Stärker als meine Krankheit …
Singen ist seine Leidenschaft. Wenn der 20-jährige Nicolas von Krosigk mit seinem Gospelchor auftritt, ist das für ihn eine besondere Herausforderung. Denn Nico weiß nie, wie sich sein Körper verhalten wird. Der Braunschweiger leidet an einer ungeklärten Muskelerkrankung. Hier erzählt er, wie er trotz seiner fortschreitenden Krankheit die Hoffnung nicht verliert.
Vor kurzem habe ich mit dem Gospelchor der baptistischen Friedenskirche in Braunschweig eine Chorfahrt nach Portugal gemacht. Wir haben mit unseren Konzerten in Gemeinden, in Kinos und einer Stierkampfarena versucht, den Menschen durch unsere Lieder Gottes Liebe näherzubringen.
Für mich ist es eine besondere Freude, aber auch Herausforderung, in diesem Chor zu singen. Wenn ich zu einem Solo nach vorn gehe, weiß ich nicht genau, wie mein Körper reagiert. Meine Mitsänger müssen mir dann helfen, dass ich sicher auf den Barhocker komme. Seit meiner Kindheit habe ich eine ungeklärte neurologische Erkrankung, die immer weiter fortschreitet. Die Auswirkungen sind der Abbau meiner Muskulatur und eine schlechte Nervenversorgung. Dazu hat sich ein Tremor entwickelt, durch den mein Kopf unkontrollierbar zittert. Das nimmt unter Stress deutlich zu. Am einfachsten wäre es für mich zu sagen, dass ich das nicht mehr schaffe. Aber das Singen ist mir viel zu wichtig. Außerdem würde ich eine Möglichkeit verpassen, meinen Glauben mit anderen Menschen zu teilen. Deshalb setze ich all mein Vertrauen in dieser Situation auf Gott.
Kein Arzt kann mir helfen
Von klein auf war ich mit meiner Mutter bei unzähligen Ärzten. Keiner konnte meine Krankheit wirklich diagnostizieren. Sie schlugen immer wieder Medikamente vor, die ich ausprobieren sollte. Doch diese Medikamente haben mir mehr Schwierigkeiten gebracht als geholfen. Je älter ich werde, desto geringer wird mein Interesse an einer Diagnose, weil mir doch kein Arzt helfen kann. Seit ungefähr vier Jahren sitze ich im Rollstuhl. Es war ein großer Schritt, ehe ich mich dazu überwunden und meine Mutter mich überredet hatte, dass es für mich einfacher sei, so die alltäglichen Wege zu bewältigen. Es heißt, ein Mensch braucht insgesamt drei Jahre, ehe er sich komplett an den Rollstuhl gewöhnt hat und sein Schicksal bzw. die Situation so akzeptiert, wie sie ist. Gewöhnt habe ich mich inzwischen daran, aber ich werde noch einige Jahre dafür brauchen, mich mit mir und meiner Situation als Rollstuhlfahrer auseinanderzusetzen.
Der Rollstuhl war ein Traum
Zuerst hatte ich einen einfachen „Rentnerrollstuhl“. Es ist echt mühsam und total unbequem, sich mit so einem Ding fortzubewegen. Man wird geschoben und ist abhängig von der Hilfe anderer. In der elften Klasse bekam ich dann einen auf mich angepassten Rollstuhl – für mich ein Traum. Anfangs war es noch ungewohnt, sich so leichtgängig fortzubewegen. Inzwischen geht es nicht mehr ohne ihn. Endlich kann ich selbstständig Ausflüge in die Stadt unternehmen.
Oft kämpfe ich mit Gott
Ich merke, dass ich oft mit Gott kämpfe, weil ich erwarte, dass er mein Leben verändert. Mir fällt es schwer zu glauben, dass er etwas Gutes und Sinnvolles mit mir vorhat. Dann versuche ich, mein Leben selbst in den Griff zu kriegen, und denke, ich schaffe es auch ohne Gott. Doch immer wieder lande ich an dem Punkt, an dem ich ohne ihn nicht mehr weiterkomme und einfach in eine Sackgasse laufe. Mein Bild von Gott ist durch meine Lebenssituation oft negativ beeinflusst. Warum gerade ich? Oft sage ich mir, um mich zu motivieren: Bestimmt ist das Gottes Plan für mein Leben. Doch das stimmt nicht! Gott ist gnädig. Er möchte, dass es uns Menschen gutgeht. Er will uns ein erfülltes Leben schenken. Er will, dass wir uns auch in schweren Situationen auf ihn verlassen.
Gott hält mich in der Hand
Wenn ich einen Tiefpunkt in meinem Glauben habe und merke, dass mein Vertrauen zu Gott angegriffen ist, ziehe ich mich in mein Zimmer zurück und höre Lobpreismusik. Das beruhigt mich und bringt mich wieder auf die Spur meiner Glaubensüberzeugungen.
Gott hat versprochen, dass er zu jedem Menschen eine persönliche Beziehung hat, und das erfahre ich auch. Zum Beispiel träume ich immer wieder kleine Sequenzen oder Ausblicke, die mir dann später genau so passieren. Das gibt mir die Gewissheit, dass er mein Leben in der Hand hält und mich begleitet.


