Skurril isländisch: Helgasons neuer Roman

Auch Aschewolken haben ihr Gutes. Denn kurzweilig geriet wieder eine Insel in den Mittelpunkt, der lange Zeit zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Doch es bedarf nicht einmal des unaussprechlichen Vulkans Eyjafjallajoküll. Allein die Lektüre von Hallgrímur Helgasons Roman mit dem ebenfalls zungenbrecherischen Titel „Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen“ hätte genügt, Neugierde für das einzige Land Europas ohne Waffenläden zu wecken.
  • Hallgrímur Helgason. Foto: Klett-Cotta/ Marijan Murat

 

Grotesker Plot und skurrile Kontrastfiguren

Wer Helgason kennt, den überrascht das 2010 in dritter Auflage im Tropen-Verlag erschienene Werk freilich kaum. Der isländische Schriftsteller überzeugte bereits in den Romanen „101 Reykjavik“ oder „Rokland“ mit einem grotesken Plot und Kontrastfiguren, die so anscheinend nur Island selbst schreibt. In dem 1996 erstmals erschienenen „101 Reykjavik“ etwa stellt Helgason dem dreißigjährigen Faulenzer Hynkur die spanische Flamencolehrerin seiner Mutter, Lola, gegenüber. Internationale Bekanntheit erlangte das Buch 2000 durch die Verfilmung des Regisseurs Baltasar Kormákur. Über sein Heimatland hinaus bekannt wurde der Autor auch durch „Rokland“.

Weg zurück zum Wesentlichen

Der Roman über den Blogger und isländischen Don Quijote Böddi ist jedoch mehr als eine groteske Erzählung über einen Außenseiter. „Böddi predigte einen Weg zurück zum Wesentlichen, zu klassischeren Werten. Zum Beispiel, dass wir Isländer unser eigenes Erbe schätzen sollten, das der Sagas und der wahren Poesie“, erklärte Helgason am 10.12.2008 im Interview mit der taz. Böddie kämpft als Lehrer gegen den Verfall der Jugend, wird aber gefeuert und mobilisiert schließlich per Internet im Keller seiner fernsehsüchtigen Mutter. „Wir sind vom Wohlstand betäubt“, warnt er als Eindringling in einer Fernsehshow und wird von der Polizei erschossen.

Komplikationen in Reykjavic

So medien- und gesellschaftskritisch geht es freilich in „Zehn Tipps das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen“ nicht zu. Denn im Gegensatz zu Böddie kennt der kroatische Auftragskiller Tomislav Bokšić, auch Toxic genannt, wenig Gründe, in Island eine Revolution auszurufen. Sein Credo lautet MWA - „Möglichst Wenig Aufsehen“. Dieser essentielle Grundsatz gerät ins Wanken, als er in seiner Wahlheimat New York versehentlich einen FBI-Agenten erschießt und flüchten muss. Toxic übernimmt nun die Identität des evangelikalen Fernsehpredigers Reverend David Friendly, den er zuvor auf der Toilette des John-F.-Kennedy-Flughafens ermordet. Anstatt in die kroatische Hauptstadt Zagreb zu fliegen, reist Toxic notgedrungen nach Reykjavic. Seine Vermutung „Das ist in Europa, glaube ich“ deutet bereits Komplikationen in der nördlichsten Hauptstadt der Welt an.

Ein kroatischer Auftragskiller als evangelikaler Fernsehprediger

Denn sehr zum Unmut des Auftragskillers empfängt ihn am Flughafen ein Fernsehprediger-Ehepaar, das ihn auch gleich auf einen Auftritt in einem isländischen Bibelsender vorbereitet. Das Publikum besteht im wesentlichen aus dem Kameramann und zwei bis drei Statisten. So meistert Toxic ohne Lampenfieber den Auftritt. Dass seine Tarnung dann doch auffliegt, dürfte auch der „Butterblondine“ und Tochter seiner Gastgeber, Gunholder, zuzurechnen sein. Dem isländischen Priester Thórđur gelingt es schließlich doch recht erfolgreich, Toxic von seiner Vergangenheit als Serienkiller zu therapieren. Dabei rückt auch Toxics Vergangenheit als Söldner im Jugoslawien-Krieg in den Vordergrund. Erinnerungsfragmente an kroatische und serbische Massaker geben dem Roman zugleich auch eine ernste, nachdenkliche Note.

Hoher Unterhaltungswert

„Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen“ fesselt aber in erster Linie durch seinen Unterhaltungswert. Wer am schrägen bis grotesken Humor Helgasons Gefallen findet, wird daran auch nichts Anstößiges finden. So überrascht es auch wenig, dass selbst der kroatische Serienkiller in Europas einzigem Land ohne Waffenläden eine neue Heimat findet.

Hallgrímur Helgason: Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen. Stuttgart: Tropen-Verlag 2010. 271 Seiten. 19,90 Euro.

 

 

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