Twelve Points für Lena

Mit „Ein bisschen Frieden“ der damals 17-jährigen Nicole gewann Deutschland 1982 das bisher einzige Mal den Eurovision Song Contest. Danach kam mit „Guildo hat euch lieb“ (1998) und „Wadde hadde dudde da?“ (2000) von Stefan Raab zwar allerhand Klamauk, aber Zählbares sprang nicht heraus. Am Sonnabend nun ruhen die deutschen Hoffnungen auf der gerade 19-jährigen Hannoveranerin Lena Meyer-Landrut.
  • Deutschland fiebert mit: Möglichst viele Länder sollen der Überraschungskandidatin Lena Meyer-Landrut die Höchstzahl von 12 Punkten geben. Foto: Universal Music

 

Lena gewann das von Stefan Raab initiierte Casting „Unser Star für Oslo“ und darf nun mit dem auf Massengeschmack getrimmten Lied „Satellite“ antreten. Die Presse im In- und Ausland zählt sie inzwischen sogar zu den Favoriten, weil es der Abiturientin mit einem akzentbeladenen Englisch und einer zappeligen Bühnenperformance auf eigenartige Weise gelingt, die Menschen zu begeistern. Unbekümmertheit, Natürlichkeit und Charme – das sind die Erfolgsfaktoren der jungen „Sängerin“.

Die Befindlichkeit der Masse

Das sagt eigentlich schon alles über die Qualität des Eurovision Song Contest (ESC) aus. Schon als Nicole 1982 auf die Bühne stieg, war dieser Wettbewerb keineswegs ein Kräftemessen der besten Sänger Europas. Der ESC sagt mehr über Trendforschung und die derzeitigen Befindlichkeiten der Masse aus, anstatt gute Musik hervorzubringen. Schaut euch bitte mal auf Youtube „Ein bisschen Frieden“ an! Zu achten ist insbesondere auf das abwechslungsreiche Gitarrenspiel von Nicole, ihr atemberaubendes Kleid, die Frisur (wenn man denn das überhaupt so nennen kann) und ihre nicht vorhandene Körpersprache. Da bleibt wirklich nur „ein bisschen Freude“ und die Hoffnung, „dass die Menschen nicht so oft weinen“.

Eins muss man dem Lied aber lassen: Es traf den damaligen Zeitgeist. 1983 zogen die GRÜNEN in den Bundestag ein und schon ein Jahr vorher gab es „Ein bisschen Frieden“. Wenn das mal keine Leistung ist!

Ein bisschen frech und ein bisschen selbstbewusst

Lena ist nun die Nicole des Jahres 2010. Das hat auch Spiegel-Online so ähnlich herausgefunden: „Wie aber sieht das neue deutsche Selbstbild aus, dass wir mit Lena transportieren? Wir wollen süß sein und frech und liebenswert, aber auch bereit, unser Missfallen zu äußern, ‚Scheiße’ zu rufen und zur Not auch mal mit Leistungsverweigerung zu drohen.“ Lena ist die perfekte Personifikation des Zeitgeistes. Da hat die Trendforschungsabteilung von Stefan Raab also ganze Arbeit geleistet. „Wir“ – die Deutschen – wollen nicht mehr perfekt sein, wir sind nett, ein bisschen keck, aber auch ein bisschen chaotisch. Wir trauen uns, ein bisschen selbstbewusst zu sein, aber ja nicht zu viel.

Somit wäre es auch besser, wenn Deutschland am Sonnabend „nur“ Zweiter wird. Das passt besser zu unserem aktuellen Selbstbild und der „Sieger der Herzen“ werden wir allemal.

 

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