Soziales Fernsehen – ach, wirklich?
Seit einigen Jahren gibt sich das Fernsehen betont sozial – insbesondere der Familiensender RTL. Wer Probleme bei der Erziehung seiner Kinder hat, dem schickt der Sender die „Super-Nanny“. Wer sich finanziell ruiniert hat, der kommt in den Genuss eines Schuldenberaters und wer als Bauer keine Frau findet, dem wird auch geholfen. Nun kümmert sich RTL auch noch um die Arbeitslosen: Der Sternekoch Christian Rach baut mit einem Dutzend junger Praktikanten in zwei Monaten ein edles Restaurant auf.
Seit Ende August läuft jeden Montagabend eine Episode aus „Rachs Restaurantschule“. Mit dabei: Der recht füllige Tim, 29 Jahre – während seiner drei Jahre im Gefängnis hat er bereits eine Lehre als Koch absolviert. Nina, 18 Jahre – sie hat bereits ungewollt ein Kind, sieht aber trotzdem schon wieder verdammt gut aus und hat mit Jonny bei der „Real-Life-Doku“ auch gleich einen neuen Freund gefunden. Des weiteren Rena mit geschätzten 135 Kilo, die von Rach zum Sporttreiben verdonnert wird. Darüber hinaus sind einige Gangsta-Rapper mit Migrationshintergrund an Bord, um das Bild zu komplettieren.
Die 17-jährige Jennifer ist seit diesem Montag nicht mehr mit dabei, weil sie Heimweh hatte und dem Projekt – Rach zufolge – nicht gewachsen war. Doch auch sie hat der Sender nach dem Ausscheiden aus der Restaurantschule weiter begleitet und darüber berichtet, dass sie inzwischen ungewollt schwanger ist.
Lachen über die Unterschicht
Bei dieser Auswahl an Auszubildenden müssen sich „normale“ Arbeitslose echt verschaukelt vorkommen. Christian Rach betont zwar immer wieder, dass es ihm als Unternehmer darum gehe, sozial Schwächere zu integrieren und ihnen eine Chance zu geben. Doch was passiert hier tatsächlich? Ginge es darum, Benachteiligten zu helfen, hätte sich der Sternekoch aus den Bewerbungen diejenigen heraussuchen müssen, die schon alles versucht, aber einfach keine Arbeit gefunden haben.
Darum geht’s aber nicht. Der soziale Anstrich trügt. Vielmehr lädt RTL seine Zuschauer dazu ein, sich über die Unterschicht in diesem Land lustig zu machen. Dazu benötigt der Sender nicht die besten Bewerber, sondern die mit der tragischsten Biographie. Zur Steigerung der Dramatik und Heiterkeit ist dann jedes Mittel recht. Diesen Montag führte Rach seine Praktikanten in eine Schlachterei und ließ uns alle dabei zusehen, was mit der Kuh geschieht, bevor sie auf den Teller kommt.
RTLs Vorführtaktik
Das Ziel ist also klar: Mit vielen Tränen, einer kleinen Romanze, hin und wieder einem leckeren Braten, vielen Missgeschicken und Wutausbrüchen sowie allerhand dicken und dämlichen Menschen, die bisher an den Anforderungen der Leistungsgesellschaft gescheitert sind, will uns RTL ein gutes Gefühl geben: So bescheuert wie die da in der Kiste, kann man doch gar nicht sein.
Das Endergebnis des Projekts, das Restaurant „Slowman“ (www.slowman.de), das seit 2. Juli in Hamburg geöffnet hat, ist übrigens auch nur ein schlechter Witz. Denn was lässt man wohl die ehemaligen Arbeitslosen zaubern? Na klar, anspruchsvolle internationale Küche. Wie realistisch!
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