Später
Das Brot riecht gut. Es ist frisch, die Rinde knusprig. Sie deckt den Tisch, Gabel, Messer, ein Teller, das Brett und das Brotmesser, die Box mit Wurst und Käse, dann Butter. Mit den Zähnen reißt sie die Tüte auf, schüttet den Inhalt in die Salatschüssel, sieht noch einmal auf die Verpackung, „vor Verzehr bitte waschen“, sie zuckt die Schultern und gießt eine große Portion Joghurtdressing darüber. Die Mutter würde verrückt werden, gekauftes Brot, Discounterwurst, Discounterkäse, nicht mal den Salat selber gewaschen, von der Sauce ganz zu schweigen. Gerade deshalb hatte sie das immer gemocht, liebte den künstlichen Geschmack, den Reiz des Verbotenen.
Genussvoll gräbt sie mit den Händen den Salat um – unhygienisch – leckt die Finger erst ab, bevor sie sie wäscht. Dann die Schüssel auf den Tisch. Sie betrachtet ihr Werk – fertig – und setzt sich. Steht gleich wieder auf, nimmt das Brotmesser. Sie rutscht ab, die Rinde ist zu hart. Noch einmal setzt sie das Messer an. Sie hält das Brot gut fest, rutscht trotzdem ab, diesmal schlimmer, schneidet in das Fleisch des Zeigefingers. Nicht tief, aber es blutet. Sie legt das Messer weg, steckt den Finger in den Mund, schmeckt das Blut, fühlt die Ohrfeige, bevor sie kommt.
– Idiotin, rief der Vater. Er beobachtete gut, merkte Fehler sofort. Sie wendet das Gesicht ab, die Tränen soll er nicht sehen.
Sie geht ins Bad, schneidet ein Pflaster zurecht, klebt es auf die Wunde, geht wieder hinunter. Diesmal schneidet das Messer, sie legt die Scheibe auf den Teller, setzt sich. Die Butter ganz dick, ungesund, zu viel Cholesterin, lecker. Sie öffnet die Aufschnittbox, Gouda neben Kochschinken, sie zählt ab, tippt auf die Scheiben, einen Kinderreim, wie früher mit der Tochter, sie fühlt sich danach. Schinken.
Sie beißt ab, kaut kurz, dann der zweite Bissen, kauen, mit einem Schluck Wasser vom Mund in den Magen. Salat. Brot. Salat. Bis der Teller, die Schüssel leer ist. Sie hat aufgegessen, darf jetzt aufstehen. Gut erzogen. Und morgen gutes Wetter.
Das Geschirr spült sie gleich ab, nichts erledigt sich von selbst, ich weiß, Mama. Natürlich hat sie vergessen, den Aufschnitt vorher in den Kühlschrank zu stellen, nicht einmal den Deckel hatte sie auf die Box getan, jetzt muss sie die Fliegen wegscheuchen. In den Müll müsste man alles schmeißen, verseucht jetzt, mit Fliegeneiern, Fliegenlarven, sie spürt sie in ihrem Bauch schlüpfen. Sie trinkt ein Glas Wasser, stellt den Aufschnitt in den Kühlschrank. Die Butter auch, sie nimmt einen Joghurt, geht zur Couch, den Fernseher an. Tagesschau. Erdbeben, Tote, Verletzte.
– Schlimm, was in der Welt passiert, sagte der Vater. Er weiß Bescheid, er weiß alles und noch mehr. Mehr als sie jemals wissen wird, es ist egal, was sie tut, sie bleibt dumm dabei, dümmer als der Vater. Er sagte es ihr. Immer wieder. Sie glaubt es, natürlich, der Vater hat immer Recht.
Zum Schluss das Wetter, sonnig, endlich. Wie kurz die Viertelstunde immer ist und wie voll dennoch. Der Widerspruch fasziniert sie, sie bleibt noch etwas sitzen, starrt auf den Bildschirm. Der Vorspann beginnt, Namen, die keiner kennt, außer den Menschen selber, traurig. Die begleitende Musik, eine ZDF-Melodie, Rosamunde Pilcher, Herzschmerz, Liebe, Rosen. Man sieht es an den Darstellern. Sie nimmt die Fernbedienung, der Ton stirbt ab, von beiden Seiten zieht ein schwarzer Vorhang zu. Aus und zu Ende, sie steht auf. Die Fernbedienung liegt neben dem Sessel, dort kann er sie finden, sie faltet die Decke neu, die Ränder passgenau zusammen, rückt die Kissen zurecht. Blickt sich um, löscht alle Lichter, das Außenlicht an, alle Türen zu.
Sie beginnt den Aufstieg, die Treppe hoch, erst ins Schlafzimmer, kurz, die Fenster auf, dann ins Bad. Sie macht das Licht an, sieht sich im Spiegel, aus dem Augenwinkel, dann direkt, blickt sich in die starren blauen Augen, riesig. Sie löst die Frisur, die Haare fallen, bleiben buschig, sind die Freiheit noch nicht gewöhnt, fügsam.
