Stressbewältigung: Einstellung zählt!

Es ist ein überraschendes Phänomen: Obwohl wir über mehr Freizeit verfügen als alle Generationen zuvor, sind streßbedingte Erkrankungen auf dem Vormarsch. Neuere Untersuchungen zeigen: Der für den Menschen schädliche Stress hängt nicht in erster Linie von der Zahl der Arbeitsstunden oder der Last der zu tragenden Verantwortung ab. Entscheidend ist, wie wir miteinander umgehen und welchen Sinn wir in der Arbeit sehen. Der Psychotherapeut Ulrich Giesekus (Freudenstadt) erläutert, wie man stressbedingte Störungen verhindern kann und welche Bedeutung dem christlichen Glauben dabei zukommt.
  • Foto: Pixelio/S. Hofschlaeger

 

Krankenkassen und Berufsgenossenschaften berichten laut  „ärztezeitung-online“, dass für die Entstehung stressbedingter Störungen die beruflichen Rahmenbedingungen viel entscheidender sind als die eigentliche Arbeitslast. Der erstaunliche Befund: Berufsgruppen mit den häufigsten stressbedingten Erkrankungen (z.B. psychosomatische Beschwerden, Nervosität, Erschöpfungszustände) sind nicht die mit den längsten Arbeitszeiten oder drückender Verantwortung. Nicht eine 50- bis 60-Stunden-Woche würde also den meisten Stress machen! Betroffen sind stattdessen Pförtner, Hausmeister, Reinigungskräfte, Köche und Altenpfleger. Also die, die nach der allgemeinen Vorstellung viel „Drecksarbeit“ machen und wenig Dank bekommen.

Wer dagegen die eigene Arbeit selbständig und verantwortungsvoll planen kann und gute Beziehungen zu Vorgesetzten und Kollegen hat, leidet nur sehr selten unter stressbedingten Störungen. Das bedeutet: Der subjektive Eindruck „Ich stehe voll im Stress“ und das tatsächliche Schadenspotential stimmen nicht immer überein. Äußerst schädlich ist in jedem Fall das Gefühl, dass die eigene Arbeit minderwertig bzw. unbedeutend sei.

Warum arbeite ich hier überhaupt?

Stress als Krankheit vorzubeugen, bedeutet in erster Linie also, einen Bezug zwischen der Arbeit und dem eigenen Lebenssinn herzustellen. Ein Beispiel aus der Berufsgruppe mit den häufigsten stressbedingten Störungen: Ein Pförtner, sitzt seine Stunden ab und kontrolliert dabei mehr oder weniger stupide die Werksausweise, öffnet und schließt Tore. Er gibt Unbekannten Wegbeschreibungen zu Büros, in denen etwas passiert, wozu er keinerlei Beziehung hat. Von den anderen Mitarbeitern wird er respektlos als eine Art „menschliche Türöffnermaschine“ gesehen. Er füllt diese Tätigkeit nicht mit Sinn – und wird daher mit hoher Wahrscheinlichkeit unter seiner Arbeit leiden und an ihr krank werden. Wahrscheinlich ist seine Arbeit auch für das Unternehmen von eingeschränkter Qualität – weil er sie lieblos und mechanisch ausübt.

Die andere Perspektive

Was wäre, der Pförtner hingegen eine sinngefüllte Sichtweise seines Dienstes hätte? Wenn er sich beispielsweise als „Visitenkarte des Unternehmens“ wahrnehmen würde, denn er begegnet dem Besucher zuerst! Er könnte darauf verweisen, dass er einen wichtigen Beitrag zum Erfolg des Unternehmens leistet: Er schützt es an der Pforte vor Schaden und sichert damit Arbeitsplätze. Er trägt durch eine freundliche Begrüßung zur Motivation der Mitarbeiter bei. Er vermittelt den Besuchern das Gefühl, willkommen und wichtig zu sein. Er kennt jeden und kann damit eine wichtige Informationsquelle sein. Sich so wahrzunehmen, ist kein Psychotrick, sondern eine tiefere Sicht dessen, welche Bedeutung die Arbeit hat. Das Beste Im Idealfall vermittelt der Vorgesetzte dem Mitarbeiter – hier dem Pförtner – diese Sicht selbst. Ist dies nicht so, sollte er sich selbst diese Sichtweise aneignen.

Arbeiten – zur Ehre Gottes

Als Christ sollte der Pförtner seinen Arbeitsplatz zudem aus geistlicher Perspektive betrachten. Die christliche Einstellung zum Beruf lautet: „Mein Anliegen ist es, Gott zu ehren – mit dem ganzen Leben, also auch durch meine Arbeit.“ Wer sich an seine Stelle berufen weiß, kann auch mit Rückschlägen, Niederlagen und eigenem Versagen besser umgehen. Beruflicher Erfolg und Anerkennung sind natürlich erwünscht, aber für einen Christen nicht ausschlaggebend. Wenn die Sinnfrage gelöst ist, stellen sich nicht selten Freude an der Arbeit und Anerkennung als „Nebeneffekt“ ein.

Im zweiten Teil dieses Beitrags gibt Giesekus praktische Tipps.

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