Spaniens moralischer Niedergang

Zuerst die Homo-Ehe, nun das liberalste Abtreibungsgesetz Europas: Unter der Regierung von José Zapatero werden im einst erzkatholischen Spanien radikale Gesellschaftsreformen in Gang gesetzt. Doch die zunehmende Liberalisierung der spanischen Gesellschaft hängt nicht nur mit dem Wahlsieg der Sozialisten zusammen. Vielmehr sind die Reformen der Gipfel einer moralischen Entartung, die schon seit Jahrzehnten andauert – bestes Beispiel dafür ist die in Spanien seit jeher florierende Massenprostitution.
  • Der Blick durch Schlüsselloch ist nicht mehr nötig: In Spanien ist der moalische Niedergang offensichtlich. Foto: Flickr /Francisco Javier Martin

 

„Spanien hat aufgehört, katholisch zu sein!“ – so lautete ein Schlachtruf der linksgerichteten Republikaner, die Spanien in den 30er Jahren von Kirche und Katholizismus befreien wollten. Der jahrzehntelang unerfüllte Wunsch der spanischen Linken scheint heute Realität geworden zu sein. Zwar bekennen sich offiziell immer noch gut drei Viertel der Spanier zum christlichen Glauben, 36 Prozent sogar als praktizierende Katholiken.

Der Hedonismus greift politisch um

Doch besonders seit 2004, als der Sozialist José Zapatero zum Regierungschef gewählt wurde, wütet in Spanien ein aggressiver Liberalismus, der so gar nicht zur katholischen Tradition des Landes passen will. Startschuss dieser Entwicklung war die Homo-Ehe: Während sogar in Deutschland nicht über eingetragene Lebenspartnerschaften für Homosexuelle hinaus diskutiert wird, legalisierten Spaniens Sozialisten im Juni 2005 die Homo-Ehe, das volle Kinderadoptionsrecht inbegriffen. Am 5. Juli 2010 brachte die sozialistische Parlamentsmehrheit nunmehr eines der liberalsten Abtreibungsgesetze der Welt auf den Weg. Durch dieses Gesetz sind Abtreibungen in Spanien bis zur 14. Woche komplett straffrei, bei behinderten Babys sogar bis zur 22. Schwangerschaftswoche. Zudem dürfen Mädchen ab 16 Jahren abtreiben, ohne ihre Eltern darüber zu informieren.

Die Wurzeln der moralischen Verflachung

Sowohl hinsichtlich der lockeren Abtreibungsregeln als auch der Gleichstellung von Homosexuellen gehen die neuen Gesetze der spanischen Regierung deutlich weiter als im restlichen Europa. Der spanische Hedonismus geht allerdings über die seit 2004 betriebenen Gesellschaftsreformen weit hinaus. Er äußert sich weniger über die Politik selbst, sondern ist zunehmend in der Gesellschaft verwurzelt. Die durch die Sozialisten vehement forcierte Liberalisierung der Gesellschaft ist nicht die Wurzel des Problems, sondern die Folge. Denn die moralische Abstumpfung vieler Spanier hat nicht mit der Parlamentswahl 2004 begonnen, sondern schon vor langer Zeit, nämlich ausgerechnet unter der stramm-katholischen Franco-Diktatur.

Schon bei Franco florierten Doppelmoral und Prostitution

Die während der Franco-Zeit teils überzogene, fanatische Indoktrination katholischer Wertvorstellungen hat in der spanischen Gesellschaft nicht die „Renaissance des Katholischen“ bewirkt, auf die sie abgezielt hatte. Im Gegenteil: Abgestoßen vom frömmlerischen Zeitgeist der Franco-Ära entwickelten sich weite Teile der Gesellschaft, insbesondere die Jugend, in die entgegen gesetzte Richtung. „Es platzten die Knöpfe am faschistisch-klerikalen Hosenschlitz auf“ beschreibt der Philosoph Fernando Savater zynisch die letzten Jahre der Diktatur. Immer mehr Spanier hatten die Nase voll, ihr Glaube driftete zusehends ins Oberflächliche ab: Die Religion wurde zur Folklore degradiert, mit deren Tarnung man der Unmoral Tor und Tür öffnete. Denn obwohl käuflicher Sex im franquistischen Spanien verboten war, verloren in den 50er Jahren rund zwei Drittel der spanischen Männer ihre Unschuld bei Prostituierten. Die Prostitution war Ausdruck der heimlichen Doppelmoral einer erzkatholischen Macho-Gesellschaft, der versteckte Lustmoloch abseits von Sonntagsgottesdienst und Marienanbetung.