Die Spangen auch ab, alles in die Schachtel, langsam, dann rückt sie diese gerade hin. Sie zieht die Hose aus, faltet sie, legt sie auf ihren Schemel. Der Pullover ist eng, sie zieht ihn über den Kopf, wiegt sich, schlängelt sich, zieht und zerrt. Dann hat sie es geschafft, sie riecht an den Ärmeln, geht zum Wäschekorb. Nimmt den Deckel ab und stopft den Pullover dazu, das T-Shirt hinterher, auch die Socken und das Höschen. Einen BH trägt sie nicht, braucht sie nicht. Sie nimmt die Bürste, fährt sich damit durchs Haar, stellt den Scheitel neu her. Dann erst schlüpft sie in das bereitliegende Nachthemd, zieht den Schlüpfer an. Die Füße werden kalt, sie wollte immer Fußbodenheizung, zu teuer.
Sie drückt Zahnpasta auf die Bürste, schrubbt kurz, beobachtet sich dabei. Sie muss spucken. Spült sich den Mund aus, stellt die Zahnbürste weg, reinigt das Becken. Am Ende das Licht aus, die Tür zu. Auch die Fenster im Schlafzimmer, es ist kalt, sie rollt sich unter der Bettdecke zusammen, die ist dick und flauschig, warm.
Nicht viel später hört sie ihn kommen, erst Schritte, dann den Schlüssel im Schloss. Sie presst die Augen zu, dreht sich noch einmal um. Unten stellt er die Tasche ab, geht in die Küche, die Kühlschranktür geht, sie quietscht, laut und verzweifelt. Er nimmt die Milch, trinkt aus dem Karton, sie weiß das. Der Kühlschrank steht offen dabei, erst beim Schließen quietscht es wieder. Sie verspannt sich, als sie die Schritte auf der Treppe hört. Die Tür geht auf, Licht fällt herein. Er zieht sich aus, alles auf einen Haufen, dann schließt er die Tür wieder, kommt ins Ehebett. Er beugt sich über sie, flüstert ihren Namen, sie hört ihn, riecht ihn, spürt ihn. Sie sagt nichts. Er legt sich auf seine Seite, zieht die Decke zu sich herüber, sie ist nur noch durch das dünne Nachthemd geschützt. Sie friert. Er fängt an zu schnarchen. Sie öffnet die Augen wieder, liegt wach auf dem Rücken.
Bis die Haustür geht. Sie erstarrt, wagt nicht zu atmen, hofft. Das Schnarchen hört auf. Unten ein leises Geräusch, als sie über die Tasche stolpert, er flucht, steht auf. Sie richtet sich ebenfalls auf, blickt zur Uhr. Zu spät. Sie bittet, er ist schon auf dem Weg nach unten. Schnell steht sie auf, huscht zur Tür, folgt ihm.
-Wo warst du, fragt der Vater. Sie blickt erschrocken auf, zieht die Schultern hoch, schützt sich. Er geht näher auf sie zu, mächtig, groß, erschreckend. Sie ist machtlos. Sie antwortet nicht, er erwartet keine Antwort, Sie bittet wieder, lautlos.
Es klatscht, laut und heftig, ihr Kopf wird fortgerissen. Sie beißt sich auf die Lippen, blickt ihn von unten an, die Augen eng, sagt noch immer nichts. Sie hat einen Schritt auf beide zugemacht, jetzt steht sie wieder starr, beobachtet still und stumm.
Sie muss nun hoch in ihr Zimmer, der Rest morgen, jetzt will er schlafen, seine Ruhe haben. Sie folgt ihm, wirft einen Blick zurück, sieht sie, sieht die Tochter, die stumme Wut, die Angst und die tiefe Verachtung. Sie kapituliert. Sie geht ins Bett, er fasst sie an, bitte, nicht jetzt, ich bin müde. Er dreht sich weg, mit ihm die Decke, sie liegt wieder allein, auf dem Rücken.
Sie hört die ersten Vögel, sie sieht es hell werden, steht auf. Der Frühstückstisch, Teller, Besteck, die Marmeladen, Honig. Zum Schluss die Tassen, dann den Ofen an, sie schneidet die Verpackung der Brötchen auf, piekst die Eier an, macht Kaffee. Der Ofen ist jetzt warm, sie legt die Brötchen auf den Rost, in ordentlichen Reihen, links die hellen, rechts Vollkorn. Jetzt der Kaffee, sie gießt eine Tasse voll, Milch hinein und die Tropfen. Langsam, bedacht, die Farbe bleibt unverändert. Gut. Sie stellt das Fläschchen wieder weg. Steigt die Treppe vorsichtig hoch, möchte nichts verschütten, drückt die Klinke hinunter. Er blinzelt, lächelt sie an.
- Danke, du denkst an alles, sagt ihr Mann. Sie lächelt auch, nickt, setzt sich zu ihm. Dann muss sie zu den Brötchen. Sie füllt eine zweite Tasse mit Kaffee, wieder die Treppe hoch, ins andere Zimmer. Sie stellt den Kaffee ab, öffnet die Vorhänge, Licht strömt ein, jetzt ist alles hell, alles gut. Sie lächelt, sieht das verschlafene Gesicht der Tochter und weiß, dass alles besser wird. Heute. Sie hat sie befreit.
Die Evangelische Nachrichtenagentur idea hat zusammen mit dem Verband Evangelischer Bekenntnisschulen erstmals einen Schülerschreibwettbewerb veranstaltet. Die Themen waren „Vergebung“ (Klassen 8-10) und „Familie“ (Klassen 11-13). Die besten Beiträge des Wettbewerbs veröffentlicht idealisten.net in den nächsten Wochen. Jana Perleth aus Rostock (12. Klasse) hat mit „Später“ den 2. Platz beim Thema „Famiile“ belegt.
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