Castingshows: Talente spielen keine Rolle
Von Deutschland sucht den Superstar bis Popstars: Fast ununterbrochen flimmern die Castingshows und ihre dazugehörigen Magazine und Hintergundberichte über die Mattscheibe. Um Musik geht es dabei kaum noch. Doch inszenierte Seifenopern mit Skandälchen, Liebes-Dramen und Beschimpfungen der Kandidaten steigern die Quote. Die Talente einiger Kandidaten hingegen bleiben dabei auf der Strecke.
Es ist Samstag, 20.15, Millionen meiner Mitbürger machen es sich mit Chips, Zigaretten, Bier und Cola auf dem heimischen Sofa bequem. Es ist also mal wieder soweit: Deutschland sucht den Superstar geht in die nächste Runde. Ich frage mich: Die wievielte Staffel ist das mittlerweile eigentlich? – Und zappe entnervt weg.
Dabei habe ich, erinnerungsbedingt, eigentlich gar keine schlechte Meinung über Castingshows gehabt. Die erste im Fernsehen gecastete Band hat es jedenfalls direkt zu meiner Lieblingsband geschafft. Es waren die No Angels, im Jahre 2000, ich war neun Jahre alt. Zugegeben, ich kann mich nicht mehr genau an die Sendungen im TV erinnern, aber dennoch, die Musik hat mich damals begeistert.
Dieter Bohlen – der Schrecken der Kandidaten
Wenn ich heute allerdings den Fernseher anschalte und eine dieser mittlerweile in der Beliebigkeit umherdümpelnden Sendungen auf einem der privaten Sender erwische, kann ich nicht umhin, mich ein wenig zu ekeln. Auf der Bühne stehen junge Menschen, die von sich und ihrem Können überzeugt sind. Sie singen ihr Lied, ernten Applaus und dann kommt unter Umständen ein Satz wie dieser hier: „Es klingt so, als hätte man irgendwo bei euch in der Familie einen Seehund eingekreuzt. “ Dieter Bohlen, der Schrecken eines jeden Kandidaten, hat die Peitsche ausgepackt. Wieder einmal.
Der Ex-Knacki und die Blondine: Vorgefertigte Rollen statt Können
Nicht, dass man sich – auch als Teilnehmer einer solchen Show – eine derartige Reaktion nicht vorstellen kann. Bohlen hat es ja schon oft genug bewiesen, und die Zuschauer fiebern seinen Gemeinheiten entgegen. Dennoch, manchmal ist es einfach zu viel für die oft zart besaiteten Kandidaten. Wenn ihr Gesangstalent nicht ausreicht, versuchen sie eben, mit anderen „Qualitäten“ zu glänzen. Es wird gestritten, gezickt, geheult was das Zeug hält.
Denn um nicht von den beinharten Jurymitgliedern und Gesangsexperten vor den Fernsehgeräten hinausgewählt zu werden, muss man vor allem eines bieten: Eine gute Show. Und diese besteht schon lange nicht mehr aus schön gesungenen Liedern und guten Tanzeinlagen – also einer gelungenen Gesamtperformance. Heute hat es den Anschein, die Kandidaten müssten vor allem ihre „Rolle“ perfekt spielen: Einer ist der mit der schlimmen Vergangenheit, der Ex-Knacki, der einen Neustart wagen will, dann gibt es die „süße Blondine“, die Zicke, das Nesthäkchen, den Ausgeflippten... Lange Rede, kurzer Sinn: Man könnte es, wie es Welt Online sehr treffend formulierte, auch direkt in GZSZ umbenennen.
Die Träume der Teilnehmer werden missbraucht
Tränenreiche Abschiede, hinausgeworfene Kandidaten, die plötzlich doch noch eine Chance bekommen, Stutenbissigkeit und vermeintliche Lovestorys. All das bietet das moderne Casting-Entertainment heute. Was mit den Hoffnungen und Träumen der zu Schauspielern umgewandelten Kandidaten wird, interessiert die Branche nicht. Denn am Ende zählt nicht das Talent, sondern die perfekte Inszenierung, die für gute Quoten sorgt. So schafft es inzwischenauch keiner der Casting-Sieger mehr wirklich, sich im Musikbusiness zu etablieren: „LaVive“, die Gewinnerband der letzten Popstars-Staffel, löste sich bereits drei Monate nach der Castingshow wieder auf. Außer den No Angels existiert keine der Bands aus der Show mehr. und Bei den anderen Casting-Formaten sieht es nicht viel anders aus.
Es wäre wünschenswert, wenn echte Talente – die es selbstverständlich auch in solchen Sendungen zu bestaunen gibt – diese Maschinerie rechtzeitig durchschauen und auf anderem Weg versuchen, etwas aus ihrer Begabung zu machen. Denn mit Sätzen wie „Am Lebensende stehen bei dir drei Millionen ‚Neins’, da kannst du auf die drei ‚Neins’ von uns doch scheißen“ muss sich nicht mal der schlechteste und unbegabteste Sänger öffentlich im Abendprogramm beleidigen lassen.
Herr Bohlen, Heidi Klum, Detlef D! Soost und Co.: Ihr habt es nicht in meinen Recall geschafft.


