Macht ein sofortiger Atomausstieg Sinn?
Zwei Monate sind seit der Katastrophe in Fukushima vergangen. Bis heute ist die Lage nicht unter Kontrolle. Letzte Woche starb ein Arbeiter des Atomkraftwerks – vermutlich aus Erschöpfung. In Deutschland hat das Unglück eine große Diskussion über die Sicherheit von Atomenergie entfacht, die geplante Laufzeitverlängerung von deutschen AKWs steht nun auf der Kippe. Aber wie sinnvoll wäre es, sofort aus der Kernenergie auszusteigen?
Hat der „Stresstest“ etwas gebracht?
Sieben Atomkraftwerke wurden in den letzten sechs Wochen einem „Stresstest“ unterzogen. Das Ergebnis: Die deutschen Kraftwerke sind zwar sehr robust, aber keines ist z.B. gegen einen Flugzeugabsturz gesichert. Das habe man auch schon vor der Überprüfung gewusst und es als Restrisiko in Kauf genommen, sagte Bundesumweltminister Norbert Röttgen. Er halte es für verantwortbar, nicht sofort aus der Kernenergie auszusteigen. SPD-Chef Sigmar Gabriel kritisierte hingegen, dass auf Grund von zu wenig Zeit und veralteter Prüfkriterien der Bericht nicht aussagekräftig sei.
Die Diskussion geht weiter und man hat das Gefühl, dass Deutschland das einzige Land ist, in dem eine so große Debatte über Atomkraft geführt wird. Im Ausland wird die deutsche Reaktion auf Fukushima größtenteils kritisch gesehen, so z.B. erklärt die spanische Zeitung „El Mundo“ das Verhalten der Kanzlerin als „Panikmache“, die Züricher Zeitung spricht sogar von einer „Peinlichkeit ersten Ranges“.
Wir importieren Atomstrom aus Frankreich
Welche Folgen hätte ein sofortiger Atomausstieg? 2009 betrug der Anteil von Kernenergie an der Stromerzeugung 22,7%. Noch Anfang März exportierte Deutschland Strom in andere Länder. Nach Angaben der Bundesnetzagentur gehört dies allerdings der Vergangenheit an: Durch die einstweilige Abschaltung der sieben Kraftwerke sind wir jetzt auf Stromimporte angewiesen. Laut Matthias Kurth, dem Präsidenten der Bundesnetzagentur, importieren wir nun täglich ca. 2500 Kilowattstunden Strom, vor allem aus Frankreich. Frankreich bezieht jedoch 80% seines Stroms aus Kernenergie!
Außerdem: Sowohl in Frankreich als auch in Polen und Tschechien liegen Atomkraftwerke nahe unserer Grenze, deren Sicherheitsstandards wahrscheinlich auch nicht besser als die der deutschen AKWs sind. Im Falle einer nuklearen Katastrophe in einem dieser Kraftwerke wäre auch Deutschland betroffen. Doch genau von diesen Ländern müssten wir vorerst Strom importieren, weil erneuerbare Energien wie Windkraft und Solarenergie noch nicht im Stande sind, die Lücke zu füllen, die die Abschaltung der AKWs hinterlassen würde.
Die Umwelt sollte oberste Priorität haben
Warum also startet Deutschland Hals über Kopf einen Alleingang im Atomausstieg, obwohl dies die anderen Mitgliedsstaaten der EU ebenso etwas angeht? Das Ziel sollte doch sein, mehr und mehr erneuerbare Energien einzuführen und der Umweltverschmutzung durch Kohle, Gas und Öl ein Ende zu bereiten. Aber den größten Anteil der Energieproduktion unseres Stromexporteurs Tschechien macht Kohle aus. Fakt ist, dass Atomenergie neben erneuerbarer Energie die sauberste Energieform ist, die wir derzeit haben. Und obwohl wir nicht auf ewig unseren Strom aus Atomenergie beziehen sollten, stellt sich die Frage ob es klug ist, aus der Atomenergie auszusteigen, bevor wir ausreichend erneuerbare Energieerzeugen können.


