Soziale Medien: Ist weniger mehr?
Es gibt sie wirklich: Relativ junge Menschen, die von Sozialen Medien wenig bis gar nichts wissen wollen. Unter Freundschaft oder Mediennutzung stellen sie sich offenbar etwas anderes vor, oder sie schätzen es, wenn Medien und Bildschirme nicht das ganze Leben durchdringen.
„Ich habe die Schnauze voll von Facebook. Echte Freunde melden sich per Telefon“, sagte Thessa am 7. Juni im Interview mit der Bild-Zeitung. Thessa war mit dem unfreiwilligen „Erfolg“ der Feier zu ihrem 16. Geburtstag in die Schlagzeilen geraten. 16.000 Facebook-Nutzer hatten zugesagt, 1.600 waren gekommen – weil Thessa nach eigener Aussage vergessen hatte, ihre Einladung auf Facebook als privat zu markieren. Das Ergebnis war Thessa, ihrer Familie und den Nachbarn sehr unangenehm. Thessa gab zu Protokoll, dass sie sich nun schäme und Angst habe, angesprochen zu werden.
Vom Saulus zum Paulus?
Thessa könnte man als eine Geläuterte betrachten, eine, die vom Saulus zum Paulus geworden ist. Oder hat sie es erst in der einen und dann in der anderen Richtung übertrieben? Viele Facebook-Nutzer nehmen ihr das „Versehen“ der öffentlichen Party-Einladung gar nicht ab. Und wahre Fans lassen auf ihr „Immer-Dabei-Medium“ nichts kommen. Die vielen Warnungen im Zusammenhang mit dem mangelhaften Datenschutz bei Facebook perlen an ihnen ab. Das sei reine Panikmache, vollkommen überzogen und die deutsche Einstellung zum Datenschutz passe sowieso nicht mehr zu den unaufhaltsamen Entwicklungen wie Google Street View oder der Gesichtserkennung bei Facebook.
Auch wenn das alles stimmen sollte, hält eine andere Fraktion den Dauer-Facebookern vor, dass es auch noch etwas anderes gebe. Nach einem Arbeitstag am Bildschirm haben sie wenig Lust, ihre Freizeit von Computern und Smartphones dominieren zu lassen. Oder sie empfinden es als unhöflich, wenn sie Zeit mit Freunden verbringen, die sich währenddessen von Multimediageräten ablenken lassen und sich ständig „der Welt“ mitteilen müssen.
Nichts ist so alt wie ein Chat von gestern
Selbst wenn die Mitteilungen nur an das eigene Netzwerk gehen: Oft sind das hunderte Menschen. Können das wirklich alles Freunde sein? Möchte man regelmäßig die Lieblings-Youtube-Videos ehemaliger Schulkameraden gepostet bekommen? Oder wissen, dass die Tochter einer Arbeitskollegin Langeweile in der Schule hat? Und das eventuell auch noch nachlesen, wenn sie gar nicht mehr online ist? Oft haben die Mitteilungen auf Facebook oder Twitter ja etwas von einem verewigten Chat-Gespräch. Aber nichts ist so alt wie ein Chat von gestern. Und dann liest man das also nach und draußen scheint die Sonne und ein Buch hat man vielleicht auch schon lange nicht mehr gelesen. Der Tag hat eben nur 24 Stunden. Und viele Mitteilungen kann man schwerlich als Kontaktpflege bezeichnen, von den „Anwendungen“ ganz zu schweigen.
Keine "Medien-Völlerei"
Schon bevor sich die Sozialen Medien auf breiter Front durchgesetzt haben, sagten manche Wissenschaftler, mehr Fernkontakte würden zu weniger Nahkontakten führen. Sicher kann man Soziale Medien zum Austausch mit echten Freunden nutzen. Thessa ist aber der Meinung, dass man denen wenigstens eine SMS wert sein sollte. Und andere finden, wenn man seinen Eltern die eigenen Urlaubsfoto nur zugänglich macht, wenn die sich einen Facebook-Account zulegen, dann ist etwas an Beziehungsfähigkeit auf der Strecke geblieben. Heutzutage wird immer wieder von Medienkompetenz gesprochen, und davon, dass gerade die Generation, die mit dem einfachen Zugang zu fast allem aufwächst, Medienkompetenz erwerben, lernen müsse. Und das heißt: Keine „Medien-Völlerei“ betreiben, sich selbst einschränken und weise wählen können bei dem, was man konsumiert oder auch selbst postet – oder?


