So wird auch Er euch vergeben

Mia steht tränenaufgelöst vor Ruths Tür steht. Sie hat sich mit ihrem Freund gestritten und sucht Trost. Doch dann zoffen sich die besten Freundinnen so, dass sie sich tagelang aus dem Weg gehen. Ruth ist wütend. „Wie konnte Gott das zulassen“, fragt eine Stimme in ihr. Als Ruth dann die Bibel der Schwester in die Hände fällt, meldet sich eine zweite Stimme. Erst leise, doch dann immer lauter.
  • Foto: Flickr/allyaubry

 

Ruth hatte schon den ganzen Morgen ein mulmiges Gefühl im Magen. Als es klingelte, erschrak sie. Zögernd ging sie zur Tür. Einen Moment später blickte sie in das verweinte Gesicht ihrer Freundin Mia. Das sonst so selbstbewusste Mädchen stand wie ein Häufchen Elend vor ihrer Tür. Doch noch bevor Ruth etwas sagen konnte, hing ihr die Freundin schon schluchzend am Hals. Mia hatte ja schon immer einen Hang zur Dramaturgie gehabt, aber diesmal hatte Ruth das Gefühl, das etwas Schlimmeres vorgefallen sein musste.

Vorsichtig schob sie Mia ein Stück von sich und dann die Treppen rauf in ihr Zimmer unter dem Dach. Dort setzte sie sich Mia gegenüber aufs Sofa und sah sie fragend an. Mia aber brauchte erst ein paar Schlucke Kaffee, bevor sie loslegte. „Es ist wegen Josh...“, begann sie. Und dann erzählte sie von dem schönen Nachmittag am See, den sie mit ihrem Freund verbracht hatte, und von dem anschließenden Besuch der kleinen Eisdiele am Marktplatz.

Als sie eine Pause machte, fragte Ruth: „Deswegen bist du jetzt aber nicht so von der Rolle, oder?“. Sie war sich sehr wohl bewusst war, dass selbst Mia, unter Aufbietung ihrer gesamten Theatralik, darin keinen Grund zur Aufregung finden konnte. „Natürlich nicht!“, brauste diese auf. Sie erzählte davon, dass Josh mit ihr am kommenden Wochenende zu einem Basketballturnier wollte, sie darauf aber keine Lust hätte. Natürlich hatte sie ihm das dann auch gesagt. Ruth, die ihre Freundin gut kannte, konnte sich lebhaft vorstellen, wie ‚einfühlsam’ Mia dabei vorgegangen war. „Und dann hat Josh gesagt, dass ich nicht immer so egoistisch sein solle. Er sei schließlich auch schon oft mit mir in einen Liebesfilm oder zum Shoppen gegangen. Ja geht’s denn noch? Mich einfach als egoistisch abzustempeln! Außerdem bin ich auch schon öfters mit ihm zu Skaterpartys oder ähnlichem gegangen.“

„Öfters.“ Ruth runzelte die Stirn. „Mia, mit öfters meinst du doch wohl nicht die ein- oder zweimal, zu denen du dich bisher mit Mühe und Not durchringen konntest.“ In der nun eintretenden Stille zögerte Ruth kurz, bevor sie Mia sagte, dass sie auch Josh verstehen könne. Allerdings fügte sie noch beschwichtigend hinzu, dass in diesem Fall wohl beide Seiten die Schuld traf. Sie hatte noch nicht mal ausgeredet, als Mia schon aufsprang und schrie: „Ach ja, das wirst du gerade wissen. Mensch Ruth, manchmal bist du echt so unsachlich!“. Ruth spürte, dass ihr die Situation zu entgleisen drohte. Deshalb entgegnete sie so ruhig wie möglich: „Was ist denn daran unsachlich Mia?“. „Was daran unsachlich ist willst du wissen? Hmmm, lass mich mal nachdenken... Also, ich komme als deine beste Freundin mit meinen Problemen zu dir und suche Trost. Und was machst du? Hältst mir Vorträge über mein Verhalten, statt mir zu helfen!“

Ruth, der es langsam zu bunt wurde, entgegnete etwas lauter als sonst: „Weist du, was ich glaube? Dein Problem ist, dass du mit der Erwartung zu mir gekommen bist, ich würde nur Verständnis für dich und deine Sicht aufbringen und dich außerdem noch darin bestärken, dass Josh an allem Schuld ist. Aber das kann ich nicht, weil es nicht ehrlich wäre. Und deshalb bist du jetzt angepiekt!“. Mia, die bebend vor Wut, mit zusammengekniffenen Lippen dasaß, presste hervor: „So Ruth und ich sag dir jetzt auch mal was. Weißt du, was dein Problem ist? Dein Problem ist, dass Josh sich in mich und nicht in dich verliebt hat. Du bist ja bloß eifersüchtig!“.

Das saß! In Ruths Kopf drehte sich alles. Dennoch begann sie einen letzten Versuch, die Situation zu retten: „Mia, ich wollte dich keinesfalls kritisieren oder verletzen. Ich habe lediglich versucht, dir einen anderen Blickwinkel zu verschaffen. So, dass du Josh vielleicht besser verstehen –“. „Verstehen? Ach Ruth, hör doch auf! Du warst schon immer so. Austeilen, das kannst du, und was du sagst, das stimmt. Aber dass auch mal ein Anderer Recht haben kann, das konntest du noch nie akzeptieren!“.

