Studium: Das Streben nach Perfektion

Keine Freizeit, kein Ausgleich, keine Ruhe: Immer mehr Studenten sind ausgebrannt und fühlen sich den Leistungsanforderungen nicht mehr gewachsen. Studieren kann zu einem Marathon werden, der bei so manchem mit einer ärztlichen Notversorgung endet.
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Der tägliche Bewegungsradius beschränkt sich auf einen Meter. Dieser Meter ist gefüllt mit Laptop, Textmarkern, Klebezetteln und Büchern. Irgendwo dazwischen befinde ich mich. Die Anzahl der Literatur, die mein Ausleihkonto der Uni-Bibliothek anzeigt, übersteigt das Unermessliche. Mein Kalender lässt warnend erahnen, dass die nächste Prüfung näher rückt, und auch die Bücherstapel auf und um meinen Arbeitsplatz signalisieren mir fragend: „Wie willst Du das in dieser Zeit noch alles in Deinen Kopf bekommen?“ Der Zeitplan zum Lernen steht schon lange, und ich liege gut in der Zeit – eigentlich. Denn man kann nie genug lernen, sage ich mir. Für das kleinste Detail will ich gewappnet, auf jede Frage vorbereitet sein. Immerhin würde ich gerne mit einer 1 aus den Prüfungen gehen. Wer geht heute noch mit einer 2 aus der Prüfung?

Leistungsdruck und Burn-Out

Immer mehr Studenten werden von solchen Gedanken geplagt. Befeuert werden sie meist unbewusst von ihren Kommilitonen, Freunden, der eigenen Familie und Professoren: „Sie haben hier eine 2+ gemacht, dann müssen Sie eben bei der nächsten Prüfung richtig ran“.

Dass der Leistungsdruck an den Universitäten immer weiter steigt, zeigt der erhöhte Bedarf an psychotherapeutischen Behandlungen der Studenten. Sie sind erschöpft, kraftlos und matt. Verstärkt wird dieses Gefühl durch Antriebslosigkeit, Konzentrationsstörungen und Weinkrämpfen, die die jungen Menschen immer wieder einholen. Das Burn-Out-Syndrom habe die Hochschulen erreicht, heißt es in einem Artikel auf Spiegel Online.

„Nur die Besten haben Chancen“

Doch nicht nur der Leistungsdruck macht es den Studenten schwer. Oft verursacht auch der hohe Selbstanspruch zusätzlichen Stress; Studieren als ständiges Streben nach Perfektion. Ich will die Beste sein. Erst eine 1 in der Prüfung verschafft mir Zufriedenheit. Fehler darf ich mir also nicht erlauben. Denn schon in der Grundschule lerne ich: Nur die Besten kommen weiter.

Das Gefühl, nie genug getan zu haben

Mit der Zeit verschieben sich die Prioritäten, so dass die Pausen zwischen den Lerneinheiten immer kürzer werden und elf Stunden intensives Lernen am Tag kaum mehr unnormal wirken. Das Gefühl, genug getan zu haben, stellt sich aber auch nicht ein, wenn wieder einmal ein Lerntag vorüber ist. Abends im Bett schleichen sich dann die Gedanken an, die vom körperlich benötigten Schlaf abhalten: „Ich müsste mich mal wieder um meine Freunde kümmern. Aber nein, Lernen ist jetzt definitiv wichtiger“, „Ich habe keine Kraft mehr zum Leben“ oder „Ich kann nicht mehr, ich schaffe alles nicht mehr“.

Das Privatleben kommt ins Schleudern. Was mit einem kleinen Abstrich beginnt, weitet sich rasch aus: Verzicht auf eine Stunde Sport am Tag, Verzicht auf erholsame Treffen mit Bekannten, Verzicht auf überflüssige Veranstaltungen, vielleicht sogar der Verzicht auf den Gottesdienst. Hauptsache es wird Zeit eingespart und ins Lernen investiert.

Medikamente gegen den Feind im Kopf

Therapeuten kommen fast einstimmig zu dem Ergebnis: Das Problem hat sich verschärft, immer mehr Studenten sind ausgebrannt. Wie es in einer Studie der Techniker Krankenkasse heißt, sagt jeder siebte Student von sich, unter depressiven Stimmungen oder sogar Depressionen zu leiden. Zeitstress, Hektik und Druck etablieren sich als Feind im Kopf, im Körper und letzten Endes auch in der Seele. Um diesen Gegner zu bekämpfen, greifen immer mehr Studenten zu Medikamenten. Das Ergebnis wirkt erschreckend: Studierende im Alter von 25 Jahren bekommen mehr Psychopharmaka verschrieben als gleichaltrige Angestellte.

Professionelle Hilfe holen sich die meisten Betroffenen zu spät. Ursache dafür kann ein Schamgefühl sein und die Angst davor, sich Schwäche einzugestehen. Bei Jura- und Lehramtsstudenten kann durch eine therapeutische Behandlung sogar die angestrebte Verbeamtung gefährdet werden. Daher bieten manche Ambulanzen inzwischen sogar schon Behandlungen ohne Krankenschein ein. Denn das Wissen um eine Minderung der beruflichen Chancen auf Grund einer ärztlichen Betreuung verursacht nur noch mehr Druck.

Pausen und Gottvertrauen helfen

Wichtig ist dennoch, sich die Zeit mit genügend Pausen einzuteilen und dort ganz bewusst das Lernen hinter sich zu lassen. Das Wissen muss man sacken lassen, um anschließend Gebrauch davon machen zu können. Pausen sind wichtig, um Kraft zu tanken und wieder „unverbraucht“ in die nächste Lerneinheit überzugehen. Gerade in solchen Situation ist es gut, wenn man auf Gott vertraut. Mit dem Lernen sichern wir uns ab, mit intensivem Lernen sogar zu mehr als 100 Prozent. Den Rest muss man einfach Gott machen lassen.

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