Sich mit dem Leben versöhnen

Hin und wieder braucht es Geschichten, die uns helfen, das Wunderbare in unserem Leben zu sehen. Der Bestsellerautor Titus Müller erklärt, warum wir manchmal unzufrieden sind, ohne dass es nötig ist, und wie wertvoll Erzählungen sind, die uns dankbarer machen.
  • Titus Müller ist Bestsellerautor historischer Romane und wurde 2005 mit dem C.S. Lewis-Preis ausgezeichnet. Foto: Sandra Weniger/PR

 

Als Autor beginne ich jedes Buchprojekt mit Euphorie und in der Erwartung, das perfekte Buch zu schreiben. Ungefähr bei der Mitte stelle ich enttäuscht fest: Auch dieses Buch hat seine Schwächen. Dann beginnt ein schwieriger Prozess: der Versuch, die Mängel des Manuskripts zu beheben, die Geschichte besser aufzubauen, ihre Helden sympathischer zu machen. Zu diesem Prozess gehört auch, sich mit ein oder zwei irreparablen Schwächen auszusöhnen und weiterzumachen. Am Ende kommt ein gutes Buch heraus, kein perfektes, aber ein gutes.

Das Wunderbare sehen

Vielleicht ist es mit dem Leben genauso, und man muss sich von Zeit zu Zeit damit versöhnen. Neulich war ich mit meinem Bruder Claudius spazieren. Er lebt in den USA, ist Professor für Biochemie an der George Mason Universität in Washington DC. Ein traumhafter Job. Aber Claudius ist nicht zufrieden. Seine Krebsforschung hat bisher kein großes Ergebnis hervorgebracht, nur kleine Zwischenschritte. Er hatte sich erhofft, längst viel weiter zu sein.

Als wir so miteinander redeten, wurde uns klar, was für großartige Vorstellungen wir vom Leben hatten. Und dass wir, wenn sich nicht alle unsere Erwartungen erfüllen, oft das Wunderbare nicht sehen, das geworden ist. Claudius hat seine Traumfrau geheiratet, sie haben zwei prachtvolle Söhne. Und die Amerikaner versuchen fortwährend, ihn davon abzuhalten, nach Deutschland zurückzukehren, weil sie seine Arbeit an der Uni so schätzen. Das ist doch eine Menge!

Ich hatte große Pläne

Als Teenager hatte ich hochtrabende Pläne. Ich wollte Schriftsteller werden und Filmmusikkomponist und Programmierer von Computerspielen. Die vergangenen zehn Jahre habe ich mich auf das Schreiben konzentriert. Jetzt – mit 34 Jahren – ist mir bewusst, dass aus den beiden anderen Berufen nichts mehr werden wird. Ich kann nicht alles haben. Auch der Wunsch, so zu sein wie die anderen, führt mich in die Irre. Wir haben kein Haus, kein Auto. Aber ich kann tatsächlich unseren Lebensunterhalt damit verdienen, Geschichten zu erzählen. Einer meiner drei Traumberufe ist Realität geworden! Und ich bin in der Lage, an meinem Leben zu arbeiten wie ein Bildhauer an einer Steinfigur. Ich kann den Neid wegmeißeln, die Unzufriedenheit, und kann auf die Schönheit blicken, die Gott in dieses Leben hineingelegt hat.

Meine Traumfrau Lena

Als meine Traumfrau, Lena, noch ein Kind war, haben sie und ihre Freundinnen die Barbie-Spielsachen anhand der Düfte auseinandergehalten. Sie hatten vieles doppelt, und wenn sie sich nach dem Spielen trennen mussten, schnüffelten sie an jedem Kleidchen, jeder Spielzeugdecke, und wussten sofort: Das ist deins. Das ist meins. Die Freundin lebte nämlich in einem alten Bauernhaus, und die Spielsachen hatten den „historischen“ Duft des Hauses angenommen. Genauso hat jedes Leben seinen eigenen Geruch. Den kann ich nicht abschütteln, der gehört zu mir. Ich kann fremden Düften begegnen, kann von anderen Menschen lernen. Aber am Ende kehre ich zu mir und meinem Leben zurück. Ich muss es so annehmen, wie es ist – und dabei können Geschichten helfen.

Jesus – der Geschichtenerzähler

Jesus hat bei jeder Gelegenheit Geschichten erzählt. Oft waren es frei erfundene Begebenheiten, „Gleichnisse“, die seinen Zuhörern helfen sollten, etwas über ihr Leben zu begreifen und es besser zu gestalten. Wenn Geschichten es schaffen, mich an Gott und seine Liebe zu erinnern, wenn es ihnen gelingt, Güte in mein Leben zu bringen, dann haben sie viel erreicht.

 

Titus Müller ist Bestsellerautor, verheiratet und lebt in München. Der 34-Jährige schreibt historische Romane und Sachbücher und wurde 2005 mit dem C.S. Lewis-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihm der historische Roman „Der Kuss des Feindes“ (Verlag Fischer Schatzinsel, 288 Seiten, 14,99 €, ISBN 9783596854455)

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