Ruth wusste, dass Mia bedingt richtig lag. Zumindest auf früher traf das zu. Doch sie hatte sich verändert. Bevor sie jedoch noch etwas zu ihrer Verteidigung hervorbringen konnte, stürmte Mia aus dem Zimmer und knallte kurz darauf die Haustür hinter sich zu. Minutenlang saß Ruth wie betäubt da, bevor sie aufstand und ins Bad ging. Den restlichen Tag über schlich sie wie ein Geist durch die Wohnung. Sie fühlte sich kraftlos und allein. Ihre Eltern und auch ihre Schwester waren nicht da. So begann sie damit, das Abendessen vorzubereiten.

Später, als ihre Schwester Leah vor dem Essen betete, ging etwas Setsames in Ruth vor. Sie wurde plötzlich wütend und alles in ihr sträubte sich dagegen, diesem Gott zu danken. Er war es ja, der zugelassen hatte, dass sie sich so heftig mit ihrer Freundin gestritten hatte. Diesem Gott, dem sie jahrelang so nah gewesen war, fühlte sie sich plötzlich ganz fern. Und als sie sich dann beim Essen verbrannte, fing Ruth an zu fluchen. Schließlich knallte sie ihr Besteck auf den Teller, riss ihre Jacke vom Garderobenhaken und warf die Haustür hinter sich zu.

Sie rannte lange und ziellos durch die Straßen. Während ihr der Wind ins Gesicht blies haderte sie mit Gott : „Das ist so unfair! Warum hast du das zugelassen, warum?“. Doch sie bekam keine Antwort. Auch wenn sich in ihr ein leises Stimmchen regte, das ihr sagte, dass sie Gott nicht die Schuld an dem Streit mit Mia geben durfte, las Ruth abends vor dem Schlafengehen nicht wie sonst in der Bibel, auch betete sie nicht. Denn da war noch eine Stimme. Eine viel lautere, die bei solchen Gedanken immer sofort dazwischenfunkte.

So ging es mehrere Tage, und Ruth ging es immer schlechter. An einem Morgen war sie besonders deprimiert. Sie beschloss aufzuräumen, um sich abzulenken. Nach ihrem eigenen Zimmer, war das ihrer Schwester Leah dran. Ruths Blick fiel auf den mit Büchern, Heften und Stiften beladenen Schreibtisch. Als sie gerade dabei war, die Stifte einzusammeln, weckte ein aufgeschlagenes Buch in dem Papierwust ihre Neugier. Ruth zog es hervor. Es war die kleine Bibel ihrer Schwester. Sie wollte sie gerade wieder weglegen, als ihr Blick auf ein Wort fiel: Vergeben. Langsam ließ sie sich in Leahs Sessel sinken. Dann las sie die Stelle in Matthäus 6 wieder und wieder: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht ergeben.“

Mit einem mal wurde Ruth bewusst, wie blind sie gewesen war und vor allem, wie aufsässig gegenüber Gott. Wie konnte sie erwarten, dass er ihr ihre Sünden täglich vergab, wenn sie gleichzeitig nicht bereit war, Mia zu vergeben! Doch kaum hatte sie dies gedacht, funkte die andere, lautere Stimme in ihr dazwischen: „Spinnst du? Mia war es doch, die zu dir kam. Du hast sie getröstet, und sie macht dich dumm an! Warum solltest du ihr vergeben?“, Ruth war hin und her gerissen. Da meldete sich wieder die andere Stimme in ihr, etwas lauter als bisher: „Christus ist für dich und deine Sünden am Kreuz gestorben. Er hat dir deine Sünden vergeben, alle! Frag dich doch mal, was wäre, wenn er so gedacht hätte, wie du gerade!“. Sofort schaltete sich wieder die lautere Stimme ein: „ Hast du etwa schon vergessen, was Mia dir unterstellt hat? Dass du eifersüchtig bist. War das nicht Demütigung genug?“. „Jesus vergibt dir doch auch jeden Tag neu“, meinte die bisher leisere Stimme nun so laut, dass Ruth meinte, Gott stünde direkt neben ihr.

Plötzlich sah sie alles ganz klar. Sie ging auf die Knie und betete: „Danke Gott, dass du mir die Augen geöffnet hast. Bitte vergib mir meine Sturheit und hilf mir, die richtigen Worte zu finden, wenn ich mich wieder mit Mia versöhne. Amen.“ Fünf Minuten später war Ruth schon auf dem Weg zu ihrer Freundin. Sie konnte bereits das Haus sehen, als sie Mia erblickte, die ihr entgegen lief. Und so flogen sie sich Sekunden später in die Arme. „Na, das war wohl Gedankenübertragung, was?“ Lachend blickte ihr Mia in die Augen. Doch Ruth erwiderte dankbar, mehr an Gott, als an Mia gerichtet: „Nein, das war Gott!“.

Die Evangelische Nachrichtenagentur idea hat zusammen mit dem Verband Evangelischer Bekenntnisschulen erstmals einen Schülerschreibwettbewerb veranstaltet. Die Themen waren „Vergebung“ (Klassen 8-10) und „Familie“ (Klassen 11-13). Die besten Beiträge des Wettbewerbs veröffentlicht idealisten.net in den nächsten Wochen. Svenja Zehr hat ihrem Text "So wird auch Er euch vergeben" am Wettbewerb der Unterstufe teilgenommen.

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1 Kommentar wurden bereits abgegeben

  • 1.  
    schrieb am 15.05.2011 20:06

    Echt ergreifender Bericht, geht einem unter die Haut.

    Muss da mal drüber nachdenken, ob bei mir da auch was ist wegen Unversöhnlichkeit gegenüber Freunden.

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