Tatort Web 2.0
Jan O., 26 Jahre, vorbestraft, drogen- und alkoholsüchtig. Der psychisch Kranke weist ein nahezu klassisches Täterprofil auf. Der Doppelmörder von Bodenfelde hatte keine Perspektive, wurde im Elternhaus geschlagen, war oft auf sich allein gestellt. Die ermittelnde Sonderkommission kam schnell auf seine Spur, da sich O. im Internet mit seinen Taten gebrüstet hatte. Der aktuelle Fall zeigt: Gewalt und deren Auswüchse suchen sich im Internetzeitalter neue Wege.
Gezielte Suche in sozialen Netzwerken
Noch am Tag nachdem er die 14jährige Nina ermordet hatte, verfasste Jan O. auf seiner Webseite einen Eintrag: „Gestern Mädchen geschlachtet. Jeden Tag eins bis mich erwischen“, schrieb er in gebrochenem Deutsch. In sozialen Netzwerken suchte der 26-Jährige gezielt den Kontakt mit jungen Mädchen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wiedersetze sich Nina zum Tatzeitpunkt den Annäherungsversuchen von O. Wenige Tage später ermordete der Arbeitslose auch den 13jährigen Tobias, der sich zufällig in der Nähe des Tatorts aufgehalten hatte.
Kein Einzelfall
Dabei ist das, was in Bodenfelde passiert ist, kein Einzelfall. Durch die zunehmende Verbreitung und die damit steigende Bedeutung von sozialen Netzwerken kam es auch in anderen Ländern zu zahlreichen Straftaten. Die Presse spricht von „Facebook-“ und „Twitter-Morden.“ In der noch jungen Geschichte von tödlichen Straftaten, die mithilfe sozialer Netzwerken geschehen, scheinen sich drei Muster herauszukristallisieren: Eifersucht gepaart mit Wut und Ohnmacht, Streitereien, die außer Kontrolle geraten und eben – wie im Fall Jan O. – sexuelle Gewalt.
Drei Beispiele: In der beschaulichen englischen Ortschaft Brown Lees im Kreis Stoke-on-Trent ermordete Edward Richardson im Mai 2008 seine 15 Jahre jüngere Ehefrau Sarah. Sie hatte auf Facebook ihren Beziehungsstatus auf „Single“ gesetzt und dadurch den Zorn ihres Ehemannes auf sich gezogen. Richardson gab laut Polizei zu Protokoll, dass er daraufhin erfolglos versucht habe, seine Frau zu kontaktieren. Daraufhin suchte er sie in ihrer elterlichen Wohnung auf und erstach die 26jährige mit einem Messer. Der danach unternommene Selbstmordversuch scheiterte. Der 41jährige wurde zu 17 Jahren Haft verurteilt. Der Fall machte vor allem deshalb Schlagzeilen, weil der Täter als Motiv das Facebook-Verhalten seiner Frau angab.
Weltweit erster „Twitter-Mord“
Die New Yorker Polizei ermittelte Anfang 2010 im weltweit ersten „Twitter-Mord“. Jameg Blake und sein Jugendfreund Kwame Dancy stritten sich so heftig über das Online-Portal, dass der 22-jährige Blake seinen gleichaltrigen Freund Dancy auf offener Straße erschoss. Das NYPD erklärte nach Blakes Festnahme, dass durch einen richterlichen Beschluss Einsicht in die geposteten Nachrichten der beiden bekommen habe. Es war darüber hinaus auch das erste Mal, dass die 140 Zeichen langen Nachrichten in einem Mordprozess als Beweismittel verwendet wurden.
Im Frühjahr 2010 fand die Polizei in Campbelltown, einem Vorort der australischen Millionenstadt Sydney, die Leiche der jungen Nona Belomesoff. Die 18jährige hatte kurz zuvor im Internet ihren späteren Mörder kennengelernt. Christopher James Dannevig machte sich ganz offenbar die Tierliebe Nonas zu nutze. Er schickte ihr eine Freundschaftsanfrage und bot ihr daraufhin einen Job bei der Tierschutzorganisation WIRES an. Für die Studentin der Tierwissenschaften klang es zu schön, um wahr zu sein. Dannevig schlug ihr vor, bei einem Campingausflug nach verletzten Tieren Ausschau zu halten. Nona Belomesoff ließ sich darauf ein. Ihre Leiche wurde kurz darauf in einem nahe gelegenen Waldstück gefunden. Der Prozess dauert noch an.
Netzwerke sind nicht per se unsicher
Die genannten Fälle sind nur die Spitze eines Eisbergs. Ashleigh Hall, Clare Wood, Sarah Elston, Albert und Janet Mitchell, James Porter, Geoffrey Bennun, Megan Meier, Sarah Richardson – nur ein paar Namen von Opfern, die in den vergangenen Jahren aufgrund von Aktivitäten in sozialen Netzwerken umgebracht worden sind. Experten schätzen, dass die Dunkelziffer noch viel höher liegt. Nicht jeder Täter prahlt schließlich online mit seinen Taten. Und auch nicht jeder Täter wird gefasst. Das heißt aber nicht, dass soziale Netzwerke per se unsicher sind. Im Gegenteil: Mit einer gewissen Portion gesundem Menschenverstand und den richtigen Privatsphäre-Einstellungen kann man Vorsorge betreiben. Dennoch gilt: Absolute Sicherheit gibt es – wie im wahren Leben – nicht.
Im Zweifel die Behörden einschalten
Gerade um sexuellen Missbrauch von Minderjährigen zu verhindern, haben Datenschützer seit langem einen sogenannten Panikknopf gefordert, den User betätigen können, wenn sie sich von einer fremden Person belästigt fühlen. Viele soziale Netzwerke, darunter auch Branchen-Gigant Facebook, haben ihn schließlich eingeführt. Aber genauso wenig, wie sich die Straftaten weltweit auf bestimmte Regionen eingrenzen lassen, gibt es einheitliche Vorschläge, wie man User besser schützen kann. Britische Politiker denken darüber nach, ehemalige Straftäter online besser zu überwachen. US-Behörden wollen ihnen den Internetzugang ganz sperren lassen. Australische Polizisten hingegen gaben Usern eine einfache, aber dennoch sehr wichtige Regel an die Hand: „Auch im Internet treiben sich Kriminelle herum. Man sollte nicht immer davon ausgehen, dass alle Profile im Netz echt sind. Bei Zweifeln sollte man lieber seinem gesunden Menschenverstand trauen und gegebenenfalls die Behörden einschalten.“


