Strenggläubige Oma allein unter Atheisten

So ein Thema hatten große deutsche Theater wohl noch nie: Im Drama „Heiden“ versucht eine orthodoxe Großmutter ihre atheistische Familie zu bekehren. Von der Premiere des Stückes der ukrainischen Dramatikerin Anna Jablonskaja im Nationaltheater Mannheim berichtet Karsten Huhn.
  • Fotos: Christian Kleiner

 

Großmutter Natalja, graues Haar, schwarzer Rock, streng, steif und orthodox, besucht ihre Sohn Oleg, dessen Frau Marina und Enkelin Kristina. Die Großmutter ist voller Glaubensstrenge und besorgt um das Seelenheil ihrer Familie. „Nicht fluchen, Töchterchen“, mahnt sie ihre Schwiegertochter. „Davon wird die Seele schwarz.“ Großmutter schlägt Kreuze, besprenkelt die Wohnung mit Weihwasser, betet zur Mutter Gottes und stellt Fragen wie: „Glaubst Du an den Erlöser?“

Aber die Familie mag nicht an den Erlöser glauben. Die Ehe zwischen Oleg und Marina kriselt. Oleg ist ein erfolgloser Musiker, Marina näht Vorhänge und finanziert mit dem Makeln von Plattenbauwohnungen das Studium von Tochter Kristina. Die fühlt sich ungeliebt und sucht heimlich Trost bei afrikanischen Naturreligionen. Zur Uni geht sie längst nicht mehr. Stattdessen säuft sie und schläft mit Jungs, die sie gerade erst kennengelernt hat. Währenddessen faltet die Oma die Hände, betet und versucht, mit martialischen Missionsmethoden die Familie zum Heiland zu bekehren.

„Oma, Taufe ist was für Kinder“

Doch davon kommt bei Sohn, Schwiegertochter und den Enkeln nichts an. Bei ihnen herrscht Stress, Chaos, noch mehr Stress, eine Symphonie des Schreiens, Fluchens, Türenknallens. Die Oma erzählt, wie Gott sie einst vom Schnupfen geheilt hat. Kristina antwortet: „Weißt Du Oma, wir haben Wodka getrunken und der Schnupfen war sofort weg.“ Die Oma schlägt mal wieder vor, sich doch endlich taufen zu lassen. „Oma, Taufe ist was für kleine Kinder, die sich nicht wehren können“, sagt Kristina.

Geschrieben hat das Stück mit den bissigen Dialogen die 29-Jährige ukrainische Dramatikerin Anna Jablonskaja. 2011 kam sie als zufällige Passantin bei einem Terroranschlag am Flughafen Moskau ums Leben. „Heiden“ war ihr letztes Stück. Jablonskaja war Autorin einer orientierungslosen Generation, noch aufgewachsen in der russisch-orthodoxen Kirche, himmelssehnsüchtig, ohne selbst an Gott zu glauben. Zuletzt fühlte sie sich dem Philosophen Friedrich Nietzsche („Gott ist tot“) verbunden.

„Christus brauchen wir nicht mehr“

„Eine Welt, in der wir sind, macht keinen Unterschied zu einer Welt, in der wir nicht sind“, heißt es in „Heiden“ und: „Jesus Christus brauchen wir nicht mehr.“ Es ist ein Stück von großer Traurigkeit und Melancholie. Mutter Marina schlägt ihre Tochter, als sie erfährt, dass die längst von der Uni geflogen ist. Dem Vater dient die Duschkabine als Fluchtzelle vor den Hysterieattacken seiner Frau. Die wunderliche, ikonengläubige Großmutter empfiehlt Buße und Gebet und schimpft ihre Enkelin eine Hure. Dabei kennt Kristina die Bibel, zitiert aus der Bergpredigt, spricht von Liebe, Bescheidenheit und Weisheit. Eine irre Story mit stimmigen Bühnenbildern und kuriosen Wendungen: Oleg und Marina versuchen es probeweise mal mit dem Glauben und machen auf fromm. Kristina rasiert sich erst den Schädel und springt dann vom Balkon. Eine Ärztin macht wenig Hoffnung und empfiehlt „als zusätzliche Option: beten“. Ein Priester soll am Sterbebett die letzte Ölung spenden. „Christus hat sie in seine Arme genommen“, säuselt die Oma.

Nach dem Tod die Auferstehung

Dann eine weitere Wende: Das Stück spielt schließlich zur Osterzeit, und auf den Tod folgt nun mal die Auferstehung. Kristina überlebt den Sturz, die Ärzte sagen, es sei ein Wunder. Die Oma hingegen stirbt. Zuvor legte sie eine Lebensbeichte ab: Einst habe sie abgetrieben. Auch Vater, Mutter und Kind halten ihre Schlussmonologe: „Der Mensch ist nie bereit, weder für das Glück, noch für den Tod“, sagt die Mutter. Manchmal gehe er zur Kirche und zünde eine Kerze an, gesteht der Vater. Sein letzter Satz lautet: „Und von Gott weiß ich gar nichts.“ Doch die schauspielerisch durchgängig überzeugende Aufführung von „Heiden“ zeigt das Gegenteil: Ein Stück voller biblischer Bezüge. Es ruft Gott in Erinnerung, auch wenn es ihn nicht bejaht.

Weitere Vorstellungen am 4., 14. und 31. Oktober im Nationaltheater Mannheim.

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