Trinken, erbrechen, weitertrinken

In seinem neuen Buch „Generation Wodka: Wie unser Nachwuchs sich mit Alkohol die Zukunft vernebelt“ warnt Bernd Siggelkow vor zunehmendem Alkoholmissbrauch unter Jugendlichen. Warum sich die Lage zuspitzt, obwohl der regelmäßige Alkoholkonsum junger Menschen zurückgeht, erläutert der Gründer des christlichen Kinderhilfswerkes „Die Arche“ im Interview.
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Herr Siggelkow, was haben Sie gegen Alkohol?
Eigentlich gar nicht so viel! Aber ich sehe die Gefahren, die Alkohol bei Menschen anrichten kann – besonders bei Jugendlichen. Wir können es nicht hinnehmen, dass täglich Dutzende von Jugendlichen ins Krankenhaus müssen, weil sie sich ins Koma saufen.

Trinken um cool zu sein

Sie haben sechs Kinder. Dürfen sie Alkohol trinken?
Ja! Eine meiner Töchter wollte ihren 16. Geburtstag unbedingt mit Alkohol feiern. Ich fragte sie warum. Sie wollte vor ihren Klassenkameraden dem Ruf gerecht werden, cool zu sein, obwohl sie Christ ist – denn Christen dürfen in den Augen vieler gar nichts. Meine Frau und ich setzen aber nicht nur auf Verbote, sondern finden es wichtig, dass unsere Kinder mit Alkohol Erfahrung sammeln. Als Eltern versuchen wir vor allem, den richtigen Umgang mit Alkohol vorzuleben. Unsere größeren Kinder waren auch schon mal betrunken. Heute sagen sie: Das war keine gute Erfahrung. Hinterher ist man eben oft klüger.

Er war von Kopf bis Fuß grün

Trinken Sie selbst Alkohol?
Da ich Mitglied der Heilsarmee bin, trinke ich keinen Alkohol, um anderen ein gutes Vorbild zu sein. Ich war auch noch nie betrunken, obwohl ich in Hamburg auf St. Pauli aufgewachsen bin. Als 19-Jähriger hatte ich ein Schlüsselerlebnis: In einem Männerheim der Heilsarmee fand ich auf der Herrentoilette einen Toten. Er starb an Alkoholvergiftung und war von Kopf bis Fuß grün – ein fürchterliches Bild, das sich mir eingebrannt hat!

Vergewaltigungen unter Alkoholeinfluss

Mönche galten als große Braumeister, auch Martin Luther sprach gerne dem Alkohol zu. Ist Alkohol für Sie keine gute Gabe Gottes?
Gegen ein Feierabendbier oder ein Glas Wein zum Abendessen habe ich nichts einzuwenden. Aber oft konsumieren Jugendliche Alkohol, um schwierige Lebensumstände zu betäuben, sie trinken aus Langeweile oder um sich gegenseitig zu beweisen, dass sie ein toller Hecht sind. Andere suchen den Kitzel und bauen mit Alkohol ihre Hemmungen ab. Nehmen Sie allein die Nachrichten aus Berlin: Fast jede Woche gibt es Vergewaltigungen oder Teenie-Schwangerschaften unter Alkoholeinfluss, in der U-Bahn werden Jugendliche ins Koma geschlagen – und keiner warnt vor den Folgen des Alkoholmissbrauchs!

Um dazuzugehören machen die Jüngeren alles mit

Getrunken wurde schon immer.
Ja, aber die Jugendkultur hat sich geändert. Zu meiner Zeit hing man mit Gleichaltrigen in einer Gruppe. Heute sitzen 21- mit 12-Jährigen zusammen. Und um dazuzugehören, machen die Jüngeren alles mit. Aber bei einem 12-Jährigen wirkt Alkohol intensiver – manche fallen plötzlich ins Koma, ohne dass vorher jemand bemerkt hat, dass sie betrunken sind.

In Berlin laufen viele mit einer Bierflasche durch die Stadt.
Das sollte ebenso verboten werden wie das Rauchen in der Öffentlichkeit! Berlin hat deutschlandweit das schlechteste Bildungssystem, es hat prozentual die meisten Sozialhilfeempfänger und die meisten Singlehaushalte – meines Erachtens hat das auch mit dem übermäßigen Alkoholkonsum zu tun.

Theologische Mitarbeiter sind besonders suchtgefährdet

Auch bei kirchlichen Empfängen wird ganz gern Alkohol getrunken ...
Ich will den Alkohol auf keinen Fall verteufeln. Ich will aber den Vorbildcharakter betonen, den Christen haben. Neben Politikern und Journalisten gelten Pfarrer als besonders suchtgefährdet. Etwa 7 bis 10 % der theologischen Mitarbeiter haben ein Suchtproblem. Das finde ich schockierend!

