eisbecher feiern. Die Sonne scheint, der Gedanke an Erdbeereis ist verführerisch. Auf eine nette Unterhaltung nur mit Mama habe ich mich aber zu früh gefreut. Gerade als die Kellnerin unsere Bestellung aufnimmt, erspäht uns eine alte Bekannte meiner Mutter. Sofort setzt sie sich uns samt ihrem halbverzehrten Bananasplit gegenüber. Wie schön es sei, uns zwei einmal wieder zu sehen. Ich lächle höflich und ahne welches Gespräch schon bald folgen wird.

Für sie bin ich ein Sorgefall

Tatsächlich schaffe ich es nur zu drei Löffeln Erdbeereis, bis sie die unvermeidbare Frage stellt: „Was machst du denn jetzt eigentlich?“  Ich erzähle ihr also von meinem Philosophiestudium, wie es dazu kam und wie glücklich ich mit meiner Wahl bin. Noch während ich von Schopenhauer rede, kann ich an den Stirnfalten und dem nervösen Lippenzucken meiner Gesprächspartnerin ablesen, dass mein Werdegang sie nicht begeistert. Mit einem bemitleidenden „Hach ja, die Kinder“ an meine Mutter setzt sie unserem Gespräch ein Ende. Für sie bin ich ein Sorgenfall.

„Verwöhnt vom Lebensstandard der Eltern“

Leider stellt dieser Nachmittag im Eiscafé keine Ausnahme dar. Seit meinem Studienbeginn im Herbst 2010 musste ich wieder und wieder verblüfft feststellen, unter was für einem Ruf wir Geisteswissenschaftler leiden: realitätsfremd, idealistisch, unreif, verwöhnt vom Lebensstandard unserer Eltern.

Höchste Priorität: Sicherheit

Laut einer Umfrage des Randstad Awards 2009 ist für deutsche Arbeitnehmer die Arbeitsplatzsicherheit das wichtigste Entscheidungskriterium für eine zukünftige Anstellung. Was die Statistiken behaupten, erfährt man auch im Unialltag. Vor allem jene Studiengänge, die einen klaren Berufsweg vorgeben, sind gesellschaftlich akzeptiert und angesehen.

Aus einer Medizinstudentin wird später mal eine Ärztin. Ein Lehramtstudent macht sich zum Oberstufenlehrer. Das ist leicht zu verstehen und deswegen klasse. Was aber macht ein Student der Kunstgeschichte? Diese Ungewissheit verunsichert. Genau aus diesem Grund können viele Nachbarn, Freunde und Familienmitglieder nicht verstehen, wieso der Sohnemann oder die Tochter sich für eine Geisteswissenschaft immatrikuliert.

Was uns glücklich macht

Selbstverständlich ist es wichtig, dass man später einmal Geld zum Leben verdient. Ebenso ist auch klar, dass ein höheres Einkommen mit einer wachsenden Lebenszufriedenheit einhergeht. Da haben die kritischen Stimmen ja Recht. Nicht übersehen sollte man jedoch den Einfluss, den der Inhalt des Berufsalltags oder eben des Studiums auf unser Glücksgefühl hat. Uns geht es gut, wenn wir einer Tätigkeit nachgehen, die uns erfüllt. Wie genau diese aussieht, muss jeder für sich selbst herausfinden. Menschen sind unterschiedlich. Ich habe während und nach meines Abiturs lange zwischen einem Studium der Psychologie oder der Philosophie gehadert. Letzten Endes hat die Struktur meines Bachelor of Liberal Arts & Sciences es mir ermöglicht, in meinem ersten Unijahr in beide Fächer reinzuschnuppern.

Meine Leidenschaft ist die Philosophie

Sehr zur anfänglichen Enttäuschung meiner Eltern habe ich so schnell festgestellt, wo ich hingehöre. Meine Leidenschaft ist die Philosophie. Klar könnte das auch einfach ein Hobby bleiben. Und ich bin mir sicher, dass das für viele Philosophie-Liebhaber auch funktioniert. Ich aber gehöre da nicht zu. Nach zwei Semestern ist mir klar, dass ich alles versuchen möchte, meine Leidenschaft zum Beruf zu machen.

