Talk an der Wirklichkeit vorbei

Seit Wochen geistert ein neues Leitthema durch die Talkshows dieses Landes: „Bürger gegen Politiker“. Die Rede ist vielfach von einem neuen Protestbewusstsein, das sich in der Sarrazin-Debatte und bei dem Widerstand gegen „Stuttgart 21“ entlade. Am Mittwochabend griff der Polittalk „hart aber fair“ dieses Thema erneut auf und stellte die Frage: „Wie viel Aufstand verträgt die Demokratie?“
  • flickr.com / WeiterWinkel

 

Die Gesprächsrunde von Frank Plasberg zählt zu jenen in Deutschland, die noch am klarsten und deutlichsten debattieren lässt. Während bei Maischberger und Beckmann mehr das Menschliche, Allzumenschliche des aktuellen Geschehens im Mittelpunkt steht, stellt Plasberg dem ersten Eindruck nach die brisanten Fragen. In der letzten Sendung ging es deshalb um „Stuttgart 21“. Cem Özdemir, der Parteichef der Grünen, Baden-Württembergs Umweltministerin Tanja Gönner (CDU), der FDP-Mann Patrick Döring sowie der Journalist Michael Spreng und der Schauspieler Hannes Jaenicke durften sich duellieren.

Wo sind denn die Bürger bei den Debatten?

Vollmundig verspricht ein Werbeslogan von „hart aber fair“, die Politik mit der Wirklichkeit zu konfrontieren. Geschieht das? Allein die Zusammensetzung der Diskussionsrunde offenbart, dass hier die etablierte Politklasse ein weiteres Forum zur Darstellung ihrer Thesen bekommt. Von Konfrontation mit dem Bürger und der „Wirklichkeit“ dagegen keine Spur.

Und so verläuft dann auch der Talk in geordneten Bahnen: Özdemir will aus „Stuttgart 21“ aussteigen und rechnet vor, wie viel das zum jetzigen Zeitpunkt kosten würde. Für den Zuschauer sind diese Rechenspiele sowieso nicht nachvollziehbar, weshalb mathematische Tricks heute zu den bevorzugten rhetorischen Tricks zählen. Gönner, Döring und Spreng halten dagegen, verrenken sich jedoch argumentativ dabei, um den Bürger vor dem Fernsehen so gut wie möglich zu gefallen. Sie wissen, dass sie Volkes Meinung nicht auf ihrer Seite haben.

Alibi-Interaktion – Ein paar Telefonate und Kommentare per E-Mail

Zum Ende der Sendung werden die Ansichten „einfacher Leute“ dann randständig erwähnt, indem über Telefonate mit Zuschauern und E-Mails von ihnen kurz gesprochen wird. Aber eine wirklich entscheidende Rolle spielt der Bürger nicht, obwohl es ja genau um ihn gehen sollte. Das Fernsehen verstärkt damit die Kluft zwischen Bürger und Politik nur noch weiter. Wirklich innovativ wäre es, drei Bürger mit ihren ungehobelten Sätzen gegen drei etablierte Politiker antreten zu lassen und einen wirklichen Dialog zu gestalten. So aber bleibt alles Show, in der die Wirklichkeit kaum zur Geltung kommt.

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