Alkoholmissbrauch betrifft alle Gesellschaftsschichten

Übertreiben Sie mit dem Buchtitel „Generation Wodka“ nicht?
Alkoholmissbrauch betrifft nicht nur Jugendliche der Unterschicht, sondern alle Gesellschaftsschichten. Jeder fünfte Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren hat in den letzten 30 Tagen mindestens einmal bei einem Trinkgelage fünf Gläser Alkohol oder mehr getrunken, so eine Untersuchung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

In jeder Schulklasse mit Jugendlichen gibt es also mehrere Schüler, die sich komplett die Birne zudröhnen! Das ist ein riesiges Problem! Wir haben immer mehr Kinder, die sich in der Schule nicht konzentrieren können: die einen, weil sie zu Hause kein Frühstück bekommen haben, die anderen, weil sie regelmäßig Alkohol trinken. Wir sind in einem Zeitalter der Extreme: Die einen betreiben Extremsportarten, andere betreiben das Trinken als Wettkampf.

Weniger trinken, aber wenn dann bis zum Koma

Im Drogen- und Suchtbericht 2011 der Bundesregierung heißt es: „Der regelmäßige Alkoholkonsum von Jugendlichen ist weiter rückläufig und hat 2010 den niedrigsten Stand seit den 1970er Jahren erreicht. Das ist doch ein erfreulicher Trend!
Es trinken zwar nicht mehr so viele Jugendliche, aber diejenigen, die es tun, tun es umso mehr! Im Jahr 2009 wurden rund 26.400 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 10 und 20 Jahren aufgrund akuter Alkoholvergiftung stationär im Krankenhaus behandelt.

Und eine Studie der Krankenversicherung DAK ergab, dass 10% der Schüler bis zum 12. Lebensjahr wöchentlich Alkohol trinken. Erwachsene können einiges vertragen. Aber Jugendliche, die mit 12 Jahren anfangen zu trinken und über Jahre hinweg regelmäßig Alkohol konsumieren, werden oft nicht älter als 25 Jahre. Alkohol sollte deshalb für Jugendliche nicht frei verfügbar sein.

Der Jugendschutz wird nicht beachtet

Das ist in Deutschland Gesetz: Das Jugendschutzgesetz sieht vor, dass Spirituosen nicht an unter 18-Jährige verkauft werden, Alkohol nicht an unter 16-Jährige.
Das wäre mir sehr sympathisch – wenn es denn auch so umgesetzt würde. Für viele Verkäufer zählt aber letztlich nur der Umsatz. Bisher sind die Kontrollen einfach zu lasch. Wir brauchen mehr Testkäufer und drastischere Strafen! Ein Verkäufer, der beim Alkoholverkauf an Jugendliche ertappt wird, sollte für mehrere Monate die Verkaufserlaubnis verlieren. Zudem sollten wir deutschlandweit dem Beispiel Baden-Württembergs folgen: Dort darf an Tankstellen und Kiosken zwischen 22 und 5 Uhr kein Alkohol mehr verkauft werden. Ein weiterer Wunsch: Die Werbung für Alkohol in Kino und Fernsehen sollte auf die Zeit nach 21 Uhr beschränkt werden.

Eine Perspektive bieten

Alkohol entspannt und berauscht. Wenn Sie Jugendlichen den Alkohol nehmen: Was ist die Alternative?
Viele Jugendliche legen ab dem 13. Lebensjahr den Hebel um und hängen nur noch herum. Sie sind emotional verarmt, ihnen fehlt jeglicher Antrieb – das gilt auch für viele Jugendliche, die in der Mittel- oder der Oberschicht aufwachsen. Ihnen müssen wir eine Perspektive zeigen, die sie erfüllt, zum Beispiel Sport, Musik oder Kunst. Jeder Mensch möchte anerkannt werden und sucht nach Erfolgserlebnissen – diese sollten christliche Gemeinden, Sportvereine und Freizeiteinrichtungen ihnen bieten.  

Warum kommt Gott in Ihrem Buch nicht vor?

Warum kommt Gott in Ihrem Buch nicht vor?
Wer sich mit unserem Kinderhilfswerk „Die Arche“ beschäftigt, merkt sofort: Da ist Gott drin! Das merken sogar unsere Kritiker. Zudem enthält „Generation Wodka“ dezente Hinweise, welches Leben wir führen. Es ist aber nicht unsere Aufgabe zu sagen: „Jesus ist die Antwort“, wenn wir nicht mal die Frage kennen. „Generation Wodka“ soll sensibilisieren, ein besseres Verständnis für unsere Kinder zu entwickeln und sie zu schützen. Wer das Buch liest, wird sich automatisch mit der „Arche“ beschäftigen und feststellen, dass Gott der Motor unserer Mitarbeiter ist, die ihren Glauben den Kindern und Eltern authentisch vorleben.  

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Informationsmöglichkeiten sowie Hilfe bei Problemen mit Alkohol bietet z. B. das Blaue Kreuz. Auf seiner Webseite gibt es zudem eine Auflistung von Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen und Therapieeinrichtungen. Telefonisch kann man sich auch an das Infotelefon zur Suchtvorbeugung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wenden: Unter 0221-892931 stehen täglich kompetente Gesprächspartner zum Ortstarif  zur Verfügung. Sowohl Blaues Kreuz als auch die BZgA (Kampagne „Alkohol? Kenn dein Limit.“) bieten auf ihren Seiten auch einen Selbsttest zur persönlichen Alkoholgefährdung an.

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