Pessimismus adé

Und mal ganz ehrlich: So schlecht sieht die Zukunft für uns Geisteswissenschaftler gar nicht aus. Sicherlich wissen wir nicht hundertprozentig, was die Zukunft bringt. Aber wer weiß das schon? Und wer deswegen nicht schlafen kann, sollte sich tatsächlich etwas anderes suchen. Es ist schließlich keinesfalls so, dass alle Geisteswissenschaftler nach Abgabe ihrer Masterarbeit auf Hartz 4 zusteuern.

Zunächst einmal kann man das, was einem Spaß macht, oft am Besten. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass Gott Menschen unterschiedlich begabt hat und unterschiedlich gebrauchen möchte. Ein Studium verspricht also dann gute Ergebnisse, wenn man gerne dafür lernt. Und gute Ergebnisse sind die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche berufliche Karriere.

Es kommt darauf an, seine Begabungen gut zu verkaufen

Außerdem erlernt man auch in einem geisteswissenschaftlichen Studium Kompetenzen, die auf dem Arbeitsmarkt gesucht werden. Auch wenn man ein Philosophiestudium nicht als Philosoph verlässt, nimmt man dennoch einiges mit: Lesekompetenz, logisches Denkvermögen, analytische Skills. Es kommt eben darauf an, ob man diese Begabungen später gut verkaufen kann. Man tritt auch dann am sichersten auf, wenn man weiß, wieso man sich für ein Studium entschieden hat: Weil man es gern macht.

Die eigenen Interessen und Fähigkeiten entwickeln

Christen wissen außerdem: Gott hat uns Menschen gezielt mit unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten ausgestattet. Diese zu entwickeln anstatt sich den Vorstellungen anderer zu beugen ist erfüllend und macht glücklich.

Doch nicht so egoistisch

„Schmarotzer“ ist ein letzter Vorwurf, den sich Geisteswissenschaftler anhören müssen. Selbstsüchtige Individuen, die ohne Plan und Ziel ein bisschen studieren, wonach ihnen gerade ist. Denen es nur um eigene Interessen geht und die rein gar nichts zu dem Wohl anderer beitragen. Starker Tobak.

Die Einflüsse früherer Philosophen verstehen und erklären

Ich sehe das nicht so. Nicht jeder Philosophiestudent wird Werke wie Marx, Hegel oder Kant schreiben, die noch nach 200 Jahren gelesen werden. Aber es ist wichtig, dass es in unserer Gesellschaft Menschen gibt, die die Einflüsse früherer Philosophen verstehen und erklären können. Das Studium der Philosophie ist also keineswegs eines, von dem nur einzelne profitieren.

Ein Beitrag zum kulturellen Gut Deutschlands

So tragen die Geisteswissenschaften letztlich auf ihre Art und Weise zum kulturellen Gut unsrer Gesellschaft bei. Natürlich ist es wichtig, dass viele Menschen einen Beruf ergreifen, der die deutsche Wirtschaft stärkt. Aber die Bedeutung der Kultur sollte nicht übersehen werden. Wer möchte in einem Land leben, das außer guten Exportraten nichts vorzuweisen hat?

Fahrstuhl oder Wendeltreppe

Welchen Weg man einschlägt, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Viele schätzen Klarheit und Sicherheit. Für sie ist der optimale Studiengang wie ein Fahrstuhl, der sie garantiert und ohne Umwege an ihr Ziel bringt. Geisteswissenschaftler wählen die Wendeltreppe. Sie wissen nicht genau, was sie in der oberen Etage erwartet und wie viele Stufen sie noch steigen müssen. Aber der Aufstieg macht ihnen Spaß.

 

Soziale Netzwerke:

Willkommen! idealisten.net – Das Netzwerk zum Mitmachen!

Deine Beiträge - ob Text, Bild oder Video - sind gefragt! Registriere dich mit Benutzername, E-Mail und Passwort und schon kannst du mitmachen.

 
 
 
 


Du musst eingeloggt sein, um einen Beitrag kommentieren zu können.