Surfen bis der Arzt kommt?

Die aktuellsten Nachrichten, die neuesten Videos, das frischste Gerücht – all das erfahren wir heutzutage über das Internet. Wir schreiben Mails, wir bessern unser Allgemeinwissen in Wikipedia auf oder unterhalten uns in Internetcommunities mit unseren Freunden. Das Internet feiert weltweit seinen Siegeszug und verbreitet sich immer weiter durch alle Gesellschaftsschichten. Doch bergen das Internet, sein Stellenwert und die zunehmende Abhängigkeit von ihm nicht auch Gefahren?
  • Foto: Flickr/respres

 

Viele Deutschen können sich ein Leben ohne Internet nicht mehr vorstellen – das meldete eine Erhebung vom Bitkom im vergangenen Monat. Was noch in den 90er Jahren eine absolute Innovation darstellte, hat sich heute auf der ganzen Welt durchgesetzt und ist zur Normalität geworden. Längst betrifft das Internet, einst zu militärischen Zwecken und zur Vernetzung von Universitäten entwickelt, die unterschiedlichsten Bereiche des alltäglichen Lebens. Das Internet gilt als technische Revolution, als die größte Veränderung des Informationswesens seit der Erfindung des Buchdrucks.

Die Deutschen sprechen von einer „Verbesserung ihrer Lebensqualität“

Auch bei den Deutschen – bei denen das Internet bestens verankert zu sein scheint: Neun von zehn Befragten verdanken dem Internet der Studie zufolge eine „Verbesserung ihrer Lebensqualität“. Noch mehr, nämlich 96 Prozent, sprechen von einem Zugewinn an nützlichen Informationen durch das Internet. Immerhin 63 Prozent konnten ihre Allgemeinbildung online aufbessern. Positiv hervor hoben fast neunzig Prozent der Befragten die durch das Internet ermöglichte Flexibilität. Mehr als die Hälfte der Internetnutzer hat schon online Freundschaften geknüpft oder aufgefrischt und bei Online-Einkäufen Geld gespart.

Wenn das Internet den Sport ersetzt

Doch das Internet bringt nicht nur Vorteile mit sich, sondern ist auch mit einigen Nachteilen verbunden, die nicht zuletzt gesundheitlicher Natur sind. Eine von der Techniker Krankenkasse (TK) in Auftrag gegebene Forsa-Umfrage deckte auf, dass die sportliche Betätigung schon bei Kindern unter zu hohem Internetkonsum leidet. Demnach nutzen schon vier von zehn Grundschülern das Internet täglich eine halbe Stunde, jedes fünfte Kind zwischen 6 und 18 Jahren verbringt mehr als eine Stunde im Internet. Dabei sei ein starker Jungenüberhang zu verzeichnen; der Anteil der Jungen bei den Dauersurfern liegt fast doppelt so hoch wie bei jener der Mädchen. Die Technische Krankenkasse bemängelt zudem im Zusammenhang mit dem Internet, dass sich bereits jedes zehnte Kind gar nicht mehr sportlich betätigt.

Das Internet kann auch zur Suchtkrankheit

 Dass das Internet einen hohen Stellenwert im Leben einnimmt, hat sich in großen Teilen der Gesellschaft etabliert. Dieser Stellenwert kann aber in wenigen Fällen auch ins Extreme abdriften – wenn sich der Betroffene in eine ernstzunehmende Abhängigkeit des Internets begibt. Hierbei ist oft von einer so genannten „Internetsucht“ die Rede, eine offiziell anerkannte Definition davon gibt es allerdings noch nicht. Häufig geht das Problem eng einher mit Internetpornographie oder Computerspielen.

Obwohl von den deutschen Krankenkassen bisher nicht als psychiatrische Diagnose im klassischen Sinne anerkannt, beschäftigt die Internetsucht immer mehr Psychologen. Rund eine Million Deutsche gelten laut Caritas bereits als internetsüchtig, bei etwa 3 bis 4 Prozent der rund 32 Millionen deutschen Internetnutzer sei der Gebrauch zumindest problematisch.. Ein Grund, warum sich immer mehr Selbsthilfegruppen und psychologische Angebote explizit an „pathologische Internetnutzer“ wenden.

Die Symptome erinnern an typische Suchterkrankungen

Der österreichische Psychiater Dr. Hans Zimmerl hat sich in einer Studie intensiv mit dem Problem der Internetsucht beschäftigt. Dabei diagnostizierte er bei Internetsüchtigen ähnliche Symptome wie bei üblichen Suchtkranken: Zwänge und Entzugserscheinungen, Schuldgefühle und Verheimlichungsversuche kennzeichnen das Extremstadium von Internetabhängigkeit. Die Kranken neigen zu sozialen Auffälligkeiten, ihre Leistungen lassen nach und ein Internet-Entzug führt zu massiven psychischen Irritationen.

Auch Caritas-Psychologe Andreas Koch ist mit der Problematik vertraut: „In Extremfällen ist kalter Entzug der einzige Weg, um die Süchtigen aus ihrer Scheinwelt ins reale Leben zurückzuholen.“ Nach drei bis vier Wochen ohne Internet seien die Leute wieder klar im Kopf und fragten sich, was eigentlich in ihrem Leben falsch laufe. Denn häufig dient die Internetsucht, wie die meisten Suchtkrankheiten, in erster Linie der Verdrängung anderer Probleme und der Flucht aus dem realen Leben.

Die Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover hat 23 Internet-Süchtige genauer unter die Lupe genommen. Bei 80 Prozent der Suchtkranken lagen Depressionen und Persönlichkeitsstörungen vor, die schon vor der Internetabhängigkeit bestanden.

Von asiatischen Zuständen sind wir noch weit entfernt

Doch während in Deutschland besonders extreme Ausartungen von Internetabhängigkeit noch eher Einzelfälle darstellen, ist man im fernen Asien schon weiter. Im August 2005 erschütterte der Tod eines Südkoreaners die ganze Welt: Nach zwei Tagen quasi ununterbrochenen Computerspielens war der 28-Jährige damals an Herzversagen gestorben. Kurz zuvor hatte er seinen Job aufgegeben, um mehr Zeit zum Spielen zu haben. Was nach einem schockierenden Einzelschicksal aussieht, schlägt im Osten Asiens allerdings immer höhere Wellen. Laut chinesischen Medienberichten sind im Land der Mitte bereits 24 Millionen junge Menschen vom Internet abhängig, mit steigender Tendenz: Im ganzen Land schießen Entzugcamps und Kliniken aus dem Boden, die sich spezifisch mit dem Problem von krankhafter Internetsucht beschäftigen. Jährlich werden tausende chinesische Kinder und Jugendliche in diese Camps eingewiesen.

Doch auch wenn wir in Deutschland von solchen Zuständen zum Glück noch weit entfernt sind: Es sieht ganz so aus, als lägen in den unendlichen Möglichkeiten des World Wide Webs nicht nur Chancen, sondern auch Gefahren verborgen.

Hier geht's zu Dr. Zimmerls Studie zur Internetsucht.

Soziale Netzwerke:

Willkommen! idealisten.net – Das Netzwerk zum Mitmachen!

Deine Beiträge - ob Text, Bild oder Video - sind gefragt! Registriere dich mit Benutzername, E-Mail und Passwort und schon kannst du mitmachen.

 
 
 
 


Du musst eingeloggt sein, um einen Beitrag kommentieren zu können.