Selbstbestimmt oder fremdbestimmt?

Wir leben in einer von Individualismus geprägten Zeit: Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung, eigene Visionen und Träume... Gleichzeitig sehnen wir uns zutiefst nach Gemeinschaft und Wegweisung. Schließt das Eine das Andere aus? Und was bedeutet das für meinen Glauben? Und bin ich bereit, Menschen das Recht zuzugestehen, mir zu helfen, meinen Weg zu finden?
  • Wer gibt uns die Richtung vor? Foto: Flickr/JorgeGT

 

In einer Gesellschaft, die das Ich, die Selbstverwirklichung und den Erfolg vor Werte wie Familie, Fürsorge und Gemeinschaft stellt, scheint es gegen jede Logik zu sein, anderen Menschen zu erlauben, in das eigene Leben hineinzureden. Ich weiß doch am Besten, was ich brauche. Vielleicht weiß Gott es auch. Aber andere Menschen? Bestimmt nicht.

Ein Spannungsfeld

Gleichzeitig hatten Seelsorge, Mentoring und Coaching nie zuvor eine so große Lobby. Weder in der Wirtschaft noch in den Gemeinden scheint man an diesen Formen der persönlichen Begleitung vorbei zu kommen. Der Trend entwickelt sich weg vom „Ich kann alles alleine“ hin zum „Ich brauche Wegweisung und Ergänzung“.

Wir stehen in der Spannung, den Individualismus mit den wiederentdeckten Werten von Korrektur und Wegweisung zu vereinbaren. Das gilt für unser gesellschaftliches Leben ebenso wie für unseren Glauben.

Glaube einsam

Dass der Gedanke, seinen Glauben ganz persönlich und für sich zu leben, nicht völlig falsch ist, belegen verschiedene Beispiele und Aussagen aus der Bibel. So fordert Jesus seine Zuhörer beispielsweise auf, sie sollen sich beim Beten nicht öffentlich zu Schau stellen, sondern sich in ihre eigene Kammer zurückziehen (Matthäus 6,5). Und auch Jesus selbst zog sich immer wieder zurück, um alleine mit seinem Vater im Himmel sprechen zu können. Offensichtlich gibt es also die Notwendigkeit, sich ganz allein mit Gott zu treffen und die Dinge des Alltags mit ihm zu besprechen

Glaube gemeinsam

Doch neben dem individuell gelebten Glauben zeigt die Bibel häufig, wie Menschen durch andere ermahnt werden (z.B. die Ermahnungen von Paulus an die Gemeinden). Wir werden sogar dazu aufgerufen einander zurechtzuweisen. Paulus schreibt in seinem 2. Brief an Timotheus: „Decke Schuld auf, weise zurecht, ermahne und ermutige“ (Kapitel 4,2). Schon zur Zeit Jesu und der ersten Gemeinden war klar, dass der Glaube immer zwei Komponenten hat - die persönliche und die gemeinschaftliche. 

Gott gebraucht Menschen

Es gibt Menschen, die meinen, dass sie keine Ergänzung durch Andere brauchen, weil sie alle Dinge mit Gott besprechen können. Es ist genial, wenn wir mit all unseren Freuden, Sorgen und Anliegen zu Gott kommen. Er ist der beste Ratgeber, den wir uns vorstellen können. Doch in seiner Weisheit und Weitsicht, belässt Gott es nicht dabei, nur persönlich zu ermahnen und zu ermutigen, sondern er gebraucht dafür auch Menschen. Diejenigen, die also meinen, sie könnten alles alleine mit Gott ausmachen, beschneiden sich der guten Korrektur, die Gott ihnen durch Menschen zukommen lassen möchte.

Wir brauchen ein Gleichgewicht

Die großen Persönlichkeiten der Bibel haben alle ein Leben geführt, welches sowohl die persönliche Zeit mit Gott, als auch die Korrektur durch andere Menschen beinhaltete (s.u.).Die Kunst unserer Zeit ist es, ein Gleichgewicht zwischen unserem Verlangen nach Selbstbestimmung und der Notwendigkeit der Korrektur durch andere zu finden. Dabei ist es egal ob diese anderen Menschen gute Freunde, eine Kleingruppe, die Familie oder Mentoren sind. Wichtig ist, dass wir uns überhaupt für die Korrektur von außen öffnen und Menschen bewusst das Recht zugestehen, Dinge in unserem Leben zu hinterfragen.

Mentoring als Chance

Mentoren sind eine dieser Möglichkeiten. Sie können eine großartige Hilfe im (Glaubens)leben sein. Sie schauen mit anderen Augen auf die Situationen, in denen wir stecken, und auf unser Verhalten. Dabei geht es einem guten Mentor gar nicht darum, dem Mentee seine Sichtweise aufzuzwingen. Vielmher wird es durch gezieltes Fragen, Hinterfragen und Ratgeben neue Perspektiven eröffnen und göttliche Wahrheiten in das Leben des Mentees hineinsprechen.

Es widerstrebt unserer Natur, eigene Standpunkte zu verlassen und fehlerhafte Sichtweisen zuzugeben. Doch wenn wir bereit sind Fehler aufdecken zu lassen, sowohl von Gott als auch durch andere Menschen, wird es unser Herz weicher und unsere Arbeit produktiver machen. 

Mentoring-Angebote

In Deutschland gibt es das christliche Mentoringnetzwerk. Dort werden Mentees an ehrenamtliche Mentoren vermittelt. Außerdem bietet xpand ein Programm an, welches sich „Leaders of influence“ nennt. Dieses soll jungen Leitern ermöglichen, Kontakte zu knüpfen und in einer Mentoringbeziehung eingebunden zu sein.

Beispiele aus der Bibel

Hier noch einige Beispiele von Menschen der Bibel, die sowohl aus der persönlichen Zeit mit Gott, als auch aus den Worten von Menschen Kraft schöpften oder Korrektur erlebten. 

Mose: Zurechtweisung und Hilfestellung durch Jitro (2. Mose 18) und persönliche Zeit mit Gott (2. Mose 19, 3ff)

David: Ermahnung durch Nathan (2. Samuel 12) und persönliche Zeit mit Gott (2. Samuel 22 und die Psalmen).

Paulus: Erhält den Heiligen Geist als Hananias zu ihm kommt (Apostelgeschichte 9, 17ff) und Gott begegnet ihm im Traum (Apostelgeschichte 18,9)

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