Die Massenprostitution in Spanien...

Zwar verlieren heutzutage wohl kaum noch zwei Drittel aller spanischen Männer ihre Unschuld bei Prostituierten. Doch das schmutzige Gewerbe besteht fort, freizügiger und offensichtlicher als je zuvor. An jeder Landstraße sind die Leuchtreklamen von Bordellen zu sehen, selbst erzkonservative Tageszeitungen drucken die Anzeigen von Prostituierten ab. In Großstädten wie Barcelona ist die Sexualmoral in Bezug auf Prostitution derart entartet, dass Touristen die sexuellen Dienste der Prostituierten auf offener Straße entgegennehmen können: Zwischen Strand und Sehenswürdigkeiten, wo morgens die Markthändler ihre Stände errichten, tobt des Nachts die Prostitution: aggressiv und zügellos, unversteckt und in aller Öffentlichkeit. Bilder aus Barcelona, auf denen Prostituierte ihre Kunden auf offener Straße oral befriedigen, erschütterten im vergangenen Herbst ganz Spanien.

Mehr als 350.000 Huren soll es in Spanien geben, die meisten davon sind Immigrantinnen aus Osteuropa, Afrika oder Lateinamerika. Dem gegenüber steht eine männliche Bevölkerung von nur 20 Millionen Männern, wobei Kinder und Greise mit einberechnet sind. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl ist das doppelt soviel wie in Deutschland. „Unser Land ist zum Bordell Europas geworden“ beklagte sich die spanische Presse vor wenigen Jahren. Täglich erzielt das schmutzige Geschäft einen Umsatz von 50 Millionen Euro, bei einem Jahresgewinn von 18 Milliarden Euro.

...ist zur Normalität geworden

Die Prostitutionsproblematik ist Polizei und Politik bewusst, doch in Anbetracht fehlender Gesetze und Verbote kann der Staat die Prostitution nur geringfügig eindämmen. Zudem ist die Prostitution in weiten Teilen der Gesellschaft längst nicht mehr verpönt, sondern akzeptiert: „Ich hatte meinen ersten Sex mit 18 Jahren… und habe dafür bezahlt“ erzählte Miguel Ángel Revilla, der liberale Präsident der Autonomen Gemeinschaft Kantabrien unlängst vor der Presse, als sei dies etwas völlig Normales. Die traurige Wahrheit ist: In Spanien ist das tatsächlich etwas Normales geworden.

Die abscheuliche Doppelmoral der 50er Jahre hat sich nicht dahingehend verbessert, dass in Spanien eine weniger sündhafte gesellschaftliche Realität vorherrscht. Vielmehr werden die Sünden vergangener Tage nun offensiv zur Schau gestellt, kultiviert, geradezu gefeiert. Erscheinungen wie die hohen Abtreibungszahlen, staatlich finanzierte Masturbationswerbung in manchen Regionen oder der Prostitutionsboom sind die Trophäen dieses hedonistischen Triumphzuges. Spanien hat die Besinnung auf christlichere Moralvorstellungen bitter nötig – nicht nur Folklore und der Schein des Christlichen sind vonnöten: Sondern ein tief greifender Wandel in den Gemütern der Spanier. Denn dort liegt die Wurzel des Problems – egal ob unter einer klerikalen Diktatur oder einer sozialistischen Turbomodernisierung.

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1 Kommentar wurden bereits abgegeben

  • 1.  
    schrieb am 21.08.2010 00:53

    Diesen moralischen Niedergang Spaniens kann ich aus persönlicher Erfahrung ebenfalls bestätigen. Ich studierte kurze Zeit dort Internationale Soziale Arbeit. In Vorlesungen, wie ethische Grundsätze, konnte ich Einstellungen aus meiner deutschen und christlichen Moralvorstellung sehr schwer nachvollziehen.

    Beim Thema, Sex mit oder ohne Liebe, war unter etwa 150 Studierenden genau eine Person, die für Sex mit Liebe plädierte. Es sei normal, dass sich jeder das hole was in dem Moment brauche, auf Liebe zu warten, wäre überflüssig. Oder auch das Thema Alkohol unter Jugendliche. Es berührte recht wenig der gesundheitliche oder psychische Aspekt, mehr das Problem, der dadurch auftretenden Lautstärke in den Straßen.

    Die Entwicklung ist sehr erschreckend, wenn auch Sozialarbeiter/innen dort solche Einstellungen haben. Darum kann ich nur zustimmen, dass in Spanien definitiv christliche Moralvorstellungen wieder auf den Vorreiter gebracht werden müssen.

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