Twitter: Geschichte in Echtzeit nacherleben

In diesen Tagen kann man auf Twitter eine ganz neue Form der Geschichtsschreibung erleben: Ein junger Engländer lässt in Echtzeit den Zweiten Weltkrieg nacherleben. Und auch Joseph von Nazareth ist dort zu neuem Leben erwacht: Der Zimmermann „erzählt“ von Marias Schwangerschaft, seinem Glauben und seiner Gefühlswelt. Die rapide ansteigende Zahl von Follwern zeigt: Dieses Nacherleben von Geschichte trifft den Nerv der Zeit.
  • Bilder: Screenshots (idea)

 

Im Moment steht die russische Armee an der polnischen Grenze, Polen ist von Deutschland besetzt und Frankreich stellt sich auf den drohenden Krieg ein. Jedenfalls ist das so auf der Twittertimeline @RealtimeWWII zu lesen. Der Historiker und Journalist Alwyn Collinson aus Oxford tweeted dort den Zweiten Weltkrieg – in Echtzeit. Er begann am 31. August 2011, genau 72 Jahre nachdem die deutsche Wehrmacht Polen überfiel und damit den Zweiten Weltkrieg auslöste. Seitdem beschreibt der 24-jährige täglich in 10 bis 12 Tweets die Ereignisse, die am jeweiligen Tag vor 72 Jahren stattfanden. Collinson verwendet Augenzeugenberichte, aber auch Videoauschnitte und Fotos, um das Ganze möglichst realistisch darzustellen.

Und das kommt an: Der Engländer hat inzwischen über 175.000 Follower. Andere Twitterer wie @WWIIToday oder @warcabinetUK beschreiben zwar auch den Zweiten Weltkrieg, beschränken sich aber auf nur einen Tweet pro Tag oder nur auf den Blickwinkel der britischen Regierung und finden wohl deshalb weniger Anklang.

Einzelschicksale statt große Linien

Auf den Geschmack der Echtzeitberichterstattung kam Collinson während des Arabischen Frühlings, wo er davon beeindruckt war, wie auf Twitter Geschichten erzählt wurden, die es nicht in die etablierten Medien schafften, weil andere Nachrichtenwege blockiert waren. Und das spiegelt sich auch in seiner Timeline wieder: Anstatt die großen Linien darzustellen, beschreibt Collinson oft Einzelschicksale – wie die Geschichte der finnischen Kellnerin, die sich vom feindlichen Bombenhagel nicht beeindrucken lies, sondern dem Gast sein Gericht servierte und ihn danach in aller Seelenruhe in den Luftschutzkeller führte.

Stimmungen werden spürbar

Kritiker werfen Collinson vor, das große Ganze zu vernachlässigen und sich in Einzelheiten zu verheddern. Doch genau darin unterscheidet sich Alwyn Collinson von den Geschichtsbüchern: Ihm geht es weniger um eine historische Analyse als darum, die Ereignisse in ihrem chronologischen Ablauf darzustellen. Und mit seinem speziellen Blickwinkel schafft er es, Stimmungen spürbar zu machen: Die gedrückte Spannung in England und Frankreich, bevor der Krieg auch unmittelbar in ihr Land kam, die Situation der Polen nach dem deutschen Einmarsch. Außerdem beschränkt sich Collinson nicht nur auf ein Land oder Europa, sondern bezieht die ganze Welt mit ein: Von Finnland über Kanada bis nach Japan.

Joseph von Nazareth tweetet

Auch Ereignisse, die knapp 2000 Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg stattfanden, werden in diesen Tagen in Echtzeit getweetet. Seit dem 1. Dezember berichtet „Joseph aus Nazareth“, „gefühlte 35 Jahre alt und vergeben“, der „einen kleinen Zimmermannsbetrieb in der 3. Generation in der Innenstadt von Nazareth“ führt, unter dem Pseudonym @joseph_von_naza. Er beschreibt, was er tut, plant und erlebt, lässt aber auch seine Gefühlswelt nicht außen vor: „Wenn ich jetzt einfach gehen würde? Keiner würde etwas merken. Ich wäre einfach weg. Aber was wird dann aus Maria? Ich muss endlich schlafen.“, twittert er am 7. Dezember, kurz nachdem ihm Maria ihre Schwangerschaft gebeichtet hatte.

Samstags hält er stilecht Sabbatruhe

Seitdem bereitet er sich auf die Volkszählung vor und macht ab und an Werbung für seinen Zimmermannsbetrieb: „Joseph, der Zimmermann – weil Bretter mir die Welt bedeuten.“ Seit kurzem tweeted er zusätzlich auf Englisch, denn auch „Josephs“ Timeline ist sehr erfolgreich: Seit Beginn des Monats hat er es auf über 9.500 Follower gebracht. Und er antwortet, wenn diese ihm Fragen stellen. Besonders interessant: „Joseph“ lässt seinen Glauben nicht außen vor: Oft zitiert er das Alte Testament und sieht seine Situation als Glaubensprobe. Und samstags hält er stilecht Sabbatruhe, da wird nicht getwittert.

Spannend erzählte, persönliche Geschichten treffen den Nerv der Zeit

Auch wenn @RealtimeWWII und @joseph_von_naza von höchst unterschiedlichen Ereignissen berichten: Sie scheinen beide einen Nerv zu treffen. Allem Anschein nach interessieren sich die Menschen eher für spannend erzählte persönliche Geschichten als für trockene Bücher. „Joseph“ erzählt die Weihnachtsgeschichte, die fast jeder schon sehr oft gehört hat, aus seiner Perspektive. Und das bedeutet nicht, möglichst viele historische Ereignisse unterzubringen. Es bedeutet, authentisch aus dem Leben zu berichten.

Interessante Möglichkeit für Christen

Vielleicht sollten sich Christen diese interessante Möglichkeit viel mehr nutzen: Biblische Geschichten authentisch und humorvoll erzählen und zeigen, dass es sich nicht um ein uraltes staubtrockenes Buch handelt, sondern um das, was Menschen wie Du und Ich erlebt haben und um das, was uns heute noch Orientierung und Halt geben kann.

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